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Vertrag von Staat und Kirche Ketten des Dogmas

Plädoyer für die Abschaffung der theologischen Fakultäten in Deutschland. Von Gerd Lüdemann

20.09.2008 00:09
GERD LÜDEMANN
Heilig oder unheilig, fragt die Theologie bis heute. Bild: Kreuz im Hinrichtungsraum des ehemaligen Gefängnisses in Leipzig. Foto: ap

Die theologischen Fakultäten in Deutschland stammen aus der mittelalterlichen Universität. Ihre Existenz an Hochschulen der Gegenwart gründet auf Verträgen zwischen Staat und Kirche. Der akademische Status der Theologie überrascht umso mehr, als sie gar keine Wissenschaft ist - und zwar weder in ihrer römisch-katholischen noch in ihrer evangelischen Ausprägung.

Theologie geht von Voraussetzungen aus, denen nur Gläubige beipflichten können, etwa, dass die christliche Religion "der Selbstbekundung Gottes in Jesus Christus" entspringt oder dass die Bibel "das Wort des Dreieinigen Gottes ist, in dem er sich zu erkennen gibt". Aber Wissenschaft muss allen rational zugänglich sein.

Die Theologieprofessoren - so der rechtliche und theologische Konsens - nehmen als Getaufte eine kirchliche Aufgabe wahr und vertiefen Glaubenssätze. Aber dies beruht auf einer Verwechslung von Kanzel und Katheder.

In beiden Fakultäten wirken - zwecks Erteilung des nihil obstat - die jeweiligen Kirchenbehörden bei der Berufung von Professoren mit; dabei beanstanden sie, falls nötig, die Lehre von missliebigen Professoren, was zwangsläufig zu deren Entfernung aus dem Amt und zur Bestellung eines "geeigneten" Ersatzes führt. Aber das ist Inquisition und schlägt der Wissenschaftsfreiheit ins Gesicht.

Führungsrolle verloren

Daher nimmt es nicht wunder, dass die an deutschen Fakultäten betriebene Theologie international die Führungsrolle verloren hat, die ihr einst zukam, und größtenteils nur noch vom Ruhm der Vergangenheit lebt. Wegen ihrer Konfessionsbindung ist sie zu einer echten Kooperation mit anderen Fächern wie der Religionswissenschaft nicht in der Lage. Besonders übel stößt auch die Tatsache auf, dass die Judaistik, sofern sie von Ungetauften betrieben wird, an Theologischen Fakultäten kein Heimatrecht bekommt. Überhaupt können nur Studierende, die einer christlichen Kirche angehören, einen akademischen Grad an theologischen Fakultäten erwerben. Das deutsche Staatskirchenrecht behindert so die Entfaltung des mächtigen Potentials, das die deutsche Bibelwissenschaft einst besaß.

Tatsächlich kann besonders die deutsche evangelische Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts eine imponierende Leistungsbilanz vorweisen und ist ein wichtiger Bestandteil europäischer Geistesgeschichte. Albert Schweitzer fasste ihre Bedeutung so zusammen: "Wenn einst unsere Kultur als etwas Abgeschlossenes vor der Zukunft liegt, steht die deutsche Theologie als ein größtes und einzigartiges Ereignis in dem Geistesleben unsrer Zeit da." Schweitzer bezog sich damit auf die historisch-kritische Erforschung des frühen Christentums, die sich erst nach harten Kämpfen gegen die kirchliche Dogmatik ungestört entfalten konnte.

Die historische Methode beruht auf der Voraussetzung, dass die Erforschung geschichtlicher Phänomene sachgemäß nur unter Berücksichtigung ihres Kausalzusammenhangs, ihrer Wechselbeziehungen und ihrer Analogien erfolgen kann. Ihre Arbeitsweise folgt dem methodischen Atheismus der neuzeitlichen Wissenschaft (der von einem dogmatischen Atheismus zu unterscheiden ist). Befreit von metaphysischen Voraussetzungen und ausgerüstet mit dem Instrumentarium historischer Kritik, hat die Theologie als wissenschaftliche Disziplin geradezu eine kopernikanische Wende für alle Kirchen- und Religionsgemeinschaften zur Folge. Ihr Siegeszug durch die Universitäten der letzten drei Jahrhunderte ist eindrücklich. Sie hat sich in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen behauptet und völlig neue Einsichten gewonnen. Die historische Methode ist Teil des emanzipatorischen Prozesses wissenschaftlicher Neugierde. Sie möchte Sinngebungen nachvollziehen, das heißt verstehen, und muss sich, will sie denn Objektivität anstreben und die Welt entzaubern, gerade deshalb von allen ihr begegnenden fremden Ansprüchen befreien.

Rechtgläubigkeit und Ketzerei

Befreien vom Anspruch des kanonischen Status bzw. der Heiligkeit bestimmter Schriften, denn für wissenschaftliche Exegese gibt es zwischen heiligen und unheiligen Schriften keinen Unterschied. Befreien vom Anspruch einer Offenbarung, da Offenbarung kein wissenschaftlicher Begriff ist. Und befreien vom Anspruch, zwischen Rechtgläubigkeit und Ketzerei in einem über die Prüfung historischer Ansprüche hinausgehenden Sinn zu unterscheiden, denn hier stehen nicht entscheidbare dogmatisch-theologische Urteile einander gegenüber.

Die historische Methode verweigert eine Antwort auf die religiöse Wahrheitsfrage und kann nur verschiedene Wahrheitsansprüche registrieren und miteinander vergleichen. Sie ist darin ideologiekritisch. Als geschichtswissenschaftliches und philologisches Instrument ist sie den Methoden der Geisteswissenschaften in all ihren Ausprägungen verpflichtet. Entscheidend bei der Übernahme neuer Methoden aus den Nachbardisziplinen ist deren Überprüfbarkeit und Effizienz in der Aufhellung geschichtlicher Phänomene. Ihre Voraussetzungen müssen revidierbar bleiben und können immer nur durch ihre erklärende und deutende Wirkung, aber nicht durch einen theologischen Machtwillen in Geltung gehalten werden.

Da die Kirchen die theologischen Fakultäten als Teil ihrer selbst verstehen und diesen Besitzstand um jeden Preis zu wahren suchen, scheint jegliche Reformbemühung aussichtslos. Ich plädiere dafür, dass Departments of Religion die theologischen Fakultäten ersetzen.

Die Aufklärung lässt sich auf Dauer nicht an die Ketten des Dogmas legen. Sie stürzt wie ein brausender Strom heran, gegen den alle Glaubensschleusen und -dämme machtlos sind.

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