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Weihnachtsmann Der Kerl mit der roten Mütze

Der Weihnachtsmann ist eine ungeheuer reiche Figur, vieldeutig bis zur Zwielichtigkeit, und seine Geschichte nicht nur erbaulich.

Auch diese Kinder im indischen Bangalore frönen dem Santa-Claus-Kult. Foto: dpa

Am 24. Dezember 1951 kam es auf dem Domplatz von Dijon zu einer abstoßenden Szene, auf die die Öffentlichkeit und die Presse Frankreichs, wie uns Claude Lévi-Strauss überliefert hat, „empfindlich reagierten“. Es ging bei dieser Inszenierung um die Ermordung eines „armen Kerls mit dem weißen Bart“, hieß es in der auflagenstärksten Zeitung Frankreichs, „France soir“, in der man sich über die „spektakuläre Hinrichtung“, die „symbolische Handlung“, allerdings „unpassende Kundgebung“ ausließ.

Man stelle sich vor, heute vergriffe sich ein versprengtes Grüppchen von Bibelaktivisten an einem Weihnachtsmann, einer Weihnachtsmannpuppe, zerrte sie zu einer öffentlichen Verbrennung – und der Klerus hieße eine solche Hinrichtung gut, so wie damals in Dijon. Wie lange bräuchte die Öffentlichkeit, um in diesem symbolischen Gewaltakt nicht nur blanken Hass, sondern Protest, nicht nur einen Affront, sondern Einspruch gegen die Banalisierung geweihter Bräuche zu erkennen? Um diese Erkenntnis ging es Claude Lévi-Strauss.

Die meisten Zeitungsartikel, befand der Sozialanthropologe in seinem Essay „Der gemarterte Weihnachtsmann“, schlugen „einen Ton taktvoller Gefühlsduselei“ an (der Aufsatz, nicht zum ersten Mal auf Deutsch erschienen, bildet den Auftakt in der Neuerscheinung „Wir alle sind Kannibalen“. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Suhrkamp Verlag 2014. 250 S., 26,95 Euro). Taktvolle Gefühlsduselei – wie das wohl heute wäre? Wo wir doch den Weihnachtsmann, davon können zarte Schokolade und knisterndes Stanniol kaum ablenken, lieben wie die Kannibalen, die sich ihre Opfer zurüsten.

Mag der Weihnachtsmann heute eine strotzend kommerzielle Funktion haben, seine kultische, in der er vor langer, langer Zeit als Heilbringer auftrat, der den Hunger von Kindern linderte, ist nicht vollkommen aus der Welt. Lévi-Strauss begnügte sich vor 60 Jahren mit kurzen historischen Verweisen, wichtig war ihm, dass der Weihnachtbaumkult in einem Baumkult aus „prähistorischen Zeiten“ wurzle. Er erinnerte daran, dass Rituale ein ungeheuer langes Gedächtnis haben, und was Jahrhunderte lang unbewusst schlummere, komme gelegentlich zu Bewusstsein.

Der Weihnachtsmann, so erzählen es ihm gewidmete Bücher, geistert durch die menschliche Kultgeschichte, er irrlichtert, lässt sich als Gabenbringer identifizieren und verschwindet wieder. Er ist unter den Figuren des Weihnachtsfestes heute so etwas wie eine schwankende Gestalt. Allerdings ist er keine mythische, wie Lévi-Strauss betonte – denn „es gibt keinen Mythos, der von seinem Ursprung und seinen Funktionen berichtet“. Unter dem strengen Blick des legendären Anthropologen und Ethnologen, der 2009 im biblischen Alter von 101 Jahren starb, ist der Weihnachtsmann nicht einmal eine legendäre Gestalt, „da sich keine halbhistorische Erzählung mit ihm verknüpft“.

Er ist eine Erfindung – wie so viele, das Christkind oder King Arthur. Aber im Unterschied bereits zum Nikolaus bleiben seine Anfänge diffus. Dieser Hinweis ist nicht ganz unwichtig, wo sich doch extremkritische Zeitgenossen, überhaupt Schlauberger viel darauf einbilden, die Abkunft des Weihnachtsmanns in den PR-Büros von Coca-Cola zu vermuten. Diese ist definitiv nicht richtig, gewiss auch so etwas wie ein Mythos, doch weil es keine richtigen und falschen Mythen gibt, nur unerhebliche und wirkmächtige, so muss man sagen, dass der Mythos von der Erfindung des Weihnachtsmanns durch Coca-Cola sowie sein Fortleben durch Santa Claus eine sehr, sehr relevante Erzählung geworden ist, barer Unsinn zwar, aber folgenschwer.

Auch Lévi-Strauss streifte kurz diese jüngere, 1952 nicht einmal 50 Jahre alte Erzählung. Auch räumte er ausdrücklich ein, dass die „Leichtigkeit“, mit der sich neue Weihnachtsbräuche in Frankreich „eingebürgert und akklimatisiert“ hätten, „ein unmittelbares Resultat des Einflusses und Ansehens der Vereinigten Staaten von Amerika“ seien. Lévi-Strauss sprach von „Verbreitung durch Anreiz“.

Tatsächlich, so weiß man aus Büchern, die die moderne Karriere des Weihnachtsmanns rekonstruieren, ist die Santa-Claus-Erzählung ein Re-Import. Zum einen das Resultat der ausgedehnten Popularisierung durch Coca-Cola im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, dem „Happy Xmas“, das die Amerikaner mit pompösen Christmas-Paraden feiern, auf girladengeschmückten Straßen, durch die ein Santa-Claus-Truck rauscht, am Steuer ein Weihnachtsmann.

Im Zuge dieser Kommerzialisierung und Popularisierung ist ebenfalls in Vergessenheit geraten, dass es Mitte des 19. Jahrhunderts der aus Deutschland und den Niederlanden in der neuen Welt der Vereinigten Staaten eingeführte Nikolauskult war, der Einfluss gewann und zugleich den traditionellen Nikolaus umformte. Zumal als (niederländischer) Sinterklaas in Neu Amsterdam, und das sollte sich nicht auf New York beschränken. Zwangsläufig, dass im Land der unbegrenzten Möglichkeiten der „geklonte Abkömmling“ (so der Weihnachtsmannforscher Manfred Becker-Huberti) des Nikolaus so etwas wie eine Bilderbuchkarriere machte.

Eine zweifelsohne sehr heterogene. Unser Weihnachtsmann ist so etwas wie ein Hybrid. So sehr seine Entwicklung eine auch ur-amerikanische war, als Mischformfigur war er ein Beispiel der Integration durch Assimilation. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es sozusagen Brauch, dass ein gemächlicher und beleibter Alter die Familien körperlich heimsuchte, virtuell schneite er vorzugsweise durch den Kamin herein. An den Legenden um den Nikolaus strickte ein so berühmter Schriftsteller wie der „Sleepy Hollow“-Schöpfer Washington Irving mit.

Daneben gab es allerdings eine rege Einfuhr an Erzählungen aus den Deutschland, namentlich durch den Auswanderer Thomas Nast, der Bildchen eines Kauz-Claus popularisierte, einen verschrobenen Gabenspender, nicht ganz unähnlich dem Eigenbrötler, den, jenseits des großen Teichs, in Deutschland, Moritz von Schwind 1847 als den „Herrn Winter“ in Umlauf brachte.

Auch das 19. Jahrhundert brachte eine mannigfaltige Figur hervor – ähnlich der Gestalt immer schon. Was sie, bei allein Abwandlungen und Umschreibungen stets mit sich (im Sack) führte, waren Gaben und Geschenke, Spielzeug und Spezereien. Der Weihnachtsmann beschenkte die Kinder, er belohnte und bestrafte, denn wo die Belohnung ausblieb, war die Ahnung für unartiges Verhalten nur zu offensichtlich. Es wurde rechtschaffen gezüchtigt. Die Spuren die hinterließ, waren ja nicht nur frohgemut rote Backen, sondern rote Striemen. Der Gabenkult, Kindern zugedacht, hinterließ unter Kindern Opfer.

Der Heilige Nikolaus hat eine enorm lange Karriere, fassbar ist er bereits in der Spätantike, dann, im 10. Jahrhundert, als Hausheiliger des deutschen Kaisergeschlechts der Ottonen, vor allem aber als Patron der Kinder. Das ist gemeint, wenn Lévi-Strauss ausdrücklich auf den „Statusunterschied zwischen Kindern einerseits und Jugendlichen und Erwachsenen andererseits“ aufmerksam machte. Der Weihnachtsmann sei allerdings „nicht nur eine Mystifikation“, sondern eine „höchst aufwendige Übereinkunft zwischen den beiden Generationen“ – so etwas wie ein, könnte man hinzufügen, unausgesprochener Generationenvertrag, nicht unähnlich Initiationsritualen (auch in anderen Kulturen).

Obendrein lotete der Ethnologe Lévi-Strauss den „fernen Ursprung“ des Weihnachtsmanns in den „für eine festgelegte Zeitspanne“ auftretenden „Weihnachtskönigen“ aus, das waren Autoritäten auf Zeit, in denen er gar „Erben des Königs der römischen Saturnalien“ ausmachte. Nicht erbaulich indessen diese Saturnalien, waren sie doch ein Fest der „gewaltsam umgekommenen oder nicht beerdigten Toten“. Mit dem kinderverschlingenden Greis Saturn an der Spitze bildete dieses Fest die dunkle Kehrseite eines Fests, nein, nicht friedlicher Wohltaten, sondern exzessiver (Kinder-)Opfer.

Der moderne Santa Claus ist also alles andere als der Urvater einer äußerst komplexen Persönlichkeit. Er ist vielleicht eine Jahrhundertfigur, die aber erst das 20. Jahrhundert groß machte. Um 1900, um auch daran zu erinnern, wurden unterschiedliche Traditionsstränge noch entschieden auseinandergehalten. Evangelisch war der Adventskranz, durch und durch lutherisch der Christbaum, katholisch war die Weihnachtskrippe. Doch der Prozess der Neuorientierungen seitdem war ein dermaßen schleichender Prozess, dass selbst das Christkind Aufnahme in katholischen Familien fand.

Steht er, der Weihnachtsmann, heute tatsächlich noch hier und da feierlich im Raum, füllt er ihn mit seinem ganzen Körpervolumen. Dann schauen Kinderaugen, die (noch) an ihn glauben, auf eine korpulente Autorität. Dass er in der Comicwelt dagegen ein ungeheuer behänder Dreizentnermann ist, der sich ohne Reue in den Dienst des Massenkonsums stellt, verleiht ihm auch unter Älteren Autorität. Der Sinn, den er erfüllt, Gaben mit vollen Händen verteilend, ist mehr als nur als ein Doppelsinn. Und unter allen Funktionen, die er brav und diszipliniert erfüllt, stellt er sich in den Dienst eines Fetisch. Nicht nur auf rummeligen Weihnachtsmärkten und bizarren Weihnachtsfeiern und enthemmten Events ist aus dem braven Mann und schrulligen Kauz ein Verkündiger des Konsums geworden, ein Ausrufer schnöder Schnäppchen und nicht zuletzt geiler Alter, der in Kleingruppen durch die Straßen zieht, Kindfrauen hinterher.

Aber war er denn je ein realer Mensch? Aus der Religionsgeschichte wissen wir: Mit der Reformation ist der Weihnachtsmann etabliert als Gabenbringer. Er ist eine Fiktion, die den Protestanten so unheimlich war, dass sie seinetwegen das Christkind aufbrachten, zudem den Weihnachtsbaum in Stellung brachten.

Groß die Konkurrenz der Bräuche, an was also soll man wegen der fluktuierenden Vorstellungen glauben? Wo doch die Weihnachtsbräuche nicht nur während der Kulturkämpfe im 16. (Reformation), im 17. (Dreißigjähriger Krieg) und im 19. Jahrhundert (Bismarcks Werk) eminente Erziehungsmaßnahmen waren. Armer Weihnachtsmann – Protestanten und Katholiken haben an ihm herumgezerrt, ihn inthronisiert und instrumentalisiert, gelegentlich verteufelt wie in Dijon.

Um den Weihnachtsmann ist seit Jahrhunderten schon ein verwirrendes Durcheinander. Sein Alleinstellungsmerkmal besteht darin, dass er das Paradox des Weihnachtsfestes symbolisiert, ist es doch „trotz vieler archaisierender Züge im Wesentlichen ein modernes Fest“ (Lévi-Strauss). Es ist die Erfindung einer Erwachsenenwelt, an die die Kinder glauben. Es ist ein religiöses Ritual, um das ein kommerzieller Kult gemacht wird. Es ist ein Familienfest, wobei die „weihnachtlichen Lustbarkeiten“, so Lévi-Strauss, seit dem Mittelalter „schon vielen Schwankungen ausgesetzt“ gewesen sind, Höhepunkten und Rückschlägen, „Wechselfällen“, so das gut alte Wort, das Lévi-Strauss hervorhob.

In diesen Wechselfällen ist der Weihnachtsmann nichts weniger als eine ambivalente Gestalt. Er ist Symbol der Gottlosigkeit und Beispiel für die Erfindung einer Gottheit, so Lévi-Strauss. Seine Verbreitung (allein) in Europa ist enorm, aber nicht flächendeckend. Bekannt ist er seit langem schon als „Väterchen Frost“ in Russland, im benachbarten Polen allerdings ist er unbekannt geblieben. Die Italiener verehren mit der Befana-Figur ein dem Nikolaus ähnliches weibliches Wesen, die Griechen lehnen den Weihnachtsmann als heidnisches Relikt ebenso ab wie den Tannenbaum. Stark hat sich in beiden Kulten ein mittelalterliches Winterbrauchtum abgelagert, zu ihm gehörte die Totenverehrung ebenso wie die Narrentradition. Bis auf den heutigen Tag sind die christlichen Winterfeste mit ihren heidnischen Elementen von einer nicht unzwielichtigen Zweideutigkeit geblieben, Ausdruck christlicher Heilerwartung ebenso wie heidnischer Götzenverehrung.

Zur Geschichte des Weihnachtsmanns gehört, dass „sehr alte Elemente stets aufs Neue zusammengewürfelt und vermischt werden, um alte Bräuche zu erhalten, zu verändern und wiederzubeleben“, so Lévi-Strauss. Wiederbelebung durch Veränderung – das gilt extrem auch für den Weihnachtsmann, diese „moderne Schöpfung“ im Gewand des Königs, ausgestattet mit Pelz und scharlachrotem Mantel, mit Bart und Stiefel. Lévi-Strauss sah im Kleid des Weihnachtsmanns einen König verkörpert. Der Kerl mit der roten Mütze und dem weißen Bart. Dagegen war es Benedikt XVI., der 2005 die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes beklagte, indem er sich den Camauro aufsetzte – für die Öffentlichkeit ersichtlich eine runde Mütze aus rotem Samt und mit weißen Pelzbesatz. Nach Art von Weihnachtsmännern gab sich der Papst, wenn es sich bei dem Camauro nicht um eine uralte Kopfbedeckung der Päpste und Bischöfe gehandelt hätte.

Zur Mehrdeutigkeit, zur Ambiguität des Weihnachtsmannes in einer langen Tradition der Wechselfälle noch einmal Lévi-Strauss, der 1952 zu dem Ergebnis kam, dass die Kirche sich rechtmäßig verhalten habe: „Aber die Kirche hat gewiss nicht unrecht, wenn sie im Glauben an die Weihnachtsmänner das festeste Bollwerk und einen der aktivsten Herde des Heidentum beim modernen Menschen anprangert.“ Aber er wäre nicht Lévi-Strauss gewesen, wenn er es bei dieser unvollständigen Bilanz hätte bewenden lassen; also ergänzte er: „Bleibt die Frage, ob nicht auch der moderne Mensch sein Recht verteidigen kann, ein Heide zu sein.“

Aber dreht sich die Argumentation damit nicht im Kreis? Kein Wunder, bei einem Wiedergänger wie dem Weihnachtsmann. Als Relikt eines uralten Kultes, eines schon zu römischen Zeiten, eines um den König Saturn, der sich kinderschändenden Ausschweifungen hingab, um „auf dem Altar des Gottes feierlich geopfert“ zu werden, stieg für Lévi-Strauss im Autodafé von Dijon das Exzessive aus der Versenkung auf, im Namen der Reinheit der christlichen Bräuche ein heidnischer Kult.

Eins kommt zum anderen, vor allem das Unvergängliche des Vieldeutigen. Das ist, zu Weihnachten, keine frohe Botschaft, eher eine Herausforderung.

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