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Weltinnenpolitik Januar 2010 Die Wiederkehr des Sozialdarwinismus

Der Bologna-Prozess ist gescheitert. Als Ergebnis zeichnet sich eine Bildungskatastrophe ab. Was zwei Weltkriege nicht geschafft haben, könnte Bologna erreichen: die deutsche Universität zu zerstören. Von Ulrich Beck

05.02.2010 11:02
Ulrich Beck
Studentenprotest gegen den Bologna-Process am 17. November 2009 in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden. Foto: rtr

In den 1960er-Jahren riefen Georg Picht und Ralf Dahrendorf die "Bildungskatastrophe" aus. Die Antwort war: Bildung für alle. Der Bologna-Prozess ist gescheitert. Als sein Ergebnis zeichnet sich eine neue Bildungskatastrophe ab: keine Bildung für alle! Was zwei Weltkriege nicht geschafft haben, könnte Bologna erreichen: die deutsche Universität zu zerstören.

Hemmungslos schleudert eine Anti-Bildungs-Bildungsreform ihre Plastikwörter - Exzellenz, Kompetenz, Effizienz, Modularisierung und so weiter und so fort - hervor, und eine teils eingeschüchterte, teils sympathisierende Rektoren- und Professorenschaft setzt sie in die Wirklichkeit um.

Die Lebenslüge der Bildungspolitiker aber kommt in der Unverfrorenheit zum Ausdruck, mit der sie ihre Plastiksprache für die Wirklichkeit selbst nehmen. Man sagt "Bachelor" und setzt die McDonaldisierung der deutschen Universität in Gang: Fast Food entspricht Fast Education. Modualisierung löst die in Jahrzehnten gewachsenen Fachstandards und Diskursfelder auf. Die chronisch unterbesetzten Sozial- und Geisteswissenschaften können am Ende ihre eigenen fachwissenschaftlichen Abschlüsse nicht mehr anbieten. Der letzte Vertreter seines Faches knipst das Licht aus.

Damit alles dennoch seine Ordnung hat, bildet der Staat eine Art McKinsey-Stalinismus heran: Netzwerke aus Akkrediteuren, Evaluierern, Bildungsplanern und Bildungsspitzeln. Das erinnert verdammt an die DDRisierung der BRD. Ich schlage vor, dass die Studierenden jährlich jeweils an ihrer Universität, aber auch auf nationaler Ebene den "Margot-Honecker-Preis" für die herausragendste Absurdität im ganz normalen Wahn der Bildungspolitik öffentlichkeitswirksam vergeben. Denn es sind die Studierenden, und nur sie, die die Initiative ergriffen und die Universität, die Idee der Universität gegen die staatlich sanktionierte Übermacht der Reformattacken mit viel Zivilcourage verteidigen. Das spricht dafür, dass der demokratische Geist, der allseits beschworen wird, dennoch lebt.

Seit den 1960er-Jahren, so wurde im Rückblick ironisch angemerkt, wächst täglich die Zahl der Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime. Nach den Überraschungserfolgen der Studentenproteste gegen eine Reform, die ihnen eine Wochenarbeitszeit von 60 Stunden abverlangt, wächst täglich die Zahl der Professoren und öffentlichen Kommentatoren, die "immer schon" dagegen waren. Allerdings droht sich die neu entflammte Debatte in den technischen Details der Bildungspolitik zu verlieren, während die Frage nach der Alternative - welche Universität wollen wir? - ausgeblendet bleibt. Diese Frage möchte ich hier aufgreifen und in zwei Schritten erörtern: Welcher historische Wandel erschüttert das Hochschulwesen? Und welche Rolle soll die reformierte Universität in der veränderten Welt spielen?

Bildung! Bildung! Bildung!

In Harvard kann man lernen: Der Humboldt"sche Bildungsbegriff ist moderner denn je. Fast alle scheinbar ewigen Formen, Unsicherheit zu bewältigen, verlieren an Bedeutung - in Familie, Ehe, Geschlechterrollen, Klassen, Parteien, Kirchen, zuletzt der Wohlfahrtsstaat. Auf diese Vervollkommnung der Unsicherheit gibt es bislang nur drei Antworten: Bildung, Bildung, Bildung! Und nicht Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung! Denn mit der Ausrichtung an Arbeitsplätzen wird "der wirtschaftliche Bedarf" zum Bezugspunkt gemacht, den es in der rasant sich wandelnden Arbeitswelt dann so gar nicht mehr gibt.

Es ist nicht die Universität, die in Ruinen liegt, sondern das nationale Modell der Universität, jenes Bündnis von modernem Staat, akademischer Wissenschaft und nationaler Kultur, das nach innen dem nationalstaatlichen Projekt der kulturellen Integration, nach außen dem Imperialismus diente. Die historischen Rahmenbedingungen, unter denen der Nationalstaat und der moderne Begriff der Nationalkultur sich wechselseitig hervorriefen, werden von der Großen Veränderung einer sich zunehmend transnationalisierenden Wirtschaft, Kultur und Politik weggespült. Damit zerfallen: die Allmacht des Staates im Bildungswesen; der Elitecharakter der Universität (sowohl was den Zugang, als auch was das Curriculum betrifft); die Legende des akademischen Elfenbeinturms; nicht zuletzt der "methodologische Nationalismus" der Universität. Was ist damit gemeint?

Falsche Erkenntnis- und Bildungswege

Unter dem Eindruck der nationalen Einheit von Staat und Universität haben sich auch die Geistes- und Sozialwissenschaften "ganz natürlich" darin eingerichtet, den Staat als Nationalstaat, die Gesellschaft als Nationalgesellschaft, die Identität als nationale Identität, die Geschichte als Nationalgeschichte, die Ungleichheit als nationale Ungleichheit, die Gerechtigkeit als nationale Gerechtigkeit, die Demokratie als nationale Demokratie zu begreifen und zu erforschen.

Das konserviert in Zeiten des transnationalen Vermischens und Verwischens von Grenzen, der Erweiterung von Handlungsoptionen und Handlungswirklichkeiten in Wirtschaft und Politik, der multinationalen Familienformen, Bildungs- und Arbeitskarrieren, kurz: in der globalisierten Welt falsche Erkenntnis- und Bildungswege. Nirgendwo wird dies so skandalös deutlich wie in Europa, dessen Nationalgesellschaften und Nationalstaaten verflechtende Realität im Banne des methodologischen Nationalismus schlechterdings unbegreiflich bleibt.

Die Universitäten erleiden also das profane Schicksal anderer öffentlicher Dienstleistungen. Und die Antwort verlangt nicht weniger als eine Quadratur des Kreises: Sie muss einander widersprechende Ziele verbinden: das finanzpolitische Diktat des Weniger mit dem demokratiepolitischen Diktat des Mehr (Massenbildung und Elitenbildung).Im Umgang mit diesen Schwierigkeiten lassen sich drei programmatische Optionen der Bildungspolitik unterscheiden. Die Vertreter der nostalgischen Agenda stellen sich blind gegenüber diesen historischen Veränderungen und setzen auf das Motto: Warum soll sich etwas daran ändern, dass sich nichts ändert (insbesondere wenn wir dazu beitragen, dass sich nichts ändert)?

Die zweite Option der Bildungspolitik, die neoliberale Agenda, schickt sich an, die Universität als Markt-Universität nach dem Vorbild von Marmeladenfabriken umzumodeln. Wer in Marmeladenfabriken arbeitet, muss kein Liebhaber von Marmelade sein. Gegen beide Positionen grenzt sich die weltinnenpolitische Agenda ab. Ich unterscheide zwischen Humboldt 1 (19. Jahrhundert) und Humboldt 2 (21. Jahrhundert). Die Pointe ist: Die weltinnenpolitische Agenda will die Idee der Universität als Schule der Weltbürgerlichkeit neu begründen.

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Je billiger, desto besser

Die neoliberalen Eiferer finden für die staatliche Bildungspolitik der leeren Kassen immer neue Begründungen: Je billiger die Bildung, desto besser. Nach dem Motto: Wir geben euch die Hälfte des Mehls, aber daraus müsst ihr doppelt so viele Brötchen backen! Und so sind dann auch die neuen, mit Wasser gebackenen Bildungsbrötchen purer Etikettenschwindel: Bachelor gleich Studienverkürzung gleich Entlastung der öffentlichen Haushalte. Ob der Bachelor-Absolvent eine Stelle findet, ist seine Sache.

In der industriegeprägten Arbeitnehmer-Gesellschaft wurden Menschen zu möglichst perfekten Kopisten vorgegebener Blaupausen ausgebildet. In Zeiten dramatischer Veränderungen und globaler Konkurrenz werden hingegen sowohl für die Weltwirtschaft als auch für die demokratische Gesellschaft schöpferisch handelnde Grenzgänger wichtiger, die befähigt und bereit sind zur Selbstbestimmung, Mitbestimmung und zur Solidarität über Grenzen hinweg. Der Zweck aller Universität gerade auch im 21. Jahrhundert ist das Schärfen der eigenen Gedanken an den fremden. Das jedoch folgt nicht aus dem Idealismus der Aufklärung heraus, sondern aus dem ökonomischen Realismus der Weltwirtschaft. Das ist Humboldt 2 - nicht McKinsey!

Wer die Universität nach Marktprinzipien reformiert, beruft sich darauf, die Privilegienuniversität abzuschaffen und das Prinzip "Mehr Chancen für alle" durchzusetzen. Es droht jedoch das Gegenteil: die Wiederkehr des Sozialdarwinismus unter dem Druck der Globalisierung. Das macht perverserweise ausgerechnet Bildung - genauer: den Entzug von Bildung - zur Legitimation des Ausschlusses von Menschen aus der Gesellschaft. Eine sozial gerechte Bildungspolitik müsste daher der Devise folgen: Wer soziale Sicherheit abbaut, muss Bildung ausbauen. Denn in Bildung zu investieren ist sozusagen die Sozialversicherung, die nach der Sozialversicherung kommt.

Der Staat, der in seiner Finanznot Sozialausgaben kappt, muss das Geld stattdessen in Schulen und Hochschulen stecken. Auch gilt: Studiengebühren und Chancengleichheit schließen sich keineswegs aus, sondern ein, allerdings nur dann, wenn die Studiengebühren erstens wirklich ausschließlich den Hochschulen zugute kommen und zweitens dazu genutzt werden, ein bundesweites Darlehens- und Stipendienmodell zu finanzieren.

Autonomie der Hochschulen ist keine Marktautonomie

Ein weiterer Irrtum der gegenwärtigen neoliberalen Agenda liegt darin, die Forderung nach Autonomie der Hochschulen mit Marktautonomie zu verwechseln. Dadurch wird die Möglichkeit verspielt, die Humboldt bereits am Beginn des 19. Jahrhunderts vor Augen stand, nämlich Bildung und Forschung sowohl staatsfern als auch marktfern zu organisieren. Der unverzichtbare Schlüssel dafür liegt in der Selbstfinanzierung der Hochschulen, und diese wiederum könnte sich auf diverse Geldquellen stützen: Studiengebühren, Stiftungskapital, regionale und globale Netzwerke.

Insbesondere könnten Universitäten ihr Wissen patentieren (wie dies etwa in den USA am Massachusetts Institute of Technology geschieht) und auf diesem Weg Eigentumsrechte erwerben und Gewinnquellen erschließen - nicht zuletzt mit dem Ziel, die Autonomie der Hochschulen auch gegenüber dem Kontrollzugriff der Wirtschaft abzuschirmen.

Humboldt 1 verfolgte einen nationalpädagogischen Zweck. Die Universität wurde zur Geburtsstätte der nationalen Souveränität und der Nationalgesellschaft. Humboldt 2 dagegen gründet auf einer "Declaration of Interdependence". Keine Nation - so lautet ihr Kernsatz - kann ihre Probleme alleine lösen. Weltprobleme schaffen transnationale Gemeinsamkeiten. Interdependenz ist keine Geißel der Menschheit, sondern die Voraussetzung ihres Überlebens.Entsprechend muss das Wörterbuch des Gesellschaftlichen und des Politischen umgeschrieben werden.

Die Humboldt-2-Universität weist uns den Weg zu einer Humanität der gegenseitigen Abhängigkeiten - einer Humanität, für die das Ringen um die Würde des national konstruierten und ausgeschlossenen Anderen vielleicht den Stellenwert gewinnt, den der Klassenkampf im 19. Jahrhundert innehatte.

Wofür stehen die transnationalen Optionen?

Die globalen Eliten genießen und verteidigen eifersüchtig ihre neuen, transnationalen Optionen. Aber wofür stehen, streiten sie? Für einen reinen Ökonomismus? Oder für eine neue Verfassung der Freiheit? Das unterscheidet Humboldt 2 von Humboldt 1: An die Stelle der Schule der Nation tritt die Schule der Weltbürgerlichkeit. Damit geht es wieder um die Bildungsinhalte, um Neugier und Lernbegierde, nicht aber um das bloße utilitaristische Schielen auf Kompetenzlisten und didaktische Finessen.

Denn die weltinnenpolitische Agenda wagt es, die Universität zum Experimentalort einer zweiten, postnationalen Aufklärung zu machen. Da es diese erst in Ansätzen gibt, bleibt die Einheit von Forschung und Lehre unverzichtbar. Allerdings muss Humboldt 2 zwischen stärker auf Lehre und stärker auf Forschung ausgelegten Formen des Sowohl-als-auch unterscheiden.

Humboldt 1 diente der Einübung des nationalen Blicks, also der nationalen Elitebildung, setzte ein entsprechendes bildungsbürgerliches Milieu der Staatsbeamten und Besoldungsordnungen voraus. Humboldt 2 dient der Einübung des kosmopolitischen Blicks, bildet die Eliten heran, die national und international die sich im Kämpfen und Kriegen formierende Weltgesellschaft mitgestalten. Es entsteht eine Hochschule des Sowohl-als-auch, nämlich für national-kosmopolitische Eliten und Massenerziehung.

Einer neuen Klassenspaltung entgegenwirken

Diese Gleichzeitigkeit hätte eine wichtige Funktion. Sie könnte nämlich der sich schon heute einschärfenden, neuen globalen Klassenspaltung entgegenwirken - jener Spaltung zwischen über alle Grenzen hinweg vernetzen kosmopolitischen Eliten und territorial gebundenen arbeitenden und denkenden Mittelschichten, die sich als "Globalisierungsverlierer" sehen und hinter ihrem nationalen Weltbild verbarrikadieren.

Die Globalität von Humboldt 2 drückt sich in Finanzquellen, Forschungsthemen, Kooperationsformen, Curricula und global anerkannten Bildungspatenten aus; aber auch in den transnationalen Erfahrungshintergründen der Professorenschaft und der Forschungsteams sowie in der gezielten Einwerbung ausländischer Studierender mit unterschiedlichen Welterfahrungen und Weltperspektiven.

Nicht zuletzt auch als Antwort auf die Welt globaler Gefahren - Klimawandel, Weltwirtschaftkrisen, Terrorismus, Aids, - müsste Humboldt 2 auch wieder ein Ort werden, an dem das gefährliche Abenteuer des "versuchenden Gedankens" ermöglicht wird. Wie sonst sollte Nützlichkeit in einer sich selbst gefährdenden Zivilisation definiert werden?

Mehr zum Thema im Spezial: Bologna-Reform

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