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Was geschah wirklich? Die Juni-Vorgänge in der Adorno-Vorlesung

Ein Student folgt Professor Adorno auf das Podium und besteht gegen den Einspruch Adornos in Happening-Manier darauf, er sei gleichermaßen wie Professor Adorno autorisiert, hier zu stehen.

17.02.2009 00:02
WOLFGANG KRAUSHAAR

12. Juni 1969: Nach den Ereignissen vom 22. April wird die wochenlang ausgesetzte Vorlesung Theodor W. Adornos "Einführung in dialektisches Denken" auch nach ihrer Wiederaufnahme gestört. In einer später angefertigten Aktennotiz heißt es dazu: "Vor Beginn der Vorlesung wurden vor dem Hörsaal Flugblätter einer ,ad-hoc-Gruppe' vom 11.6.1969 verteilt.

Ein Student folgte Professor Adorno auf das Podium und bestand gegen den Einspruch Adornos in Happening-Manier darauf, er sei gleichermaßen wie Professor Adorno autorisiert, hier zu stehen. Die erneuten Versuche Professor Adornos, mit der Vorlesung zu beginnen, unterbrach er mit der stereotypen Forderung nach einem Diskussionsleiter.

Auf den Hinweis Professor Adornos, er sei genötigt, die Hausverwaltung zu rufen, wenn der Student seine Störung fortsetze, kam ein weiterer Student aufs Podium und versuchte, mit dem Inhalt des Flugblattes die Störung zu rechtfertigen. Darauf erhob sich aus dem Plenum die Forderung zu klären, wieviele überhaupt an der Diskussion interessiert wären. Über den sowohl von Professor Adorno als auch aus dem Plenum gemachten Vorschlag, einen Zeitpunkt für die Diskussion zu vereinbaren, kam es zu keiner Abstimmung.

Weil die von Professor Adorno geforderte Klärung darüber, wie das Plenum zu der Störung stünde, in der allgemeinen Unruhe nicht zustande kam, verließ Professor Adorno, wie er sagte, für fünf Minuten den Raum, um dem Plenum Gelegenheit zu geben, sich zu entscheiden.

Während der Abwesenheit Professor Adornos wurde nochmals der Vorschlag gemacht, einen Zeitpunkt mit Professor Adorno für die Diskussion des Flugblattes zu vereinbaren; offensichtlich fand er die Zustimmung der Mehrheit, doch kam es nicht zu einer formalen Abstimmung. Da es zu einer Entscheidung nicht kam, sagte Professor Adorno die heutige Vorlesung ab und kündigte einen letzten Versuch, die Vorlesung in dem Semester weiterzuführen, für kommenden Donnerstag an."

Bei dem Studenten handelt es sich um den früheren "Adorno-Schüler" Hans Imhoff, der mit ähnlichen Polit-Happening-artigen Auftritten in Veranstaltungen von Jürgen Habermas und von Alfred Schmidt Aufsehen erregt hat.

In seinem Geburtstagsartikel auf Hans Imhoff (FR vom 16.2.) erinnerte Arno Widmann an die Störung einer Adorno-Vorlesung. Der Historiker der 68er Bewegung, Wolfgang Kraushaar, schickte uns dazu eine "Aktennotiz". Tatsächlich existiert von der Veranstaltung vom Juni '69 ein Foto in der FR. Die Notstandsgesetze waren bereits am 30. Mai 1968 verabschiedet worden.

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