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Wade Page und End of Apathy Die verstörende Welt der Nazi-Punks

Wade Page, der Attentäter, der in Milwaukee sechs Menschen in einem Sikh-Tempel erschoss, war ein Star der amerikanischen Nazi-Punk-Szene. In den USA blüht der Markt für rechtsextreme Musik. Einblicke in eine verstörende Welt.

10.08.2012 12:02
Sebastian Moll
Der Mörder Wade Page während eines Auftritts mit der Nazi-Punk-Band "End Apathy". Foto: REUTERS

Es war wie so oft nach der Bluttat eines Wahnsinnigen: Die Nachbarn und Bekannten des Täters zeigten sich „schockiert“ und „überrascht“. Wade Page, der sechsfache Mörder von Milwaukee soll „still, freundlich und unauffällig" gewesen sein.

Leute die mit der finsteren Skinhead und Nazi-Punk Szene in den USA vertraut sind, waren allerdings alles andere als überrascht, als sie hörten, dass Page in der vergangenen Woche wahllos in einem Sikh Tempel um sich geschossen hatte. Page war so etwas wie ein Star in dieser Szene, seine beiden Bands, die „Blue Eyed Devils“ und „End of Apathy“ waren  echte Headliner. Noch Anfang Juni spielten beide bei einem  regionalen Festival der „Hammerskin Nation“ – eine der größten neo-nazistischen Vereinigung der USA. 20 Dollar hatten die Teilnehmer des Festivals in der floridianischen Stadt mit dem schönen Namen „Christmas“ bezahlt um Page Dinge ins Mikrofon schreien zu hören, wie „Du bist tot Du Scheiß Nigger, ich schieß Dir den Arsch voll mit Blei.“ Freundlich und unauffällig war das nicht.

Parallelen zur europäischen „Oi“-Szene

Page gehörte schon lange zu der Szene, der Soziologe Peter Simi, der den Rechtsextremismus in den USA erforscht,  interviewte ihn bereits zu Beginn der 2000er Jahre, als er in Kalifornien mit Bands wie Youngland, Definite Hate und Intimidation One zusammen spielte. „Diese Musik“, so Simi, „ist sehr zentral für die Neonazis, sie durchdringt jeden Aspekt der Bewegung.“ Dabei, so Simi, ginge es nicht nur darum, Hass und Gewalt zu verbreiten, sondern vor allem auch Macht, Stolz, Selbstachtung und Gemeinschaft zu vermitteln.

Man kennt das von der europäischen „Oi“ Szene, die zu Beginn der 80er Jahre durch Kult Bands wie Skrewdriver und das „Rock Against Communism“ Festival in Leeds zusammen geschweißt wurde. Weniger bekannt ist hingegen, dass die Musik schon damals über den Atlantik herüber schwappte und in den USA eine rasant wachsende Neo-Nazi Bewegung befeuerte.

Schon Ende der 80er Jahre tauchten in Texas und Tennessee „Hammerskin“ Gruppen auf, deren Name sich auf eine Szene des Pink Floyd Flims „The Wall“ bezieht.  Darin ruft ein neofaschistischer Sänger seine Fans zur Gewalt gegen Minderheiten auf. Die Fans bewegen sich daraufhin in der Form einer Hammer-Zange auf die Bühne zu.

Grausame Morde an Afro-Amerikanern

Die etablierten faschistischen Organisationen in den USA hatten natürlich von Anfang Interesse daran, diese Szene an sich zu binden. Doch die ersten Versuche scheiterten kläglich. So wurde der Anführer der „White Aryan Resistance“ (WAR), Dennis Mahon, bei einem Hammerskin Treffen in Georgia blutig geprügelt und mit einem Messer angegriffen. Die Skins hatten wenig Interesse an politischer Organisation, sie wollten vor allem eines: Gewalt. So gingen in den 80er Jahre Dutzende von grausamen Morden an Afro-Amerikanern und Homosexuellen auf ihr Konto. 1997 erschossen sie sogar einen Polizisten.

Die Hammerskins, denen allem Anschein nach auch Wade Page angehörte, bildeten bald ihre eigene nationale und später sogar internationale Organisation. Sie hatten ein eigenes Hochglanz-Magazin, eine Website, ein Platten-Label und ein jährliches Festival. Ende der 90er Jahre begann jedoch die Skinhead Bewegung zu zersplittern, die Hammerskins verloren an Bedeutung, andere Organisationen wie die Vinlanders oder lokale Gruppen wie Indiana und die Ohio Skins traten an ihre Stelle.

Rahowa (Racial Holy War)

Zur selben Zeit gelang es den etablierten Neo-Nazi Organisationen doch endlich, an die Skin- und Oi-Musik Bewegung anzudocken. Die „National Alliance“ (NA) kaufte 1999 das Plattenlabel Resistance Records, das Bands wie  Rahowa (Racial Holy War) unter Vertrag hatte und baute es in ein multinationales, Multimillionen Dollar-Imperium aus. „Die Musik wurde sowohl zum wichtigsten Rekrutierungs-Instrument, als auch zur wichtigsten Einnahme-Quelle der Bewegung“, sagte David Burghardt, Sprecher einer Überwachungsorganisation für radikale Gruppen in den USA, gegenüber der New York Times.

Begünstigt wurde der Erfolg von Resistance Records und anderen Skin-Labels wie Panzerfaust oder das Label der Bands von Page, Label 56, durch die Gesetzgebung in den USA. Das Verfassungsrecht auf freie Meinungsäußerung macht es in den USA ausgesprochen schwierig, rechtsradikale Hass-Musik zu verbieten. Mit entsprechenden Verboten in vielen europäischen Ländern wanderte deshalb die Produktion und der Vertrieb immer stärker in die USA. So hat Resistance osteuropäische CDs zu einem Rabatt von bis zu 90 Prozent im Versand-Angebot.

Laut dem Southern Poverty Law Center, einer halb-staatlichen Organisation zur Extremismus-Bekämpfung ist die Szene heute unübersichtlicher und zersplitterter als je zuvor.  Das liegt nicht zuletzt am Internet, das es ermöglicht, sowohl Musik als auch Proaganda dezentral zu vertreiben. An Bedeutung hat die Szene deshalb jedoch nicht eingebüßt. Im Gegenteil: Seit der Wahl von Barack Obama ist die Anzahl der rechtsextremen Hassgruppen laut Angaben des Southern Poverty Law Center von 824 auf  1274 angewachsen. Und die meisten von ihnen rocken zu Songs von Bands wie „End of Apathy“.

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