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Weimarer Republik „Angst macht mir die Verrohung der Sprache“

Über Gewalt als Geburtshelferin der Weimarer Republik und Macht und Ohnmacht der Vergleiche spricht der Historiker Mark Jones, den die jüngsten Entwicklungen in Europa und den USA beunruhigen.

Spartakusaufstand im Januar 1919 in Berlin
Im Januar 1919 löst die Absetzung des Polizeipräsidenten Eichhorn den Spartakusaufstand aus. Foto: epd

Gibt es Parallelen?
Angst macht mir die schnell vorankommende Verrohung der Sprache. Das Schüren der Angst. Das Thema vom Ausländer, der unsere Frauen vergewaltigt – das kommt dem sehr nahe, wie damals aufseiten der Rechten geredet wurde. Seit Jahren kann man den Fernseher nicht mehr anmachen ohne zu hören: Ausländer sind gefährlich, der Islam ist gefährlich. Irgendwann nimmt man es hin als selbstverständliche Meinungsäußerung. Es formt die Mentalität. Es ist doch beängstigend, dass man Viktor Klemperers Buch „LTI“, seine Analyse über die Sprache des Dritten Reiches, zur Hand nehmen muss, um zu verstehen, was heute los ist. „Die Migration ist die Mutter aller politischen Probleme“ – gegen diesen Satz hätte alle Welt protestieren müssen. Allen voran die Kanzlerin und die vernünftigen Leute in der CSU.

Spüren Sie persönlich etwas von dieser Entwicklung?
Ich sehe wie ein Deutscher aus. Aber wenn ich den Mund aufmache, hören die Leute, dass ich Ausländer bin. Früher war das nie ein Problem. Jetzt ist Alltagsausländerfeindlichkeit ein Teil meines Lebens in Deutschland. Ich werde immer wieder anders behandelt, weil ich nicht mehr „zu uns“ gehöre. Aber vielleicht ist der Vergleich mit Weimar nicht der klügste, den wir machen können.

Welchen empfehlen Sie?
Großbritannien vor dem Brexit. USA vor Trump. Niemand in meinem Umfeld wollte an einen Sieg der Brexit-Befürworter oder an einen Sieg Donald Trumps glauben. Wir folgten dem Prinzip, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Inzwischen wissen wir, es gibt genügend Leute, die es gerade darum wollen, weil es nicht sein darf. Auch hier in Deutschland. 

Es sind ja nicht nur diese drei Länder.
Es kann auch sein, dass gleichgültig, was deutsche Politiker machen, die AfD plötzlich auf vierzig Prozent kommt wegen einer wirtschaftlichen Krise in einem der europäischen Nachbarländer. Das zentrale Problem von CDU und SPD ähnelt dem der konservativen Parteien der Weimarer Republik: Wollen wir gegen die Rechten kämpfen oder wollen wir unsere Wahlkämpfe mit ihren Parolen gewinnen?

Können wir lernen aus der Geschichte?
Sie liefert keine Rezepte, aber sie hilft uns, Problemlagen zu erkennen. Vorausgesetzt: Man beschäftigt sich mit ihr. Das Deutsche Historische Museum machte zum Jahrestag der Oktoberrevolution eine Sonderausstellung über die russische Revolution. Zur Novemberrevolution gibt es keine.

Interview: Arno Widmann

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