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Vertrag von Versailles „Man unterschätzte die Wirkung auf die Deutschen“

Der Historiker Jörn Leonhard über den Vertrag von Versailles, warum er so viele Erwartungen enttäuschte und welche Parallelen sich zur Gegenwart ziehen lassen.

Versailler Vertrag
Reichsaußenminister Hermann Müller und Reichskolonialminister Johannes Bell unterzeichnen im Spiegelsaal von Versailles das von W. Wilson, D. Lloyd George, G. Clemenceau und V. Orlando ausgearbeitete Vertragswerk: Gemälde von William Orpen, um 1925, London, Imperial War Museum. Foto: epd

Herr Leonhard, der vielgeschmähte Versailler Vertrag, mit dem der Nachkriegsfrieden geregelt werden sollte, hatte einen immensen Umfang von rund 600 Seiten. Was stand da alles drin?
Im Kern ist der Vertrag so aufgebläht, weil man angesichts der vielen Opfer in einem totalisierten Krieg glaubte, einen perfekten Frieden organisieren zu müssen. Diese Regelungswut hat damit zu tun, dass der Erste Weltkrieg gezeigt hatte, was ein Staat regulieren, in welche Bereiche er überall eingreifen konnte. Deshalb reichten die Bestimmungen des Friedensvertrags von territorialen, militärischen, wirtschaftlichen, strafrechtlichen Bestimmungen, über die Anklage, was mit Kaiser Wilhelm II. passieren sollte, bis hin zu winzigen Kleinigkeiten.

Welche wären da zu nennen?
Etwa, dass man die Deutschen zwingt, dass sie optische Geräte, die sie bei der Niederschlagung des Boxer-Aufstandes in China nach Deutschland mitgenommen hatten, auszuliefern. Oder sie sollten den Schädel eines Sultans ausliefern, den sie bei der Niederschlagung eines Aufstandes in Afrika erbeutet hatten. Natürlich stand dahinter auch die symbolische Abrechnung mit dem deutschen Kolonialismus. 

Es geht vom Schädel des Sultans bis zur Kriegsschuldfrage.
Es geht vom ganz Kleinen bis hin zur Feststellung in Artikel 231, dass Deutschland der Hauptverursacher des Krieges gewesen sei, um so die Reparationen zu rechtfertigen. Der zweite Hauptgrund für die Detailversessenheit sind die zahlreichen in Paris anwesenden Experten-Kommissionen.

Ein Heer von Wissenschaftlern war beteiligt?
Allein an der deutschen Delegation waren fast 200 Leute beteiligt, Militärexperten, Völkerrechtler, Finanzfachleute, die in den 20ern eine wichtige Rolle spielen würden. Sie argumentierten, dass die Alliierten ein Interesse daran haben müssten, dass Deutschland sich wirtschaftlich schnell erholte, weil es ein wichtiger Absatzmarkt für Produkte aus den USA, Großbritannien und Frankreich war. Auf der Seite der Alliierten äußerte sich ein Wirtschaftswissenschaftler wie John Maynard Keynes ähnlich: Man dürfe Deutschland nicht die Luft abdrücken, man könne sich in einer verflochtenen Weltwirtschaft keine einseitigen Belastungen durch die Reparationen leisten. Viele der Wirtschafts- und Finanzexperten dachten weiter als die Politiker.

Wie fließt ihre Arbeit in den Versailler Vertrag ein?
Viele von ihnen arbeiteten ausführliche Memoranden aus, nicht zuletzt um ihre Tätigkeit für die Friedenskonferenz zu rechtfertigen. Die einzelnen von Fachkommissionen erarbeiteten Teile, etwa zu den Territorialbestimmungen, zu den Reparationen oder den Strafrechtsverfügungen, wurden am Schluss kompiliert, so entstand dieser lange Friedensvertrag, der in dieser Form von kaum einem Politiker komplett gelesen wurde. Viele hatten vor Ende April 1919 immer nur einzelne Abschnitte gelesen, erst als der Vertrag im Mai 1919 zusammengetragen wurde, ließ sich die Tragweite des Dokuments erkennen. Nicht zufällig setzte in diesem Moment die Kritik ein, etwa bei Keynes oder dem Vertreter Südafrikas und späteren Premier Jan Smuts. Es machte eben einen Unterschied, ob man sich die Summe des Ganzen ansieht oder nur an der Arbeit an den Einzelbestimmungen beteiligt war. Aus dieser Perspektive war der Vertrag ein Spiegel moderner Arbeitsteilung, doch unterschätzte das die Wirkung des ganzen Dokuments auf die Deutschen. 

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