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Unter Tieren Wen muss man hier retten?

In der Juli-Ausgabe ihrer Kolumne "Unter Tieren" interessiert sich Hilal Sezgin für die Geschichte der Kuh Fine. Und die einfache, aber doch traurige Antwort auf die Frage, wo die Kälber der Milchkühe geblieben sind.

30.06.2014 16:11
Hilal Sezgin
Unter Tieren

Karin Mück, die Betreiberin des Lebenshofs Hof Butenland, erzählt mir immer die schönsten Geschichten. Eines Tages rief sie mich zum Beispiel an und sagte: „Hilal, du wirst nicht glauben, was heute geschah: Die Luise hat mich angegriffen.“

Luise ist eine große, schwarz-weiß gescheckte, behörnte Kuh, die normalerweise für ihre Friedlichkeit bekannt ist und die menschliche Gegenwart eher flieht. Dieses Mal aber ging sie mit leicht gesenktem Kopf auf Karin zu, als diese die Weide betrat. „Bin ich natürlich erst mal nicht näher ran“, sagt Karin, „aber hinter Luise, ganz in der Ecke der Weide, hab ich ein schwarz-weißes Kalb gesehen. Kann nicht von Luise sein, hätte ich ja mitbekommen – muss von der Nachbarweide rübergelaufen sein.“

Wer nach Hof Butenland flüchtet, der darf bleiben. Also ging Karin zum Nachbarn, um ihm die Geflohene abzukaufen. Es stellte sich heraus, dass sie eine bereits anderthalb Jahre alte Kuh war – aber wohl so schlecht ernährt, dass sie klein geblieben und nicht nur von Karin, sondern eben auch von Luise für ein Kind gehalten worden war. Der Nachbar hatte sie erst vor wenigen Tagen in den Niederlanden gekauft, um sie in Norddeutschland weiterzumästen.

Auch erwachsene Kühe gehen Freundschaften ein

Karin nannte die Kleine Fine; einen Tag lang betreute Luise Fine wie ein Kalb, dann sah auch sie den Irrtum ein. Fine fand Anschluss an die Herde, näherte sich zwei Wochen lang mal dieser, mal jener Kuh; schließlich schloss sie mit Chaya Freundschaft. (Auch erwachsene Kühe gehen Freundschaften ein, oft lebenslang.)

Ein anderes Mal erzählte Karin von dem dreijährigen Ochsen Mattis, dem es – wie fast keinem anderen Kuhkind in diesem Land – vergönnt war, bei der Mutter zu bleiben und zu trinken. Er war der Liebling von allen und wurde ein ziemliches Hätschelkind. Und so beobachtete Karin eines Tages Mattis, wie der seinerseits die dicke große Kuh Dani beobachtete, die sich ihren Weg an die Raufe bahnte. Sie schubste mal links, mal rechts; und alle anderen Kühe ließen sie durch.

„Und das hat Mattis gesehen und man merkte richtig, wie ihm die Idee kam: „Das kann ich auch!“ Er also seitlich an die Raufe ran, schubste eine andere Kuh – und die schwenkte den Kopf und gab ihm voll eins auf die Hörner. Der arme Mattis! Er blickte sich um, wo seine Mama war, und lief hin, um bei ihr zu trinken. Die aber hatte keinen Bock, er ist ja längst viel größer als sie; auch sie schwenkte den Kopf und gab ihm noch was auf die Mütze! Er tat mir richtig leid. „Mattis, du Riesenbaby“, rief ich, und er kam zu mir und ließ sich von mir streicheln und trösten.“

Im September erzählt mir Karin dann die eher nicht so schönen Geschichten, denn das ist die Zeit, wenn die Kälber aus der so genannten Mutter-Kuh-Haltung von ihren Müttern getrennt werden. Und dann rufen die Kühe nach ihren Kindern, tagelang. Die Kälber werden ihren Müttern genommen, weil sie gemästet werden sollen; außerdem wollen ja die Menschen die Milch für sich selbst abmelken.

Die Kühe aber, verzweifelt, muhen und muhen. Wenn ich zu der Zeit anrufe, sagt Karin immer: „Sprich lauter, bei uns sind die Radios laut aufgedreht.“ Denn Karin erträgt es kaum, den ganzen Tag die Kühe der Nachbarn rufen zu hören.

Deswegen ist es auch keine reine Freude, Kühe auf der Weide grasen zu sehen. Wo sind die Kinder? „Ein Drittel aller niedersächsischen Kühe kommen heute schon nie in ihrem Leben aus dem Stall. Um diesen Trend zu stoppen und um das gute Image der Milchviehhaltung zu retten, hat das niedersächsische Landwirtschaftsministerium jetzt ein „Weidemilchprogramm“ gestartet“, wurde neulich gemeldet. – Aber muss man das Image retten oder die Kühe? Nicht jede schafft es und bringt sich, wie Fine, selbst in Sicherheit.

Vielleicht wird der Handel sogar ein neues Label dafür einrichten, dafür gibt es in Holland bereits ein Vorbild: „Weidemelk“. Dazu müssen die Kühe an mindestens 120 Tagen im Jahr mindestens sechs Stunden pro Tag auf der Weide sein.

An 120 Tagen? Das Jahr hat 356 Tage. Sechs Stunden – von 24? – „Als Hauptgrund, bei „Weidemelk“ mitzumachen, nennt das Unternehmen den erheblichen Imagegewinn.“ Damit die Verbraucher Kühe auf der Weide sehen und glauben, da herrsche Idylle.

Wie viele Label werden wir uns noch einfallen lassen, um nicht einsehen zu müssen: So kann es mit uns und den Tieren nicht weitergehen?

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Unter Tieren
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