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Völkermord an Herero Erdogan hat einen Nerv getroffen

Warum die Anerkennung des deutschen Genozids an den Herero längst überfällig ist.

24.06.2016 16:51
Von Jürgen Zimmerer
Die Berliner Universitätsklinik Charite hat 2011 20 Schädel von Opfern deutscher Kolonialverbrechen in Namibia in einer feierlichen Zeremonie an das Land zurückgegeben. Foto: epd

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat ohne Zweifel Schwung in die Debatte um die Anerkennung des deutschen Genozids an den Herero und Nama gebracht. Was sich bis dahin im Wesentlichen auf den Elfenbeinturm der Historikerinnen und Historiker, sowie die Diskussionsrunden postkolonialer und migrantischer zivilgesellschaftlicher Akteure beschränkte, ist nun in aller Munde. Was oftmals nicht einmal die deutschen Schulbücher erreichte, nämlich das Wissen darum, dass das Deutsche Reich Kolonialmacht war und als solche den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts zu verantworten hatte, ist plötzlich einer breiteren Öffentlichkeit ein Begriff. Das ist spätestens klar, seit die „Heute-Show“ am 3. Juni 2016 den verdrucksten und doppelzüngigen deutschen Umgang mit dem Völkermord gekonnt aufs Korn nahm.

Doch Erdogans Äußerungen waren nur der Durchlauferhitzer. Ausgelöst hatte das erinnerungspolitische Beben der Bundestag selbst, nämlich mit seiner Entscheidung, am 2. Juni 2016 den Genozid des Osmanischen Reiches an den Armeniern anzuerkennen und anzuprangern – allerdings ohne vorher oder gleichzeitig vor der eigenen Haustüre zu kehren. Bis zum Beginn der Diskussion um den Völkermord an den Armeniern hatten Bundestag und Bundesregierung nämlich argumentiert, dass die erst 1948 ins Leben gerufene UN-Genozidkonvention nicht rückwirkend angewandt werden könne.

Diese Position war auf Grund ihres inneren Widerspruchs eigentlich schon vorher kaum haltbar. Das angebliche Rückwirkungsverbot der UN-Genozidkonvention von 1948 hätte dann ja auch für den Holocaust gegolten. Doch der Holocaust hatte ursprünglich für die Genozidkonvention Pate gestanden und die Konvention wurde auf Grundlage der Shoa überhaupt erst formuliert. Mit der Anerkennung des Genozids an den Armeniern (1915-1916) hat der Bundestag diese absurde Argumentation nun endgültig aufgegeben.

Dennoch hatte der Bundestag noch im März dieses Jahres den Antrag der Partei „Die Linke“ auf Anerkennung des Genozids abgelehnt. Das Parlament verwies stattdessen auf mittlerweile mit Namibia eingeleitete Verhandlungen zur Findung einer gemeinsamen Sprache und zur Einigung auf geeignete flankierende Maßnahmen, auch zur Vermeidung von Reparationsforderungen. Seit November 2015 verhandeln mit Rupert Polenz und Zed Ngavirue zwei von ihren jeweiligen Regierungen ernannte Sondergesandte darüber. Vertreter der Herero und Nama kritisieren jedoch dieses Verfahren der Verhandlungen auf höchster Regierungsebene und fühlen sich davon ausgeschlossen. Auch die Zivilgesellschaft in Deutschland ist nicht eingebunden, so dass nur schwer zu ahnen ist, worüber eigentlich im Detail gesprochen wird.

Ob es überhaupt der richtige Weg ist, eine moralische Frage, wie diejenige nach der Anerkennung historischer Schuld, mit politischen Verhandlungen über die genauen – auch materiellen – Folgen dieser Anerkennung zu verknüpfen, mag dahingestellt sein. Für die Außen- und Selbstwahrnehmung Deutschlands und seiner öffentlichen Vertreter stellte sich dies als Bumerang heraus. Die dadurch bewirkte Verzögerung ermöglichte Erdogan erst, von seiner eigenen geschichtspolitischen Agenda abzulenken und Deutschland an den Pranger zu stellen. Und zweifellos hatte Erdogan mit seiner Äußerung, dass Deutschland „das letzte Land“ sei, das über einen „sogenannten Völkermord“ der Türkei abstimmen solle, da es zuerst Rechenschaft über den Holocaust und über die Vernichtung von „mehr als 100.000 Herero“ ablegen müsse, einen Nerv getroffen. Seine Aussagen gewannen an Gewicht, als Vertreter der in der Türkei regierenden AKP laut darüber nachdachten, ob das Parlament in Ankara den Genozid an den Herero anerkennen solle.

Die Vertreter der etablierten deutschen Parteien reagierten indigniert bis empört, beteuerten, dass es in Kürze eine Resolution zu den Herero und Nama geben würde. Bundestagspräsident Norbert Lammert, ein Verfechter der Anerkennung des Völkermordes an den Herero und Nama, erklärte öffentlich, es sei „bedauerlich“, dass es zu den Herero „nicht eine ähnlich unmissverständliche Erklärung auf deutscher Seite“ gebe. Diese Tatsache, so Lammert, sei „im Kontext der jüngeren Auseinandersetzungen auch ein bisschen peinlich“. In dem Hin und Her des Zurückweisens türkischer „Anmaßungen“ ging die Frage, was in Südwestafrika vor nunmehr 110 Jahren eigentlich geschah, jedoch ebenso verloren, wie die Frage, warum dieser Genozid zumindest für die Opfergesellschaften noch nicht vergangene Geschichte ist.

Südwestafrika war 1884 zum deutschen Schutzgebiet erklärt worden, d.h. Berlin hatte politische Ansprüche angemeldet und sich diese von den übrigen europäischen Staaten bestätigen lassen. Die afrikanische Bevölkerung, die sich nun plötzlich in deutschen Schutzgebieten wiederfand, war weitgehend nicht gefragt worden. Wenn man es überhaupt für nötig befand, eine Zustimmung der Bevölkerung zu suggerieren, präsentierte man sogenannte Schutz- und Kaufverträge, die jedoch teilweise auf Betrug basierten, oder deren Inhalt man von deutscher Seite nie einzuhalten gedachte.

Südwestafrika, welches als einzige deutsche Besitzung in Afrika zur Besiedelung mit Deutschen geeignet war, war von Anfang an als rassische Privilegiengesellschaft gedacht, in der eine „Schwarze“ Unterschicht für eine „Weiße“ (deutsche) Oberschicht arbeiten sollte, um das Land in einer Art Zwangsmodernisierung ökonomisch zu „entwickeln“. Mit dem Zuzug von immer mehr deutschen Männern – Frauen zog es kaum nach Südwestafrika – kam es zu immer mehr Betrügereien und Übergriffen gegenüber Herero und Nama, was schließlich zum Widerstand führte, der nur 20 Jahre nach der deutschen Inbesitznahme im Grunde eine Abwehrreaktion gegen die deutsche Besetzung und Eroberung darstellte.

Der Widerstand der Herero war dabei zunächst außerordentlich erfolgreich und nur einige militärisch befestigte Orte konnten von den deutschen Truppen verteidigt werden. Das Prestigeprojekt eines „Indien in Afrika“ war in Gefahr, und Berlin reagierte mit der Entsendung eines Expeditionsheeres unter General Lothar von Trotha, der an einen weltgeschichtlichen Kampf der „weißen“ gegen die „schwarze Rasse“ glaubte, bei der nur eine der beiden überleben könne. Er wollte, wie er selbst sagte, „die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut“ vernichten.

Von Trotha hatte den Auftrag, den Widerstand unter allen Umständen zu brechen, und führte den Feldzug von Anfang an als Vernichtungskrieg. Jeder Widerständige wurde standrechtlich erschossen. Allerdings konnten sich die Herero im August 1904 am Waterberg der geplanten Einkreisung entziehen, die große Schlacht mit dem entscheidenden deutschen Sieg blieb aus. Die Herero flohen in Richtung der weitgehend wasserlosen Omaheke-Wüste im Norden des Schutzgebietes, verfolgt von deutsche Soldaten, die überrannte Nachzügler nicht selten ohne viel Federlesen erschossen. Diese Hetzjagd endete erst am Wüstensaum, wo die deutschen Truppen stoppten, die Wasserstellen besetzten und den Herero, auch Frauen und Kindern, den lebensrettenden Zugang dazu verwehrten.

Im Oktober erließ von Trotha zur Rechtfertigung seiner Politik den sogenannten „Schießbefehl“, in dem er seine Vernichtungsabsicht deutlich zum Ausdruck brachte: „Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen. (…) Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.“

Zwar hob Berlin die Absperrung der Omaheke nach neun Wochen auf, allerdings nicht aus humanitären Gründen, sondern weil man die Soldaten im Süden gegen die Nama benötigte. Die Aufhebung kam jedoch für die allermeisten Herero zu spät, wie auch in der offiziellen militärgeschichtlichen Darstellung des Feldzuges nachzulesen ist: „Keine Mühen, keine Entbehrungen wurden gescheut, um dem Feinde den letzten Rest seiner Widerstandskraft zu rauben; wie ein halb zu Tode gehetztes Wild war er von Wasserstelle zu Wasserstelle gescheucht, bis er schließlich willenlos ein Opfer der Natur seines eigenen Landes wurde. Die wasserlose Omaheke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: Die Vernichtung des Hererovolkes.“ Wer dennoch überlebte, wurde in schon damals so genannten Konzentrationslagern inhaftiert. Dort mussten die Gefangenen Zwangsarbeit leisten; auch kam es in einigen Lagern zu einer „Vernichtung durch Vernachlässigung“.

Auch nach Auflösung der Lager 1908 setzten die Deutschen ihre extreme Ausbeutungspolitik fort, zu deren Instrumenten die Aufhebung der Freizügigkeit für Afrikanerinnen und Afrikaner, ihr Zwang zu einer Arbeit für Europäer, sowie das sichtbare Tragen von Passmarken gehörte. In einer Reihe von Verordnungen wurden sexuelle Beziehungen zwischen Europäern und Afrikanerinnen stigmatisiert und verboten.

Insgesamt verloren etwa 80 Prozent der Herero und 50 Prozent der Nama ihr Leben, schät-zungsweise bis zu 80 000 Menschen. Genaue Zahlen gibt es nicht, was nichts daran ändert, dass das deutsche Verhalten als Völkermord einzustufen ist. Die UN-Völkermordkonvention sieht den Tatbestand des Völkermordes nicht nur bei direkter Tötung erfüllt, sondern zählt dazu u.a. auch das bewusste Auferlegen von Lebensbedingungen, die geeignet sind, die Gruppe als solche physisch zu zerstören oder geistigen oder physischen Schaden bei Mitgliedern der Gruppe hervorzurufen, wenn dabei die Absicht besteht, die Gruppe als solche zu vernichten. Sowohl die Tötungen in Gefecht und Verfolgung, als auch der Versuch der bewussten Zerstörung der Herero-Identität ist deshalb als Genozid zu werten.

Die Genozidforschung hat für letzteres das Konzept des kulturellen Genozids entwickelt. Dazu gehört im Falle der Herero zum Beispiel auch das Verbot der Rinderhaltung, welches innerhalb des auf Rinder-zucht basierenden kulturellen Systems der Herero weitreichende Folgen hatte. Auch die Auflösung ihrer „Stämme“ und die nahezu komplette Enteignung des Landes der Herero und Nama als Strafe für den Widerstand ist eine Form von kulturellem Genozid. In der Landenteignung wurzelt auch die bis heute extrem ungleiche Landverteilung in Namibia. Sie ist also eine unmittelbare Konsequenz des Völkermordes.

Wer das Fehlen einer Anerkennung bedauert und „peinlich“ findet, muss auch darauf eine Antwort entwickeln. Nur peinlich berührt sein reicht nicht.

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