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Viola Roggenkamp Wie spricht man über Juden?

Die Schriftstellerin Viola Roggenkamp über ihren Besuch in einem deutschen Gymnasium, wo bei einer Expertenstunde über Juden und das „Judentum“ gesprochen wird. Die Missverständnisse reißen dabei nicht ab.

15.08.2014 17:33
Viola Roggenkamp
„Einer Schülerin ist zum Judentum noch etwas eingefallen. Das Wort Jeans lese ich. Guter Einfall! Levi’s. Die jüdischste Jeans, die sich denken lässt.“

„Vertrauen haben“ wird im Deutschen mit Glauben gleichgesetzt, mit dem Glauben schlechthin. Für Juden ist nicht der Glaube höchstes Gut, sondern das Gesetz, und das Gesetz ist das Wort, das Wort in seiner Bedeutung. Wenn der Allmächtige mit Weltuntergang droht, vertraut Abraham nicht darauf, dass Gott schon nicht so sein wird. Der Jude schachert mit dem Allmächtigen um Bedingungen. Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte? Sollen die mit untergehen? „Fern sei von dir, solches zu tun, zu töten den Gerechten mit dem Frevler, dass der Gerechte sei wie der Frevler.“ Der Jude nimmt Gott beim Wort. „Der Richter der ganzen Erde sollte nicht üben Gerechtigkeit?“ Wir Juden verlassen uns auf unser Misstrauen.

Ich bin nicht eingeladen, und darum gehe ich hin. Ich will dabei sein, wenn sie über Juden reden. Ich will hören, wie sie über Juden reden. Ich weiß, wo sie über Juden reden werden und ab wann. Ab 9 Uhr in der 8. Klasse eines deutschen Gymnasiums.

Ein Institut, das die Vergangenheit der Juden erforscht und archiviert, will eine Mitarbeiterin schicken. Außer der Lehrerin und mir sind erst wenige Schüler da. Die Lehrerin ist nervös. Juden stehen im allgemeinen nicht ausdrücklich auf deutschen Lehrplänen. Sie habe nichts vorbereitet, sagt die Lehrerin zu mir. „Ich dachte, das sei jetzt ein Gesamtpaket vom Institut. Auf jeden Fall nicht, dass ich das machen sollte.“

Sie vermeidet ein Wort. Es ist das Wort, um das es hier heute gehen soll: Juden. Sie vertraut darauf, dass ich weiß, was sie meint, denn sie weiß, wer ich bin. Ich bin die Jüdin. Da drängen weitere Schüler in den Raum, 15-Jährige mit Skateboard unterm Arm, und dahinter kommt das Gesamtpaket: drei Frauen, ein Mann. Der Mann baut alles auf, was man heute so bei sich hat, wenn man ein Thema präsentieren will. Als er damit fertig ist, drückt er auf einen Knopf.

Misstrauen auf Hochtouren

„Was fällt Euch zum Thema Judentum ein?“ leuchtet die Schrift von der Wand. Die Expertin lächelt in die Runde. Mein Misstrauen läuft auf Hochtouren. Das ist seine normale Geschwindigkeit. Es ist nicht bei allen Juden so, möchte ich hinzufügen, damit man es nicht etwa für typisch jüdisch hält. Ich kenne Juden, die unerschütterbar auf das Gute im Menschen vertrauen und mich dafür verantwortlich machen werden, dass es wieder so weit gekommen ist, wenn es so weit wieder gekommen sein sollte.
Angenommen, es wäre um die Deutschen gegangen, hätte dort an der Wand im Klassenzimmer das Wort Deutschtum gestanden? Gewiss nicht. Deutschtum? Gemütlichkeit, Vereine, Hitler, Knackwurst. Dagegen: Was fällt euch zu den Deutschen ein? Fußball, Wiedervereinigung, Mülltrennung, Wirtschaftsmacht.

Warum heißt es nicht: Was fällt euch zu den Juden ein? Wegen der Deutschen. Deutsche glauben, fürchten, ja, sie vertrauen ängstlich darauf, – wer „die Juden“ sagt, wird für antisemitisch gehalten, weil ja eben auch Antisemiten „die Juden“ sagen.

Im Radio und im Fernsehen sagen sie Holocaust, wenn sie das meinen, wofür man in Deutschland und Österreich kein eigenes Wort finden kann, das überschriftentauglich und zeitsparend ist. Holocaustgedenktag in Israel sagt der Deutschlandfunk. Warum sagen sie nicht Gedenktag der Schoa, da es um Israel geht? Bei Ramadan sagen sie doch auch Ramadan. Schoa ist das hebräische Wort für Katastrophe. Holocaust ist als Bezeichnung für den Völkermord an den Juden denkbar ungeeignet. Sakrales Brandopfer. Eine Beschönigung, eine Verklärung zum heiligen Akt sogar. Obgleich Deutsche es schwer haben, Holocaust richtig auszusprechen, halten sie daran fest. Vielleicht ist Schoa den Leuten zu jüdisch?

Israel, sagt das Radio, gedenke „der Judenverfolgung und der sechs Millionen Toten“. Es folgt die Sendung „Haben Tiere eine Seele?“ Wer sind die sechs Millionen Toten? Wie sind die zu Tode gekommen? Und was hat es mit dem Wort „Judenverfolgung“ auf sich?

Das Wort „Judenverfolgung“ kommt aus dem Kulturbeutel des Vertrauens. Der Kulturbeutel ist ein Produkt aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Er gehört zum persönlichen Besitz, ist nicht besonders groß, verfügt über einen Reißverschluss, ist aus Kunststoff, zweifarbig gestreift oder mehrfarbig geblümt, und beinhaltet das Nötigste zur persönlichen Säuberung. Im Kulturbeutel des Vertrauens säubert das Wort „Judenverfolgung“ die Radiosprache von dem, was Auschwitz ist. Aber was ist Auschwitz? Vertraue ich dem deutschen Rechtschreibprogramm im Computer, wird mir Auschwitz durch ausschwitzen korrigiert.

Grundausstattung im deutschen Kulturbeutel des Vertrauens ist die Formulierung „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Dieser Begriff verdient alle Aufmerksamkeit. Man hört und liest diese Worte in deutschen Medien, wenn es um aktuelle Verbrechen geht, die in der heutigen Welt an Volksgruppen begangen werden.

Der Wortlaut „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ stammt nicht aus der christlichen Lehre. Crime Against Humanity ist ein juristischer Begriff aus dem Englischen, und ging in den deutschen Sprachschatz über, als im November 1945 in Nürnberg einzelnen Führern des Nazi-Regimes der Prozess gemacht wurde. Zugrunde lag dem Gerichtsverfahren das sogenannte Londoner Statut. Crime Against Humanity ist ein Begriff des Internationalen Rechts. Das Wort humanity bedeutet laut Oxford Dictionary: 1. the humane race; mankind – also die Menschheit, 2. humane nature – menschliche Wesensart, 3. quality of being humane – Menschlichkeit.

In Deutschland wird „Crime Against Humanity“ mit „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ übersetzt, und Hannah Arendt nennt diese Wortwahl zu Recht „die maßloseste Untertreibung des Jahrhunderts“. Nämlich, „als hätten es die Nazis lediglich an ,Menschlichkeit‘ fehlen lassen, als sie Millionen in die Gaskammern schickten.“

Dagegen sind Verbrechen gegen die Menschheit – so Hannah Arendt – Verbrechen „an der Menschheit im eigentlich Sinne, nämlich am Status des Menschseins oder an dem Wesen des Menschengeschlechts“.

Islamisten haben im April dieses Jahres 230 überwiegend christliche Mädchen aus Schulen in Nigeria entführt, um sie als Sklavinnen zu verkaufen. Es war eine Gewaltdemonstration, wie die Welt sie – man muss es leider sagen – inzwischen von islamistischer Seite kennt. Mädchen und Frauen sollen ungebildet bleiben. Das war die Botschaft. In der offiziellen Sprache Deutschlands ist diese brutale Massenentführung ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und nicht etwa gegen die Menschheit. Als gehörten Frauen wie Juden nicht dazu.

Gegen die Menschlichkeit, gegen Gesetze von Anstand, von Nächstenliebe zu verstoßen, ist nicht dasselbe, wie sich an der Menschheit zu vergehen. Die von Deutschland gewählte Formulierung „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ benennt nicht das tatsächliche Verbrechen. Sie ist vielmehr ein Appell an etwas, worauf es keinen Rechtsanspruch gibt: Vertrauen in Menschlichkeit.

Zerstörung des Weltvertrauens

Das menschliche Miteinander, sei „schlechterdings nicht möglich“, sagt Hannah Arendt, „ohne ein schwer zu fassendes, aber grundsätzliches Vertrauen in das Menschliche aller Menschen“. Doch dieses Weltvertrauen, wie Jean Améry es nennt, kann zerstört werden, und zwar durch den anderen. Wie das geschah und geschieht, was von wem getan und was von wem erlitten wurde, in offiziellen Reden heißt das „unsagbares Leid“, davon kann durchaus berichtet werden.

Jean Améry überlebte deutsche Vernichtungslager. Über seinen seelischen Zustand schrieb er vierzig Jahre danach: „Nicht das Sein bedrängt mich oder das Nichts oder Gott oder die Abwesenheit Gottes, nur die Gesellschaft: denn sie und nur sie hat mir die existentielle Gleichgewichtsstörung verursacht, gegen die ich aufrechten Gang durchzusetzen versuche. Sie und nur sie hat mir das Weltvertrauen genommen.“

Die Gesellschaft, von der hier die Rede ist, hat sich nicht an der Menschlichkeit vergangen, sondern millionenfach an Menschen. Die Entscheidung, von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zu sprechen, und ausdrücklich nicht von „Verbrechen gegen die Menschheit“, den Tatbestand anders zu nennen, als es die internationale Gerichtsbarkeit und Öffentlichkeit tut, gerade hierbei einen deutschen Sonderweg zu gehen, könnte auf den Teil der Geschichte verweisen, der unerzählt bleibt. Nämlich das starke Bedürfnis, sich dem allgemeinen Rechtssystem zu verweigern, und was geschehen ist, über Gesetz und Strafe stellen zu wollen. Die immer wieder betonte Einmaligkeit der Schoa obendrein soll helfen, das zu begründen.

In der Schulklasse werden weiße Bögen verteilt und dicke Filzstifte. Es wird in fünf Gruppen gearbeitet. Ich gehe zwischen den Tischen hindurch. In jeder Gruppe wird in großen Buchstaben das Wort Judentum in die Mitte des Papiers geschrieben und umkringelt. Dann fallen die Treffer: KZ, Nazis, Hitler. Das hat alles mit Deutschtum zutun. Die Expertin sieht das offenbar nicht so. Sie nickt zustimmend, und mir wird klar, diesen Teil ihrer Vergangenheit haben die Deutschen bei uns Juden deponiert.

„Die Juden wurden schon immer gehasst, nicht bloß in der Nazizeit.“ Ein Schüler mit dunklen Locken beharrt darauf, diesen Satz hinzuschreiben. Den Filzstift hält der Blonde mit dem Kurzhaarschnitt fest in der Faust. „Nicht mehr nach 1945“, behauptet er, und dann solle auch Gaza dort stehen, und dass die Juden in Israel den Palästinensern ihr Land weggenommen haben. Aber auch das schreibt der Blonde nicht hin. Etwas hindert ihn. Ihn hindert die fixe Idee, nach alledem dürfe ein Deutscher die Politik Israels nicht mal kritisieren. Diesen Gedanken vertritt eine Mehrheit in Deutschland, und gemeint ist: Danach dürfe ein Deutscher den Juden nichts mehr tun, was nicht etwa ein Schuldeingeständnis ist, sondern eine Beschwerde.

Ich ermutige den Schüler, beides aufzuschreiben, und er tut es. Die Juden wurden immer gehasst. Gaza und Besatzungsmacht Israel. Die Lehrerin schaut zu. Ihr sind jetzt die Israelis, wie sie da auf dem großen Blatt Papier neben Gaza stehen, unangenehm vor mir. „Kauft nicht bei Israel.“ Das würde ich jetzt gern dazuschreiben. „Jude, das ist eine Religion“, sagt die Lehrerin leise zu der Juden-Expertin. Hört sich in meinen Ohren an wie weniger schlimm. Das müsse man den Schülern auch einmal sagen, drängt sie.

„Tun Sie mir das nicht an“, mische ich mich ein. „Juden sind Juden, so wie Deutsche eben Deutsche sind. Ich bin Jüdin, aber ich bin überhaupt nicht religiös.“ Die Lehrerin errötet und greift nach meinen jüdischen Wurzeln. „Lassen Sie die Wurzeln“, sage ich zu ihr. „Ich bin keine jüdische Wurzel, ich bin Jüdin und Deutsche.“ Die Expertin für Judentum ist unzufrieden mit mir. Ich habe den Hintergrund verlassen. Sie verwaltet die deutschen Juden. Ich störe dabei.

Heutzutage sind Juden nach deutschem Verständnis nicht aus Deutschland, sondern aus Israel, Amerika, Osteuropa und Russland. Oder sie sind Zeitzeugen. Dann können sie Deutsche gewesen sein. Aber die Zeitzeugen, klagen die Juden-Experten, sterben aus. Bald könne man nur noch Filme zeigen und Tonbänder abspielen.

Und was ist mit mir? Ich bin mit Zeitzeugen aufgewachsen. Zeitzeugen haben mich in die Welt gesetzt, mir das Laufen beigebracht, mich bewacht, mich aus dem Schlaf gerissen und mir eingeschärft, darüber zu schweigen, dass ich Jüdin bin. „Ja, aber“, sagt man mir, „die Schüler wollen richtig Schlimmes hören, und da haben Sie, Frau Roggenkamp, ja nicht wirklich etwas zu erzählen.“ Stimmt. Ich bin danach geboren. Aber das Leben geht doch weiter.

Einer Schülerin ist zum Judentum noch etwas eingefallen. Das Wort Jeans lese ich. Guter Einfall! Levi’s. Die jüdischste Jeans, die sich denken lässt. Fast alle in der Klasse tragen Jeans. Da stehe nicht Jeans, korrigiert mich die Juden-Expertin, da stehe Jesus.

Ich muss zur Augenärztin, und morgen ist Sederabend, der festliche Auftakt zu Pessach, das Pessachmahl vor dem nächtlichen Auszug aus Ägypten. „Noch einen schönen Tag“, ruft mir die Juden-Expertin nach, als ich gehe. Mich umzudrehen in dem einen noch schönen Tag, den sie mir wünscht, um ihr zu sagen, sie könne mir mal chag sameach l’Pessach wünschen, so viel müsste sie doch wissen als Juden-Expertin, das fällt mir nicht ein. Erst draußen vor der Tür. Dort, wo niemand von mir verlangt, Vertrauen zu haben.

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