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USA Wir sind Charlottesville

Die amerikanische Ultrarechte hat den Neofaschismus aus Europa importiert.

Charlottesville
Stiller Protest gegen Rassismus in diesen Tagen. Foto: afp

Präsident Trumps mäandern zur Gewaltorgie von Ku-Klux-Klan, Neonazis und Alt-Right in Charlottesville bestätigt den Eindruck, er wolle es sich nicht mit Leuten verderben, denen unter anderen er seine Wahl zu verdanken hat, zudem vor allem jene Anhänger nicht düpieren, die nicht unter Hakenkreuzen und KKK-Symbolen aufmarschieren, sehr wohl aber Positionen weißer Überlegenheit über Afro-Amerikaner, Juden und sexuelle Minderheiten teilen und es nur dem Obwalten politischer Korrektheit anlasten, dass sie dies nicht deutlicher artikulieren können.

Insofern ist bei Teilen der Wählerschaft stilles Einverständnis und klammheimliche Freude über Charlottesville zu unterstellen, und der große Opportunist und notorische Lügner Trump bringt es nicht übers Herz, diese „guten Leute“ zu verraten, die er bei seinen Wahlkampfauftritten und der Rede zur Amtseinführung unter dem Banner von „America first!“ von der Kette gelassen hat.

Ein gewaltiger Rechtsruck

Amerikas Konservative haben einen gewaltigen Rechtsruck durchgemacht. Seit längerem schon – mit dem verstorbenen, seinerzeit an der University of Virginia in Charlottesville lehrenden Philosophen Richard Rorty konnte man sich darüber gut unterhalten – wirft sich die einst eher Big Business, dem Militär und der christlichen Religion verpflichtete Rechte auf identitäre Fragen und fällt auf Positionen des Rassismus und Antisemitismus zurück, die überwunden schienen.

Die Ultrarechte war stets beinhart gegen Juden, Schwarze und Schwule, neuerdings auch Muslime, und sie verfolgt Strategien eines anglo-amerikanischen Revisionismus, der die Niederlage im Bürgerkrieg und die Aufhebung der Rassentrennung nie akzeptiert und Amerika als Vielvölkerrepublik immer abgelehnt hat.

„You (Jews) will not replace us!“ skandierten die Fackelträger in Virginia. Sie wollen die „Cucks“ verdrängen, Konservative ohne Eier, und Leute rekrutieren, die von der effeminierten Linken enttäuscht und angewidert sind.

Doch sollte man nicht übersehen, dass diese Rechte an Traditionen anschließt, die weniger amerikanisch als europäisch sind und dem Faschismus des späten 19. und des 20. Jahrhunderts entspringen.

Neonazis beziehen sich auf den modernen Antisemitismus und Hitler, „Blood & Soil“ auf die arisch-agrarische Volksgemeinschaft der Nazis.

Amerikanisch ist die Form: Der fundamental-protestantische Geheimbund des Ku-Klux-Klan und die Militia, die waffentragenden Bürgerwehren, bestehen auf der radikalsten Auslegung des Second Amendment („the right of the people to keep and bear arms“) aus dem Jahr 1791 und laufen nicht nur in Charlottesville in Bürgerkriegsmontur herum. Auf ihr Konto geht der heimische Terrorismus, der schon Dutzende von Toten gekostet hat. 

Wer hier als Europäer die schlimmsten Auswüchse des Amerikanismus wüten sieht, sollte auch nicht vergessen, dass pogromartige Ausschreitungen gegen „Fremde“ in größerem Umfang in der Alten Welt stattfinden.

Dass das Phantasma vom „Großen Bevölkerungsaustausch“ aus Europa importiert ist; dass der NSU seine mörderische Aktivität mindestens so effizient verfolgt wie der KKK; und dass in unseren Breiten die größere islamo- und arabophobe Welle rollt. Es ist eher so, dass die amerikanische Ultrarechte von Europa gelernt hat.

Amerika und Europa leiden unter dem gleichen Übel

Die klandestinen Sekten knüpfen ebenso wie die Ideologen der Alt-Right an Vordenker der „Konservativen Revolution“ und des europäischen Faschismus wie Julius Evola an und finden im Weißen Haus Gehör. Und wenn, ganz nebenbei, Trump Alt-Right und Alt-Left (oder Antifa) in Äquidistanz setzt, dann tut er nichts anderes als das, was eine Extremismus-Theorie in Deutschland seit Jahrzehnten betreibt.

Amerika und Europa leiden unter dem gleichen Übel: der Wiedergeburt des Faschismus. Casa Pound in Italien, Jobbik in Ungarn, Morgenröte in Griechenland, die ultrarechte Opposition gegen PiS in Polen und natürlich kreidefressende Nazis, die in deutschen Burschenschaften, identitären Aktionsgruppen und bei Pegida untergekommen sind, rufen hier wie dort zum letzten Gefecht. Wer Trumps Umfeld als Faschisten mit amerikanischem Antlitz kennzeichnet, verharmlost weder den Nationalsozialismus noch übertreibt er die Gefahr, die davon ausgeht. Wir sind Charlottesville.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier USA

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