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Warschauer Ghetto-Aufstand Gehört das Judentum zu Polen?

Zum 75. Jahrestag des Warschauer Ghetto-Aufstands kommen die beklemmenden Geschichtsdebatten im Land der doppelten Opfer wieder hoch.

"Marsch der Lebenden"
Junge Juden gedenken in Auschwitz mit dem „Marsch der Lebenden“ der Opfer der Shoah. Foto: dpa

Gedenktage sind Wegmarken kollektiver Erinnerung. Wer ihnen folgt, erfährt fast zwangsläufig etwas darüber, wie sich Erinnerungskultur verändert. Zum Beispiel in Polen. Fünf Jahre ist es her, dass zum 70. Jahrestag des Warschauer Ghetto-Aufstandes das Museum der Geschichte der polnischen Juden seine Tore öffnete. Es war ein Zeichen der Anerkennung der polnischen Gesellschaft für das Leid, das ihre jüdischen Mitbürger im Zweiten Weltkrieg erfahren hatten, aber auch für ihren reichen Beitrag zur Geschichte des Landes. „Der Massenmord an den polnischen Juden war ein Riss in unserer gemeinsamen Historie“, sagte Museumssprecher Piotr Kossobudzki damals.

Fünf Jahre später hat sich die Herangehensweise an das Thema grundlegend geändert. Museumsdirektor Dariusz Stola musste kürzlich in einem Interview als Erstes die Frage beantworten: „War der Ghetto-Aufstand ein polnischer Aufstand?“ Der Historiker konterte: „Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich eine viel fundamentalere Frage stellt: Gehören die polnischen Juden zur polnischen Geschichte?“ Es war eine rhetorische Gegenfrage, deren Muster gut bekannt ist: „Gehört der Islam zu Deutschland?“, fragte unlängst Bundesinnenminister Horst Seehofer. Gehörte also und gehört das Judentum zu Polen? Stola antwortete mit einem entschiedenen Ja: „Man kann die Geschichte Polens nicht ohne die Juden verstehen. Und ja, der Ghetto-Aufstand war ein polnischer Aufstand.“

Zum 75. Jahrestag des Aufstands, der am 19. April 1943 begann (siehe Info-Box), wird allerdings immer klarer, dass die polnische Gesellschaft als Ganzes die Frage, ob das Judentum zu Polen gehört, nicht eindeutig mit Ja beantwortet. Im Gegenteil: Seit die rechtskonservative PiS-Partei das Land regiert, werden die Stimmen lauter, die eine Geschichtspolitik mit einem rein christlich-nationalpolnischen Narrativ einfordern. Die inzwischen zurückgetretene PiS-Ministerpräsidentin Beata Szydlo formulierte so: „Wir wollen Polen und der Welt von unseren Helden erzählen.“

Das wiederum wirft die Frage auf: Waren die Juden im Warschauer Ghetto, die 1943 um ihrer Würde willen einen scheinbar sinnlosen, weil aussichtslosen Aufstand gegen die Nazis entfesselten, etwa keine Helden der polnischen Nation? Über den Versuchen, solche Fragen zu beantworten, liegt in Polen, dem Land der doppelten Opfer, oft ein abgründiges Unbehagen. In die Anerkennung für das Leid der Juden mischt sich das Verlangen, das Leid nichtjüdischer Polen stärker gewürdigt zu sehen.

Eine Unterteilung in Opfer erster und zweiter Klasse

Fakt ist: Rund sechs Millionen Polen starben im Weltkrieg, davon etwa drei Millionen Juden. Doch die Zahlen sind nur das eine. Das würdigende Gedenken ist etwas anderes. Und so sind selbst die Erinnerungen an Willy Brandts berühmten Kniefall vor dem Warschauer Ghetto-Mahnmal in Polen bis heute gemischt. Galt die stumme Bitte des Bundeskanzlers um Vergebung 1970 allein den ermordeten Juden und ihren Angehörigen oder auch den nichtjüdischen Polen? Brandt selbst schrieb später: „Nirgends haben die Menschen so gelitten wie in Polen. Die maschinelle Vernichtung der Judenheit stellte aber eine Steigerung der Mordlust dar.“

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