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Weimarer Republik „Angst macht mir die Verrohung der Sprache“

Über Gewalt als Geburtshelferin der Weimarer Republik und Macht und Ohnmacht der Vergleiche spricht der Historiker Mark Jones, den die jüngsten Entwicklungen in Europa und den USA beunruhigen.

Spartakusaufstand im Januar 1919 in Berlin
Im Januar 1919 löst die Absetzung des Polizeipräsidenten Eichhorn den Spartakusaufstand aus. Foto: epd

Herr Jones, die Gewalt ist für Sie offenbar die zentrale Frage der Jahre 1918/19.
Gewalt definiert die deutsche Geschichte wie kein anderes Thema. Im November 1918, nach mehr als vier Jahren Kriegsgewalt, scheint es, als ob die Deutschen dank der Revolution der Gewalt den Rücken kehren wollten. Es war ein Augenblick des Hoffens. Aber nur ein paar Wochen später gab es neue Formen der Gewalt in deutschen Städten, die es zuvor niemals gegeben hatte. Ich wollte wissen, welche Mentalitäten diese Entwicklung möglich gemacht hatten. 

Wie kamen Sie auf das Thema Gewalt?
Sie war omnipräsent in den Quellen, spielte aber in den Büchern über die Revolution eher eine Nebenrolle. Gräueltaten, zu denen es immer wieder kam, wurden wenig thematisiert. Seit den neunziger Jahren gab es zwar eine „Gewaltforschung“, die Fragestellungen bereitstellte, aber es gab kaum etwas zur Rolle der Gewalt in dem revolutionären Prozess in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. 

Die Novemberrevolution selbst war fast friedlich.
Der Journalist Theodor Wolff schrieb am 10. November im „Berliner Tageblatt“ über die Revolution des Vortages: „Man kann sie die größte aller Revolutionen nennen, weil niemals eine so fest gebaute, mit soliden Mauern umgebene Bastille so in einem Anlauf genommen wurde. Gestern früh war, in Berlin wenigstens, das alles noch da. Gestern Nachmittag existierte nichts mehr davon.“ In Berlin kamen damals vielleicht fünfzehn Menschen ums Leben. In ganz Deutschland sechzig bis siebzig.

Wie kam es dann doch zur Gewalt?
Es gab neben den Tatsachen die Gerüchte, die Ängste und die Prognosen. Der Kaiser war geflohen, weil er fürchtete, ermordet zu werden, wie sein Verwandter Zar Nikolaus II. und dessen Familie im Juli 1918 von Bolschewiki ermordet worden war. Auch Theodor Wolff fürchtete das Schlimmste. Der seltener zitierte Teil seines Aufsatzes beschäftigt sich mit der Frage, was zu tun sei, um auch in der Zukunft gewaltsame Auseinandersetzungen verhindern zu können. Vor seinem Haus standen Maschinengewehre. Er wusste, was drohte.

Die Revolution fand ja nicht nur in Deutschland statt.
Die Romanows, die Habsburger, die Hohenzollern und die Osmanen – sie alle mussten abtreten in diesen Jahren. Die Deutschen sahen damals alle erschrocken nach Osten. 
 

Von dort kamen auch Flüchtlinge.
Furchteinflößender war wahrscheinlich die Tatsache, dass etwa zwei Millionen russische Kriegsgefangene in Deutschland waren. In einer Situation, in der der kaiserliche Staat keine Macht mehr hatte, in der niemand wusste, wie die Ordnung aufrecht erhalten werden konnte! Was wäre, wenn es Karl Liebknecht gelänge, diese zwei Millionen Russen zu mobilisieren? Das war eine virulente Fantasie. Ängste und Fantasien bestimmten damals den Lauf der Geschichte. Am 3. November war der Matrosenaufstand in Kiel, eine Woche später war das Kaiserreich gestürzt. Was sollte da noch sicher sein? Das Ungeheuerlichste schien möglich.

Niemand rechnete damit, dass die Revolution innehalten würde?
Alles wurde enorm beschleunigt. Es kam zu Aufständen. Am 6. Dezember 1918 wurde mit Maschinengewehren in einen Revolutionszug geschossen. Ecke Chaussee- und Invalidenstraße. So etwas hatte es in Berlin noch nicht gegeben. Die Sozialdemokraten beobachteten genau, was in Russland geschah. Sie wollten kein bolschewistisches Deutschland. Sie wollten auch auf keinen Fall das Schicksal der Menschewiki erleiden.

Die Republik verteidigte sich nicht so sehr gegen die alten Mächte. Sie benutzte die vielmehr, um radikalere linke Kräfte niederzuschlagen.
Es gab nicht nur Ängste und Fantasien. Es gab auch eine tatsächliche linke Gefahr. Auch Anhänger des Spartakus-Bundes waren mit Maschinengewehren unterwegs. Die Republik trat ihren linken Feinden mit Gewalt gegenüber. Die Sozialdemokraten wollten klarmachen, dass sie für Ordnung eintraten, dass sie keinen Bürgerkrieg zulassen werden. Ein neuer Machthaber, ein neuer Staat gar legitimiert sich durch die Gewalt, die er ausübt. Er zeigt, dass er die Menschen schützen kann. Das ist immer wieder so in der Geschichte.

Die Republik wurde auf Gewalt errichtet.
Das fällt uns schwer einzusehen. Wir verstecken das auch gerne. Denn wir sind der Meinung: Demokratie ist gut und Gewalt ist schlecht. Vielleicht hätte es damals auch andere Möglichkeiten gegeben, gegen die linken Gegner der Republik vorzugehen. Aber politisch wäre das nicht akzeptiert worden. Es waren unsichere Zeiten. Der Staat musste zeigen, dass er seinen Bürgern Sicherheit bieten konnte. Es ging darum, den Feind zu besiegen. Mental war man noch nicht demobilisiert. Die unmittelbare Gefahr für die Republik kam 1918/1919 nicht von rechts, sondern von links. Darum musste die Republik sich mittels der alten Militärs gegen die Spartakisten wehren.

Die Gewalttätigkeit rührt aus der Angst?
Anfang der 30er Jahre kann man das wieder beobachten. Die Zerklüftung der Gesellschaft weckt die Angst vor dem Bürgerkrieg, die wiederum den Bürgerkrieg schürt. 1919 übten die, die die Gesellschaft vor der Gewalt schützen wollten, die meiste Gewalt aus. Am Ende der Weimarer Republik wandte sie weniger Gewalt an, als die, die ihr ein Ende bereiten wollten. 
 

Bei den jüngsten Wahlen haben die Volksparteien an Wählergunst deutlich verloren. Grüne und AfD profitieren davon. Die Bundesrepublik, die wir kannten, verschwindet gerade. 
Als ich begann, über die Revolution von 1918 zu arbeiten, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich mich jemals fragen würde, ob wir in einer Zeit lebten, die Parallelen hätte zum Ende der Weimarer Republik. Ich schrieb diese Arbeit am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Damals war unvorstellbar, dass irgendein Mitglied der Europäischen Union sie einmal verlassen würde. Die Zeiten ändern sich sehr schnell. Beschleunigung, Nervosität sind wieder zentrale Begriffe.

Gibt es Parallelen?
Angst macht mir die schnell vorankommende Verrohung der Sprache. Das Schüren der Angst. Das Thema vom Ausländer, der unsere Frauen vergewaltigt – das kommt dem sehr nahe, wie damals aufseiten der Rechten geredet wurde. Seit Jahren kann man den Fernseher nicht mehr anmachen ohne zu hören: Ausländer sind gefährlich, der Islam ist gefährlich. Irgendwann nimmt man es hin als selbstverständliche Meinungsäußerung. Es formt die Mentalität. Es ist doch beängstigend, dass man Viktor Klemperers Buch „LTI“, seine Analyse über die Sprache des Dritten Reiches, zur Hand nehmen muss, um zu verstehen, was heute los ist. „Die Migration ist die Mutter aller politischen Probleme“ – gegen diesen Satz hätte alle Welt protestieren müssen. Allen voran die Kanzlerin und die vernünftigen Leute in der CSU.

Spüren Sie persönlich etwas von dieser Entwicklung?
Ich sehe wie ein Deutscher aus. Aber wenn ich den Mund aufmache, hören die Leute, dass ich Ausländer bin. Früher war das nie ein Problem. Jetzt ist Alltagsausländerfeindlichkeit ein Teil meines Lebens in Deutschland. Ich werde immer wieder anders behandelt, weil ich nicht mehr „zu uns“ gehöre. Aber vielleicht ist der Vergleich mit Weimar nicht der klügste, den wir machen können.

Welchen empfehlen Sie?
Großbritannien vor dem Brexit. USA vor Trump. Niemand in meinem Umfeld wollte an einen Sieg der Brexit-Befürworter oder an einen Sieg Donald Trumps glauben. Wir folgten dem Prinzip, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Inzwischen wissen wir, es gibt genügend Leute, die es gerade darum wollen, weil es nicht sein darf. Auch hier in Deutschland. 

Es sind ja nicht nur diese drei Länder.
Es kann auch sein, dass gleichgültig, was deutsche Politiker machen, die AfD plötzlich auf vierzig Prozent kommt wegen einer wirtschaftlichen Krise in einem der europäischen Nachbarländer. Das zentrale Problem von CDU und SPD ähnelt dem der konservativen Parteien der Weimarer Republik: Wollen wir gegen die Rechten kämpfen oder wollen wir unsere Wahlkämpfe mit ihren Parolen gewinnen?

Können wir lernen aus der Geschichte?
Sie liefert keine Rezepte, aber sie hilft uns, Problemlagen zu erkennen. Vorausgesetzt: Man beschäftigt sich mit ihr. Das Deutsche Historische Museum machte zum Jahrestag der Oktoberrevolution eine Sonderausstellung über die russische Revolution. Zur Novemberrevolution gibt es keine.

Interview: Arno Widmann

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