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USA Was in Trumps Amerika als ultralinks gilt

Kann es in Trumps Amerika einen Aufschwung von links geben – und wie bunt ist dieser gegebenenfalls? Ein Gastbeitrag.

Alexandria Ocasio-Cortez
Dissens ist patriotisch: Alexandria Ocasio-Cortez (am Mikrofon). Foto: rtr

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereiste der angesehene Soziologe und damalige Marx-Adept Werner Sombart die Vereinigten Staaten, sammelte eine Menge Daten über deren soziale und wirtschaftliche Lage und kam in seiner Schrift „Warum gibt es keinen Sozialismus in den Vereinigten Staaten?“ zu dem Schluss, dass Sozialisten ausgerechnet (und theoriewidrig) in dem am weitesten fortgeschrittenen kapitalistischen Land der Erde keine Chance hätten. „An Roastbeef und Apple-Pie wurden alle sozialistischen Utopien zuschanden“, schrieb er, hinzu kamen die offene Grenze im Westen mit räumlicher Mobilität und sozialem Aufstieg und vor allem: die ethnische Fragmentierung.

Am Ende des Jahrhunderts unterstrich der Philosoph Richard Rorty die Befürchtung, identitäre Markierungen würden überhandnehmen, also die engere, ethnisch oder religiös bestimmte Gruppenidentität das Einwanderungsland Amerika zerspalten, was Sombart als Hauptgrund für den Mangel an Klassenbewusstsein und das Fehlen proletarischer Solidarität ausgemacht hatte.

In der Clinton-Ära hofften manche auf ein Comeback der Gewerkschaften, unterstützt durch klassenkämpferische Studierende, aber vergeblich. Die Realeinkommen stagnieren seit den 1970er Jahren, der Wohlfahrtsstaat wurde weiter abgebaut. Dann löste die Finanzkrise 2008 eine mächtige autoritäre Welle aus und spülte Donald Trump an die Macht, mit der nunmehr rechtsidentitären Kampfansage, die Hegemonie der weißen Männer müsse geschützt werden.

Der Bevölkerungswandel in den USA gibt dem Mann im Weißen Haus auf den ersten Blick recht. Der Demograph William Frey belegt in „Diversity Explosion: How New Racial Demographics Are Remaking America“ die Abnahme Weißer unter 18-Jähriger um sieben Millionen seit der Jahrhundertwende. Xenophobie sei aber nicht die Antwort, denn ältere Weiße seien existenziell auf den weiteren Zustrom junger Einwanderer angewiesen, die zum geringsten Teil aus Europa kämen. Wenn die Republikaner „farbige“ Immigration nun zurückfahren und die Beteiligung von Minderheiten an Wahlen mit allen Mitteln zu verhindern trachten, schade das ihrer eigenen Klientel am meisten.

Mike Davis, Autor des legendär gewordenen Los-Angeles-Buches „City of Quartz“ und ein unbeugsamer Alt-Sozialist aus San Diego, verteidigt die weiße Arbeiterklasse gegen das populäre, von der Alt-Right gepflegte Vorurteil, vor allem sie habe Trump gewählt und halte ihm am eifrigsten die Stange. Das tut eher die Mittelschicht im suburbanen Hinterland, und ihre Zuneigung zu dem Autokraten ist weniger ökonomisch als kulturell motiviert.

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