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Volkmar Sigusch zum 70. Ein Heißsporn

Ein Engagierter mit messerscharfer Intelligenz, der die Provokation liebt: Volkmar Sigusch ist ein Pionier, die kritische Sexualwissenschaft hat er selbst erfunden. Heute wird er 70 Jahre alt. Von Christine Pries

11.06.2010 00:06
Christine Pries
Volkmar Sigusch, Meister der Differenzierung. Foto: Georg Kumpfmüller

Nichts sei verkehrter, hat er erst kürzlich hervorgehoben, als die sexuelle Befreiung im Gefolge von 1968 für die jüngst bekannt gewordenen sexuellen Übergriffe auf Kinder verantwortlich zu machen. Es habe zwar an der Odenwaldschule sicherlich Lehrer gegeben, die die sexuelle Revolution ausgenutzt hätten, doch müsse man hier differenzieren, weil gerade die Entdeckung der sexuellen Selbstbestimmung nach 1968 uns gezeigt habe, dass Pädophilie unter keinen Umständen ausgelebt werden dürfe.

Volkmar Sigusch ist ein Meister der Differenzierung, die bei ihm allerdings nie zur gepflegten Langeweile betulich abgewogener Expertise führt, im Gegenteil: Er ist ein Heißsporn, ein Engagierter, er liebt die provokante Konfrontation - und zwar nicht aus Aggressionslust oder Geltungssucht, sondern weil alles andere seine messerscharfe Intelligenz beleidigen würde. Eine Intelligenz, vor der weniger schnellen und wachen Geistern leicht Angst und Bange werden kann.

Volkmar Sigusch ist ein Pionier. Seine Disziplin, die Sexualwissenschaft, war noch ganz jung, als seine Karriere begann, und die besondere Ausprägung, die er ihr gegeben hat, die "Kritische Sexualwissenschaft", hat er selbst erfunden. Der Lehrstuhl, den er mehr als drei Jahrzehnte an der Frankfurter Goethe-Universität bekleidete, gehörte ungewöhnlicherweise sowohl zum Fachbereich Medizin als auch zu den Gesellschaftswissenschaften; er wurde extra für Sigusch geschaffen - und blieb an seine Person gebunden: Nach seiner Emeritierung im Jahr 2006 wurde das eigenständige Institut für Sexualwissenschaft, das Sigusch aufgebaut hatte, trotz erfolgreicher Arbeit geschlossen, was wahrscheinlich zu den bittersten Momenten seiner Laufbahn gehörte.

Studiert hatte der 1940 in Bad Freienwalde an der Oder Geborene Medizin, Psychologie und Philosophie in Berlin, Frankfurt am Main und Hamburg, und es gibt wohl kaum jemanden, der in Sachen Sexualität über ein so großes historisches und systematisches Wissen verfügt.

Sigusch analysierte die Vorurteile gegenüber sexuell devianten Gruppen ebenso wie die Kinder- und Jugendsexualität, den Orgasmus der Frau oder die Zukunft der Monogamie. Er gilt als Begründer der Sexualmedizin, schrieb zahlreiche Lehrbücher, die etliche Auflagen erlebten (etwa zum Geschlechtswechsel oder zu sexuellen Störungen), er kämpfte gegen die Mystifikation des Sexuellen und behielt - in dem Buch "Neosexualitäten" (2005) oder in der Glosse zur "Sexuellen Frage", die er über mehrere Jahre für die FR schrieb - auch dessen neueste Erscheinungsformen wie Sex ohne Verlangen, Cybersex oder Selfsex im Blick, wobei sein besonderes Augenmerk immer deren Aussagekraft für den Zustand unserer Gesellschaft galt. Den Sexualtrieb alter Prägung sieht Sigusch heute von Fragen der Geschlechtlichkeit in den Hintergrund gedrängt.

In letzter Zeit hat sich Sigusch mit der "Geschichte der Sexualwissenschaft" (2008) und dem "Personenlexikon der Sexualforschung" (2009) vermehrt um die historische Tiefenschärfe seiner Disziplin verdient gemacht. Heute wird er 70 Jahre alt

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