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Von der Festeburg zur Wagenburg und zurück

Der Lutherchoral und seine 500-jährigen Metamorphosen.

Georgenkirche in Eisenach
„Ein feste Burg ist unser Gott“ über dem Portal der Georgenkirche in Eisenach (Thüringen). Foto: epd

Lutherisches Gegenstück zu dem von Smetana symphonisch verklärten Hussitenchoral ist natürlich „Ein feste Burg ist unser Gott“, das Bekenntnis- und Kernlied der deutschen Reformation, das Heinrich Heine, später gerne auch von den Marxisten  zitiert, als die „Marseillaise des 16. Jahrhunderts“ bezeichnete. Über Bach und Mendelssohn bis in die jüngste Zeit hat dieser Choral ein bedeutsames Nachleben in der Musikliteratur. Am nächsten verwandt mit Smetanas Taboritenbegeisterung ist wohl Mendelssohns symphonischer Lutherenthusiasmus in seiner „Reformationssymphonie“, die ihre Bekrönung selbstverständlich mit diesem Choral findet. Doch so unberührt von historischen Verwerfungen wie Smetanas Hussitenüberhöhung blieb die Reformationshuldigung des zum Protestantismus konvertierten Sohnes einer kultivierten und assimilierten jüdischen Berliner Bankiersfamilie nicht.

Eine deutschnationale, erst recht eine nationalsozialistische Vereinnahmung dieses Lutherliedes ließ sich nicht mit Mendelssohn verbinden. Diese Karriere wurde dem Choral aber oktroyiert, nicht erst von den Nazis, sondern auch schon vom wilhelminischen, gegen alles („transmontan“) Katholische eifernden „Kulturprotestantismus“. „Der altböse Feind, mit Ernst er’s jetzt meint“: Die Zeile war als Franzosenhass stimulierendes Motto gut verwendbar im Ersten Weltkrieg. „Und wenn die Welt voll Teufel wär“: Das sollte dann die Zauberformel des paranoiden späten Hitler-Imperiums werden, als sich das Feste-Burg-Gefühl längst zur Wagenburgmentalität verengt hatte. Ganz unschuldig ist Luther an den bedenklichen bis perversen Adaptationen dieses Liedes nicht. Durch sein Denken, seine Schriften weht unverkennbar ein aufs „Deutsche“ fixierter Zug.

Erstaunlich ja, dass von seiner frühen Romreise, die der Legende nach sehr wichtig für seine Persönlichkeitsentwicklung gewesen sein soll, kein persönliches Zeugnis dokumentiert ist. Keine Spur Goethescher Italophilie, aber auch kein erkennbar und produktiv aufflammender Papsthass. Ganz unfreiwillig wohl wurde Luther eine geschichtliche Erscheinung, deren Bedeutung weit über die deutschen Länder hinausstrahlte.

Immerhin gehörte der Tscheche Hus zu den reformatorischen Anregern. Luther bearbeitete dessen Abendmahlsweise „Jesus Christus, nostra salus“ in seinem Lied „Jesus Christus, unser Heiland, der von uns den Gotteszorn wandt“, das dann J. S. Bach in zwei Kompositionen (BWC 665a und 666a) aufgriff. Lutherchoräle bilden, neben denen des hundert Jahre jüngeren Paul Gerhardt, den Grundstock der geistlichen Musik von Bach. Das betrifft sowohl das Orgelwerk, das etwa zur Hälfte aus „choralgebundenen“ Kompositionen besteht, als auch die Chorwerke (Kantaten, Oratorien, Passionen).

Eingriffe in Luthertexte sind freilich immer Fehlgriffe

Bemerkenswert ist, dass die ursprünglich eher „tänzerische“ Rhythmisierung der Choralsubjekte in ungleichen Notenwerten bei Bach fast durchweg zu eherner Gleichförmigkeit geronnen scheint – so etwa, wie sich im Gemeindegesang die rhythmische Nivellierung eingeschliffen hat. Man muss das nicht als eine Art ästhetischer Schwundstufe sehen. Die rhythmische Nivellierung fördert bei Bach einen auf auratische Objektivität zielenden Materialcharakter, der die lapidare Simplizität der Choralweisen umso nachdrücklicher von der entfesselten Komplexität der sie einkleidenden und umgebenden Polyphonie abhebt. Bei neueren Gesangbuchreformen in der Mitte des letzten Jahrhunderts wurde versucht, die originale, unregelmäßigere Luther-Rhythmik für den Gemeindegesang wieder zu aktivieren: mit höchst schwachem Erfolg, wie jeder Gottesdienstbesucher bezeugen kann.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Martin Luther

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