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Volkstheater Hessen Gleisch widder daa

Das neue, aber vertraute Volkstheater Hessen zeigt Adolf Stoltzes „Verspekuliert“ in der Katakombe Frankfurt.

Knoblauch ist im Grunde besser dran, wenn er auf seine Tochter hört. Hier zögert er noch. Foto: Stugrapho

Das neue, aber vertraute Volkstheater Hessen zeigt Adolf Stoltzes „Verspekuliert“ in der Katakombe Frankfurt.

Vor den letzten Dingen ist „vorbei“ ein relativer Begriff, was auch etliche Schauspieler des im vergangenen Jahr aufgelösten Frankfurter Volkstheaters zu Recht so verstanden und sich jetzt als neues Volkstheater Hessen erstmals dem Publikum vorstellten. Als Spielort steht ihm die Bühne der Katakombe zur Verfügung, deren kleines Ensemble gleichfalls tapfer um seine Existenz kämpft, indem es künftig auch andere Gruppen am dafür „Kulturhaus“ genannten Ort spielen lassen will. Ein pragmatisches Arrangement, angesichts der Verkleinerung von Bühne und Zuschauerraum gegenüber dem angestammten Cantate-Saal auch zunächst bizarr wirkend. Aber erstens ziehen wir grundsätzlich den Hut vor Nichtaufgebern auf prekärem Posten, zweitens gelingt mit einfachen Mitteln eine sehr witzige Aufführung.

Bereits die Wahl des Stückes, Adolf Stoltzes „Verspekuliert“ (1892), ist ein Bekenntnis. Frankfurterischer geht es nicht, nicht der Autor, nicht der Titel (was kann sich der Bewohner einer Handelsstadt Schlimmeres denn vorstellen?), nicht die Mundart, die hier so genussreich und hemmungslos ausgebreitet wird, dass das nicht gerade unerfahrene Premierenpublikum in der Pause einiges zu beraten hat. Und auch nicht die Geschichte um einen inneren und äußeren Kampf zwischen Vernunft, Krämerseele und Aufstiegsträumereien, wie er sich bis heute vielleicht auch anderswo, aber jedenfalls in Frankfurt allenthalben abspielt.

"Mer strunze net, mer hun"

Den Rentier und Vater Balser Knoblauch, der große Angst hat, sich zu verspekulieren – aber nur dem, der spekuliert, kann das passieren –, spielt in Steffen Wilhelms Inszenierung Andreas Walther-Schrott mit der sagenhaften Losgelassenheit des nicht gerade selbst-, aber doch durch glückliche Umstände gemachten Mannes. Einem solchen Manne sind die Gründe für seinen Reichtum bald einerlei (denn, merke, Reichtum ist immer eine Leistung), die Hauptsache ist jetzt, die Tochter lernt Klavier und Französisch und heiratet expandierend, denn: „Mer strunze net, mer hun.“ Die Tochter, Iris Reinhardt Hassenzahl als gerissenes und ziemlich ungezogenes Schneewittchen, möchte nun aber keine gute Partie, sondern den netten Sohn der energischen Gemüsehändlerin. Den netten Sohn spielt Tim Grothe, zusammen mit dem ungezogenen Schneewittchen stellt er ein reizendes Romeo-und-Julia-Paar dar, dem glücklicherweise fast alles gelingt.

Hauptgrund dafür ist die Tatsache, dass es, anders als die tragischen Vorfahren, jederzeit Gelegenheit hat, in direktem Kontakt zu beraten, was weiter zu tun ist. Wer konsequent nicht auf seine Eltern hört, stolpert in einer Stadt wie Frankfurt quasi alle vier Meter übereinander. Die einzige Szene, in der es brenzlig werden könnte, eine Tristan-und-Isolde-mäßige Vorhang-auf-Vorhang-zu-Verabredung, löst sich sofort ins Fröhliche auf.

Die energische Gemüsehändlerin ist Silvia Tietz, Stoltze weiß ihren Mutterwitz zu schätzen, weiß auch ihr Geschenne zu schätzen, weiß sie überhaupt sehr zu schätzen. Darum heißt es respektvoll über sie: „Wenn die der Deibel holt, bringt er se gleisch widder“. Kanonaden lustiger Lebensweisheiten und unbegreiflicher Schimpfwörter darf Tietz abfeuern und tut es mit Freuden.

"Verspekuliert" ist vorzüglich gebaut

Knoblauch hat unterdessen das Problem, dass er sich nicht sicher ist, ob die Mutter mit dem Ersparten des Sohnemanns bloß angibt oder ob der möglicherweise tatsächlich einiges zur Seite legen konnte. Sodann hat er das Problem, dass er spontan der Gemüsehändlerin das Sparbuch aus der Schürzentasche genommen, man könnte auch sagen gestohlen hat. Der Frankfurter ist Schlawiner, aber auch Biedermann. Beide ringen in Knoblauch / Schroth entsetzlich miteinander.

Schon die Tatsache, dass dreimal derselbe Dialog zwischen jeweils unterschiedlichen Figuren stattfindet, während jeweils eine der Figuren auf einer Tischdecke herumspringt, zeigt, dass „Verspekuliert“ vorzüglich gebaut ist. Die Inszenierung – es wird auch gesungen, und man muss sogar damit rechnen, dass das kundige Publikum mitsingt – braucht Anlauf, aber sie nimmt ihn und dann läuft sie wie am Schnürchen. Das Bühnenbild (Ausstattung: Claudia Rohde) ist ein klassisches Volkstheater-Bühnenbild, aber charmant auf die Bühne zugeschnitten, auf der die Fenster nun eben von der Decke baumeln.

Kein Intermezzo, kein Nachklapp, sondern ein ernsthaftes Weitermachen, wenn das Wort ernsthaft nach dem ganzen Gekicher erlaubt ist, zeichnet sich ab.

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