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Venedig Biennale Architektur Die eine Moderne gibt es nicht

Die 14. Architekturbiennale in Venedig schwelgt in der Erinnerung an den Wohlfahrtsstaat – und das gilt nicht nur für die Länder Europas

06.06.2014 16:07
Nikolaus Bernau
Im Innern der Bonner Bungalow-Kühle lodert das Feuer nicht mehr. Foto: dpa

Die 1960er waren offenbar eine rundum tolle Zeit. Elegant, lebens- und zukunftsfroh, mit der Aussicht auf immerwährenden sozialen, materiellen und kulturellen Aufstieg. Oder schlägt sich in den Installationen, Debatten, Katalogen und Büchern, den Modellen, Plänen und Filmen der 14. Architekturbiennale von Venedig nur die Jugend-Sentimentalität der Babyboomer nieder, deren Höchstgeburts-Jahrgang 1964 in Deutschland zugleich das Umschlagen der demografischen Kurve annoncierte?

Doch auch die Dominikanische Republik, die als erster karibischer Staat überhaupt teilnimmt, feiert mit kraftvollen Farbfotografien ihre damals entstandenen Bauten als Ausdruck gesellschaftlichen Aufstiegs. Zu sehen ist darauf allerdings auch der malerische Verfall dieser geschwungenen Betonarchitekturen, der mit dem Aufstieg des Neoliberalismus in den späten 1970ern beginnt, mit dem Abschied von der seit den 1940ern so erfolgreichen Idee, dass der Staat das Leben seiner Bürger absichern solle.

„Absorbing Modernity 1914-2014“, also etwa: Verinnerlichung der Moderne, gab Chefkurator Rem Koolhaas den Kuratoren der 66 Länderpavillons für diese Architekturbiennale als Thema, an dem sie sich zu orientieren hätten, vor. Das Ergebnis allerdings, und in dem gewichtigen Katalog ist auch Koolhaas durchaus überrascht davon, zeigt, dass seine Ausgangsbehauptung, „die“ Moderne habe regionale und nationale Unterschiede verschliffen und unsichtbar gemacht, blanker Unsinn ist.

Scharfe Einzelidentitäten

Eher scheint das Gegenteil zu stimmen: Unter dem Dach einer internationalen Ästhetik – so, wie es sie mit Gotik, Renaissance, Barock oder Klassizismus auch früher gab – haben sich Einzelidentitäten nur umso schärfer ausgebildet. Wenn Finnland heute seine kernig-groben Holzbauten nach China exportiert, werden sie als genuin finnische Bauwerke vermarktet.

Die Niederlande feiern Jaap Bakema als Schöpfer der Fußgängerzone Lijnbaan in Rotterdam, aber auch mancher Großsiedlungsplanung, die jetzt als Teil des niederländischen Wohlfahrtsstaats wieder entdeckt werden. Großbritannien inszeniert sich wieder einmal als fröhliches Land der Popkultur, zu der auch die Massensiedlungen der 1960er gehören.

Auch die realsozialistische „Platte“ war einmal ein Versprechen: Nach dem Sieg Salvador Allendes bot ihm die Sowjetunion an, den chilenischen Wohnungsbau anzukurbeln. Eine Musterplatte wurde geschickt, der Präsident signierte sie sogar. Dann kam der Putsch Pinochets, das Muster wurde umgewidmet zu einer Straßenkapelle, die Unterschrift Allendes ausgelöscht. Jetzt steht die Platte in Venedig, neben vorzüglichen Modellen von Plattenbauten, die zeigen: Auch der industrielle Wohnungsbau hat seine Entfaltungsmöglichkeiten.

Der brutalste Pavillon ist derjenige Portugals. Knallgelb gestrichen, zeigt er nur zwei Zeitungsständer, in denen Blätter ausliegen, die auch vom regionalen Wohnungsbau seit 1914, vor allem aber von der Krise berichten, die derzeit alles Bauen stranguliert.

Welch ein Kontrast zur üppigen Schau Mondoitalia in den Arsenal-Hallen, den ehemaligen Schiffswerften der verblichenen Seemacht Venedig. Hier schwelgt Italien in der Erinnerung an die große Zeit seiner Moderne, an Vespa, Fellini, sozial erreichbaren Wohnungsneubau, modernen Tanz, Design. Und es zeigt schonungslos den Niedergang Italiens, mit Fotos der Mafiaboss-Villen in Mailand, der Landschaftsvandalisierung für Tourismus und Industrie, Berlusconis Korruption. Aber auch die Filmausschnitte von Flüchtlingen aus Italien einst und aus Afrika jetzt oder vom heterosexuellen und schwulen Sexismus, der sich an den antiken Legenden über römische Kaiser auf Capri festmachte.

In seinem neuen, mit Hilfe von 250 Studierenden erarbeiteten Forschungsprojekt „Fundamentals“ zeigt Rem Koolhaas die Grundbauteile dieser vielen Modernen: Wie entstand die heutige Wassertoilette; was verbindet Türschlösser, Ritterrüstungen und Falltore, chinesische Geistertüren, Scanneranlagen auf Flughäfen und Netzverschlüsselung – das Bedürfnis nach Sicherheit.

Toll, bunt, ein Vergnügen

Eine grandiose Auswahl aus einer riesigen Privatsammlung von Fenster- und Türrahmen führt uns Stilgeschichte im Detail vor. Müssen Wände immer fest und starr sein, Rolltreppen immer gerade fahren? Man mag Koolhaas und seine Attitüde des Welterklärers nervig finden: Diese Ausstellung ist einfach nur toll, bunt, ein Vergnügen, bei dem man sehr viel lernen kann. Die Kataloghefte waren schon am Eröffnungstag ein viel begehrter Renner.

Vor dem Hauptpavillon steht das 1:1-Modell des 1914 von Le Corbusier entwickelten Stahlbetongerüsts Domino. Seine Idee, eine Architektur nur aus Pfosten, Decken und Dachplatten zu schaffen, war damals revolutionär. Heute verrotten solche Dominos als in Industriebeton gegossene Skelette weltweit.

Indonesien verteidigt dagegen in einer hinreißend schönen Filminszenierung die Werte des traditionellen Handwerks – aber feine balinesische Tempel und javanische Paläste sind keine Bauaufgaben mehr. In Israel dienten als „modern“ bezeichnete Stadtplanungs- und Architekturvisionen dazu, die vorhandenen Städte und Landschaften regelrecht zu überschreiben: Große Druckernadeln zeichnen in den eigens antransportierten Wüstensand Pläne von Siedlungen und Häusern, das Verschwinden der arabischen Dörfer – ein Besen geht darüber hinweg und die Landschaft ist scheinbar wieder frei, um neuerlich geformt zu werden.

Und was ist mit den Menschen, den Traditionen, den Geschichten? Eine großartige Installation. Ähnlich vieldeutig zeigt sich auch der deutsche Pavillon: Da steht vor der Pfeilerfassade von 1938 die Staatskarosse, der schwarze Amtsmercedes Helmut Kohls, ein roter Teppich führt durch das monumentale Portal in den nachgebauten Bonner Kanzlerbungalow von 1964. Ein schönes Bild. Aber was sagt es aus? Ist das Moderne an sich? Oder ist damit der Kontrast der Nazi-Moderne und der Bundesrepublik-Moderne angesprochen?

Dass die Kuratoren Alex Lehnerer und Savas Chiriacidis ein Riesengewese gemacht haben, um ihre Ideen nicht öffentlich debattieren zu müssen, hatte vielleicht doch einen Sinn: Sie machen ein reines Formenspiel. Sonst hatten sie wohl noch radikaler rekonstruiert, auch die Einrichtung des Bungalows in Venedig nachgebaut.

Was hätte besser die Demokratisierung Deutschlands demonstrieren können als der Kontrast zwischen dem Wohnbau des Kanzlers, der als Symbolbau der Repräsentationsarchitektur der Bonner Republik entstand, im Unterschied zu der gewalttätigen staatlichen Museumsarchitektur aus der Nazi-Zeit?

Venedig: Giardini und Arsenale, bis zum 23. November. www.labiennale.org

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