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Weihnachten Chanukka "Auf Weihnachten gibt es kein Copyright"

Weihnachten und Chanukka-Fest fallen dieses Jahr auf denselben Tag. Im FR-Interview spricht der Theologe Clemens Leonhard darüber, wie sich Christen und Juden Brauchtum teilen, auch heidnisches.

Sterne und Lichter: Chanukka-Leuchter und Weihnachtbaum vorm Brandenburger Tor in Berlin. Foto: REUTERS

Professor Leonhard, zum ersten Mal seit 1976 fällt Heiligabend mit dem Abschluss des jüdischen Chanukka-Fests zusammen. Was hat es damit auf sich?
Chanukka erinnert an den Aufstand der jüdischen Makkabäer gegen die griechische Herrschaft und die Wiedereinweihung des geschändeten Jerusalemer Tempels im Jahr 165 vor Christus.

Warum mit wechselndem Termin?
Weil sich der jüdische Festtermin nach dem Mondkalender richtet. Die Tage des Sonnenjahres fallen nicht jedes Jahr auf dieselben Tage in Monaten, die vom Neumond an gerechnet werden. Chanukka dauert immer eine ganze Woche. Dabei wird am neunarmigen Leuchter, der Chanukkijah, von Tag zu Tag eine Kerze mehr angesteckt. Acht Kerzen stehen für die acht Tage von Chanukka. Die neunte, hebräisch „Diener“ genannt, brennt die ganze Zeit. Mit ihr werden die übrigen Kerzen entzündet.

Das erinnert aber heftig an die christliche Symbolik des Adventskranzes, bei dem an jedem der vier Sonntage vor Weihnachten eine Kerze hinzukommt.
Ganz deutlich. Allerdings ist die christliche Tradition sehr viel jünger. Sie stammt als protestantische Erfindung erst aus dem 19. Jahrhundert. Das Chanukka-Brauchtum mit den neun Kerzen hingegen wird schon 1500 Jahre früher im jüdischen Talmud diskutiert. Im 19. Jahrhundert betonen manche Juden bewusst Chanukka als typisch jüdisches Fest und setzen es gegen Weihnachten, insofern es auch von Juden gefeiert wurde.

Dann ist der Zusammenfall beider Feste in diesem Jahr nur ein seltener kalendarischer Zufall?
Ja. Wir könnten aber mehr daraus machen, etwa indem wir uns in einem Land, in dem es nur wenige Juden gibt, auf die Suche nach Spuren jüdischen Lebens begeben.

Wie sehen diese aus?
Zu Chanukka pflegen viele jüdische Gemeinden einen Chanukka-Leuchter im öffentlichen Raum aufzustellen. Sie würden sich bestimmt freuen, wenn sich beispielsweise die Besucher von Adventsfeiern und Weihnachtsmärkten auch dafür interessierten und neugierig würden auf das, was ihre jüdischen Mitbürger feiern.

Dürfen sich Nichtchristen des kirchlichen Brauchtums heute in ähnlicher Weise bedienen, wie viele assimilierte Juden es im 19. und 20. Jahrhundert taten, indem sie wie selbstverständlich Tannenbäume aufstellen und Weihnachten als Fest der Familie begehen?
Ich würde Ihre Frage umdrehen: Was passiert, wenn es Muslimen Spaß macht, einen schön geschmückten Baum aufzustellen? Es ist für sie dann sicher kein Christbaum, sondern ihre Winter-Deko. Aber das macht nichts. Auf Weihnachten gibt es kein Copyright – weder auf das Brauchtum noch auf die religiöse Deutung. Was Nichtchristen von einem christlichen Fest an Stimmungen übernehmen, das ist – um einen anderen Begriff aus säkularem Kontext zu benutzen – public domain. Als Christen könnten wir uns ruhig darüber freuen, dass ein von uns selbst übernommenes und adaptiertes Fest, nämlich die römische Wintersonnenwende – so erfolgreich ist, dass sogar Andersgläubige ihm etwas abgewinnen können.´

Kirchliche Kritik an „sinnentleerter“ Brauchtumspflege ist vor Weihnachten oder vor Ostern geradezu ein eigenes Ritual geworden. Zu Recht?
Ich halte überhaupt nichts von diesen oft beleidigt klingenden Reaktionen. Die Kirchen haben allen Grund, sehr gelassen auch mit dem umgehen, was sie gern als „Kommerzialisierung“ der Weihnachtszeit bezeichnen. Immerhin ist ja auch die Feier der Geburt Christi um die Wintersonnenwende die Entlehnung und Enteignung eines älteren Festes.

Woran denken Sie dabei?
Selbst vermeintlich so zentrale Symbole wie der Weihnachtsbaum haben mit dem Glaubensgehalt des Weihnachtsfests an sich überhaupt nichts zu tun. Wenn also jemand auf einem Weihnachtsmarkt steht und seinen Glühwein trinkt, ohne dabei an Christi Geburt zu denken und den Advent als eine „Zeit der Umkehr und der Buße“ zu verstehen, dann gilt: Erstens darf er das und zweitens tut er auf seine Weise nichts anderes als das, was die Christen einmal auf ihre Weise vollzogen haben – die Aneignung ganz bestimmter Symboliken. Als Christen könnten wir allerdings sagen: „Ausgezeichnet! Brauchtum und Stimmung unseres Weihnachtsfest sind mitten in der Gesellschaft angekommen. Jetzt müssen wir uns darum bemühen, dass sie auch wieder die für uns wichtigen Glaubensinhalte, die Nähe Gottes zu den Menschen, transportieren.“ Das ist ein offener Prozess.

Sie haben also keine Schwierigkeit mit den gemischten Anteilen von Weihnachten als Geburtsfest Christi einerseits und als Fest der Familie andererseits?
Überhaupt nicht. Ich würde als historisch arbeitender Liturgiewissenschaftler im Gegenteil sagen: Irgendwann sind Symbole wie der Weihnachtsbaum in den Sog des christlichen Weihnachtsfests geraten. Wenn solche Symbole jetzt in andere Richtungen abdriften, ist das so natürlich wie legitim. Bei Weihnachten ist vollkommen klar, dass das Christentum das Datum der Wintersonnenwende, die in der Antike groß gefeiert wurde, mit einem eigenen Festinhalt besetzt hat. Eigentlich hat die Wintersonnenwende nichts mit der Geburt Christi zu tun. Deren Datierung ist historisch völlig ungewiss. Vermischung und Überlagerung von Sinngehalten finden bei Weihnachten also schon am Ursprung des Festes selbst statt.

Nicht nur die alten Römer, sondern auch die Juden waren mit ihren Festen vor den Christen da. Ist Weihnachten eine Anleihe bei heidnischen und jüdischen Bräuchen, die sich gegen die schon vorhandenen Religionen richteten?

Im Verhältnis der frühen christlichen Gemeinden zur Umwelt Roms war das sicher so. Sie setzten Weihnachten bewusst gegen das Fest des „Sol Invictus“ und verstanden ihren Gott, Jesus Christus, als Überwinder des „Unbesiegten Sonnengottes“ der Heiden. Bei der Entstehung des christlichen Ostern spielt die Abgrenzung zum jüdischen Pessach eine große Rolle. Weihnachten ist aber nicht in Konkurrenz zu Chanukka entstanden. Hier haben sich die Christen und – in geringerem Maß – Juden gemeinsam heidnisches Brauchtum dienstbar gemacht. Daraus resultieren manche Gemeinsamkeiten wie eben der symbolische Umgang mit Licht und Dunkel. Es gibt heute keine Römer mehr, die sagen könnten: Eigentlich gehört Weihnachten uns, das Urheberrecht haben wir! Deshalb können Christen unwidersprochen behaupten, Weihnachten sei vom Ursprung her ihre Angelegenheit.

In manchen Städten ist es zu Kontroversen gekommen, ob Weihnachtsmärkte religiös neutralisiert und zu Wintermärkten umbenannt werden müssten. Was halten Sie davon?
Da geht die Frage an Andersgläubige oder an Atheisten, warum sie ein Problem damit haben, sich Brauchtumsformen anzueignen, die sie schön finden, die aber von Christen mit Bedeutungen verbunden werden, die sie ablehnen. Das Brauchtum selbst ist weder christlich noch jüdisch noch römisch oder heidnisch, sondern wartet darauf, dass Leute etwas daraus machen. Wer sich über die christlichen Inhalte ärgert, kann damit aufhören, Bräuche und christliche Inhalte miteinander zu verbinden. Unsere Kirchen aber können mit demselben Recht den kommerzialisierten „Weihnachtsmarkt“ genauso wie den nicht-christlichen „Wintermarkt“ weiterhin als zarte Spuren wichtiger Themen mitten in den Städten deuten und sie zum Anlass nehmen, darüber ins Gespräch zu kommen.

Interview: Joachim Frank

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