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Verlag C.H.Beck "Wir brauchen keine Bank"

Vor 250 Jahren wurde in Nördlingen der Verlag C.H.Beck gegründet. Er ist ein Familienunternehmen mit nur zwei Unterbrechungen. Ein Besuch bei dem Verleger Wolfgang Beck in München.

Wolfgang Beck gibt das Verlagsgeschäft bald an die siebte Generation ab. Foto: dpa

Wolfgang Beck hat alles parat. Jeden Abschnitt der 250 Jahre der Geschichte des C.H.Beck-Verlages. Ein Familienunternehmen. Aber es wurde nicht immer von der Familie geführt. Zweimal mussten andere einspringen. 1852 starb Carl Beck, sein Sohn war erst zwei Jahre alt. Ernst Rohmer (1818–1897) übernahm für dreißig Jahre die Firmenleitung. Und nach dem Zweiten Weltkrieg bekam der C.H.Beck-Verlag keine Drucklizenz.

Er hatte sich während der Nazi-Zeit gar zu regimekonform gezeigt. Die juristische Abteilung hatte business as usual betrieben und Nazi-Gesetze publiziert und kommentiert. Darunter auch die berüchtigten Kommentare zu den Nürnberger Rassegesetzen. So wurde 1946 von einem Vetter des Verlegers Heinrich Beck, von Gustav End, eine Lizenz für die Gründung des Biederstein-Verlages erworben.

Der nicht zugelassene C.H. Beck-Verlag verpachtet Rechte an seinen Büchern an den Biederstein-Verlag. Der so zum Beispiel als eine seiner ersten Veröffentlichungen die 47. Auflage des Bürgerlichen Gesetzbuches herausbringen kann. Begleitet von einem Kommentar zum „Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“.

Zweimal wurde die Kette der Beck-Generationen unterbrochen

1949 wird der Beck-Verlag wieder zugelassen. Zweimal also musste die Kette der Beck-Generationen unterbrochen werden, um den Verlag zu erhalten. Ohne diese Aktionen gäbe es den Verlag heute nicht mehr. „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert“, heißt es in Tomasi di Lampedusas „Der Leopard“.

Wolfgang Beck ist 71 Jahre alt. Er ist Chef des humanwissenschaftlichen und des Literaturverlages C.H.Beck. Den juristischen Verlag führt sein Bruder Hans Dieter Beck, geboren 1932. Sie tun das seit 1973. Sie sind die sechste Generation. Die siebte arbeitet bereits im Verlag und wird demnächst die Führung übernehmen. Das Grundstück Wilhelm-/Ainmiller-Straße in München, auf dem das Verlagsgebäude steht, ist – inzwischen erweitert – das Grundstück, das der Verlag 1888, aus Nördlingen kommend, erwarb. In Nördlingen sind Teile der Druckerei zwar nicht mehr auf dem Grundstück, auf dem die Druckerei und die Buchhandlung von Gottfried Mundbach standen, die der 30-jährige aus Sachsen zugewanderte Buchdrucker Carl Gottlob Beck am 9. September 1763 erwarb, aber doch auf dem Boden, den er 15 Jahre später kaufte.

Im Beck-Verlag gilt eine andere Zeitrechnung. Es gibt Bücher, die seit 100 Jahren lieferbar sind. Es gibt Werke, an denen Jahrzehnte geschrieben wird.

Sind Verlag und Verleger Saurier? Liegt ihr Leben hinter ihnen? Haben sie keine Zukunft mehr? Wie wollen sie überleben im digitalen Zeitalter, wie Geschäfte machen zwischen lauter E-Books? Es ist zwölf Uhr mittags, wir sitzen in einem sehr großen, hellen Raum mit Blick auf den Garten. An einem Tisch, vor uns ein Früchteteller mit Beeren und Aprikosenschnitzen und ein anderer Teller mit kleinen Käse- und Wurstsemmeln. Dazu allerhand Nicht-Alkoholisches. Ich zeige Wolfgang Beck meinen Kindle und schwärme von ihm. Der ganze Goethe, der ganze Zola, der ganze Balzac, jede Menge neuer Literatur, alles immer verfügbar. Ich muss mich nicht entscheiden, welches Buch nehme ich mit in den Urlaub. Er lächelt.

Er hat jetzt ein wenig Ähnlichkeit mit Günther Anders, einem seiner Autoren. „Es hat keinen Ort“, sagt er. Ich bin begriffsstutzig. „Ein Buch hat einen Ort. Es steht irgendwo. Wenn ich es brauche, gehe ich hin. Manchmal, wenn ich nicht an es denke, stoße ich darauf, wenn ich mir etwas zu trinken hole. Ihr Goethe, ihr Zola, ihr Balzac, die haben keine Orte. Die sind irgendwo in einer Wolke. Sie stoßen nicht zufällig auf sie. Jedenfalls nicht in der wirklichen Welt. Was immer sie wollen, sie rufen es immer am selben Ort auf.“

Bücher dürfen nicht nur Container von Wissen sein

Auch der Raum ist hier anders als draußen. Er spielt noch seine alte Rolle. Er organisiert noch Wahrnehmung, Erinnerung und Wissen. Die Dinge wurden noch nicht aufgelöst in Informationen, in eine Folge von Ja und Nein. Sie sind widerständig. Man stolpert über sie. Das gehört zur Erkenntnis. Der binäre Code dagegen verwaltet nur das Wissen, über das man verfügt. Das tut er ausgezeichnet und, da scheint sich Wolfgang Beck ganz sicher, so sind Lexika, Nachschlagewerke allesamt besser im Netz aufgehoben als in den dicken Büchern, mit denen der Verlag seit 250 Jahren seine Geschäfte macht.

Bücher dürfen nicht nur Container von Wissen sein. Dann sind sie heutzutage überflüssig. Sie müssen einen neuen Blick auf das Bekannte werfen, Dinge zusammenbringen, die sonst in getrennten Schubladen aufbewahrt werden. Sie müssen also anregend sein, den Leser auf Ideen bringen. Es muss ihm Spaß machen, mit ihnen zu denken. Dazu müssen sie auch gut, ja spannend geschrieben sein. Wolfgang Beck lächelt dazu und meint, das sei ein langer Katalog und eine schwierige Sache. Aber genau das sei ja auch das Schöne daran.

Die Geschichte hatte er parat. Er wusste alles darüber, aber jetzt, da es um das Büchermachen geht, die aktuelle Arbeit, spricht er anders. Er kommt ein klitzeklein wenig ins Schwärmen. Nein, die Wendung zur Geschichte, zur jüngsten deutschen Geschichte gar, die der Verlag während seiner Verlegerzeit nahm, war nicht das Ergebnis einer konzeptionellen Entscheidung. Da saß niemand vor vier Jahrzehnten an einem Schreibtisch und dachte sich: Alle reden von Soziologie, lasst uns Geschichte machen.

Es gab den englischen Historiker Gordon A. Craig und den außerordentlichen Erfolg seiner „Deutschen Geschichte von 1866–1945“. Das bestärkte den Verlag, sich mit Büchern zur modernen Geschichte einem breiten Publikum zuzuwenden. Drei Jahre später erscheint von Thomas Nipperdey die „Deutsche Geschichte 1800 bis 1866“. Auch ein großer Erfolg. „Autoren ziehen Autoren heran. Autoren machen Verleger und Lektoren auf andere Autoren aufmerksam. So wächst ein Verlag.“
C.H.Beck hatte in den fünfziger Jahren, als der Suhrkamp-Verlag zögerte, Walter Benjamin drucken wollen. „Wir wären ein anderer Verlag geworden“, meint Wolfgang Beck. Er meint das ganz sachlich. Ich verstehe: Ein Autor, ein Buch ist ein Magnet, der andere Bücher, andere Autoren anzieht oder abstößt. Ein Verlag ist aber nicht einfach eine Sammlung von Magneten, sondern er ist „das Kollektiv seiner Autoren“. Er entsteht, weil alle diese Magneten durch ein kleines Kollektiv gehen, das von Verleger und Lektorat. „Ein Verlag ist nur so gut wie seine Autoren. Aber man muss natürlich die richtigen haben. Man muss auch Nein sagen können.“ „Und manchmal sagt man Nein und bedauert das hinterher“, sage ich. „Das kommt vor.“ „Zum Beispiel?“ „Heimito von Doderer hatte uns einmal Ingeborg Bachmann, die ganz junge Ingeborg Bachmann vorgeschlagen. Wir haben abgelehnt.“

"Wir schreiben selbst schwarze Zahlen"

Wolfgang Beck spricht fast immer von wir. Er meint den Verlag und er meint die Mitarbeiter, von denen er ein halbes Dutzend in diesem Gespräch namentlich erwähnt. Der schmalgliedrige Mann, ein sehr erfolgreicher Unternehmer, scheint glänzend ohne das Wort ich auszukommen. Mein Verdacht ist: Sein Ego ist so riesig, dass er darauf verzichten kann, öffentlich von ihm Gebrauch zu machen.

Sein Sohn wird den Verlag bald übernehmen. Wie das genau aussehen wird, ist noch unklar. „Dann wird bald er zur Bank gehen?“, frage ich. Wolfgang Beck sieht mich an. Er hat keine Ahnung, worauf ich hinauswill. „Wenn der Verlag wieder einmal eine vielbändige Globalgeschichte plant, ein riesiges Reihenwerk, dann geht in Zukunft er zur Bank und führt die Verhandlungen über einen Kredit.“

Wolfgang Beck geniert sich ein wenig, aber dann sagt er es doch: „Wir brauchen keine Bank. Wir stehen gut da.“ Besser als in früheren Jahren, meint er. Wir haben dazugelernt. Wir wissen jetzt besser, wie das Geschäft geht. „Da hilft natürlich auch der juristische Verlag des Bruders?“ „Wir sind selbstständig. Wir schreiben selbst schwarze Zahlen. Aber es hilft natürlich zu wissen, dass, wenn das einmal vorübergehend nicht der Fall wäre, man dann nicht vor dem Aus stünde. Nein, „Aus“ hat Wolfgang Beck nicht gesagt. Die Vorstellung eines „Aus“ liegt ihm fern. Dem Verlag geht es gut. Ihm auch, die siebte Generation steht bereit. Wer wird da an „Aus“ denken?

Das in meinen Augen schönste Buch des vergangenen Jahres, ist „Die Geschichte der Welt in 100 Objekten“ des Chefs des British Museum Neil MacGregor. Adam Zamoyskis „1812. Napoleons Feldzug in Russland“ ist in den Augen von Denis Scheck das „beste historische Werk seit Menschengedenken auf einer deutschen Sachbuchbestsellerliste“. Beides erschienen im C.H. Beck-Verlag.

Vom literarischen Programm haben wir noch gar nicht gesprochen, nicht von Ernst Augustin, Hans Pleschinski, t von Ingomar von Kieseritzky und nicht von den Übersetzungen der Werke von Aravind Adiga, Amir Hassan Cheheltan, Paula Fox und Janet Frame. Ein großer, ein bedeutender Verlag. Für die Humanwissenschaften vielleicht der wichtigste in Deutschland. Ein Glücksfall.

Für die Familie. Sicher. Aber er ist auch ein Glücksfall für die Leser. Es sind solide, wissenschaftlich fundierte Bücher, ein Professorenverlag. Das Experimentelle, das Verrückte gar fehlt ganz. Der Beck-Verlag ist so gesehen ein Werk geglückter Restauration. Die Wiederherstellung wissenschaftlicher Reflexion nach ihrer Vernichtung im Dritten Reich. Er ist darin ein Stück Bundesrepublik und auch darin, dass er dann deutlich mehr wurde als Restauration. Er hat mitgeholfen an der Neugründung einer republikanischen, einer bewusst demokratischen Kultur in der Bundesrepublik. Der ehemalige CSU-Kultusminister Hans Maier und der radikale Denker der Antiquiertheit des Menschen Günther Anders (1902–1992) gehören beide zu den Autoren des Verlages. Sie werden nie miteinander gesprochen haben. Aber zu uns sprechen sie. Zu uns, den Lesern des C.H.Beck-Verlages, der am 9. September 1763 in der Freien Reichstadt Nördlingen gegründet wurde. Auf noch viele weitere Generationen von Lesern, Autoren und Verlegern!

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