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Von der Festeburg zur Wagenburg und zurück

Der Lutherchoral und seine 500-jährigen Metamorphosen.

Georgenkirche in Eisenach
„Ein feste Burg ist unser Gott“ über dem Portal der Georgenkirche in Eisenach (Thüringen). Foto: epd

Luthers Musikalität (schon von Jugend an war er ein geschickter Lautenspieler) gehört sicher zu den liebenswertesten Wunderwaffen der Reformation; bei Zwingli oder gar Calvin gab es keine ähnlichen Affinitäten. Luther war mithin nicht bloß ein hochbegabter Sprachschöpfer, sondern auch ein quasi professioneller Musiker, der zu erstaunlichen Melodieerfindungen fähig war (wobei er aber auch kompetenter Helfer wie Johann Walter fand). Eine der interessantesten Melodiegestaltungen weist „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ auf, anhebend mit einem Quartsprung abwärts und gleich zwei Quartsprüngen aufwärts – dabei könnte man fast schon an die aus der Tonalität ausbrechenden Quartenfanfare von Schönbergs 1. Kammersinfonie denken.

Innig mit dem Text verbunden ist die vom Spitzenton abwärts schwebende Melodie des Weihnachtschorales „Vom Himmel hoch, da komm ich her“. Dabei handelt es sich allerdings um die Übernahme eines älteren Volksliedes. Dieses Lied zeigt sich in seiner detailreich anschaulichen Betrachtung der Weihnacht als eine besonders herzliche Dichtung. Nach vielen Strophen einer geradezu obsessiv auf die Geburt in der Krippe konzentrierten Jesusminne fehlt in der abschließenden Konklusion die Universalisierung des Heilsgeschehens nicht – der Autor und der Andächtige schweben sozusagen in den Himmel zurück und resümieren von oben: „Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron, der uns schenkt seinen ein’gen Sohn, des freuet sich der Engel Schar und singen uns solch neues Jahr“.

Mit über 30 eigenen Kirchenliedern schuf Luther einen Fundus, mit dem sich reformatorische Gottesdienstpraxis bedeutend initiieren und beleben ließ; auch als privater geistlicher Hausschatz mochten die Choräle vortrefflich zur Andacht dienlich sein. Es handelte sich im wesentlichen um Psalmlieder, Lieder zum Kirchenjahr und Katechismusgesänge. Klar, dass sich in den letzteren am nachdrücklichsten die lutherischen Glaubenssätze manifestierten. Man sprach dabei nicht zu Unrecht von „gereimter Theologie“, ja von Dogmatik in Choralgestalt. In späteren Zeiten erschien dabei manche Lutherformulierung als engstirnig, anstößig, rechthaberisch, veraltet. Die alleinige Rechtfertigung durch den Glauben, das unstillbare Sündenbewusstsein, die buchstäbliche Verwandlung von Wasser und Wein in den Leib und das Blut Christi beim Abendmahl, die Jungfrauengeburt Jesu und vieles andere – in der „aufgeklärten“ Kirche Schleiermachers und der liberalen Theologie wurde dergleichen mit einer gewissen Betretenheit registriert, und da und dort fanden sich auch Bestrebungen, ähnlich wie die Lutherbibel auch die Choräle mit textlichen Modifikationen zu „verbessern“ (so wurde bei einem bekannten Abendlied aus den Zeilen „vor Schrecken, G’spenst und Feuersnot behüt uns heint, o lieber Gott“ die vom Aberglauben gereinigte Version „Vor Schrecken, Angst und Feuersnot behüt uns heut’, o lieber Gott“).

Eingriffe in Luthertexte sind freilich immer Fehlgriffe – es haftet den Originalen so etwas wie eine Magie der Wörtlichkeit an, deren Verletzung zu verschäbigter Kraftlosigkeit führen muss. Die aus Theologie hervorgehende Sprachwucht schmilzt mit jeder Veränderung unweigerlich dahin und mit ihr auch eine Inhaltlichkeit, die im ursprünglichen Text wenigstens als Provokation und Inkommensurabilität erhalten bleibt.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Martin Luther

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