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Unter Tieren Was die Superkühe dazu sagen

Von der Unparteilichkeit als journalistisches Credo - und von der Karamellbonbonwerbetexter-Manier, in der der WDR 30 Tage lang von Superkühen berichtet. Die Kolumne.

Kuhstall in Sachsen-Anhalt
Wenn Menschen für Kühe reden, wird es problematisch. Foto: Steffen Schellhorn (epd)

Unparteilichkeit ist ein journalistisches Credo. Außer in Kommentaren, Rezensionen und Kolumnen wie diesen hier – wo also das Genre klar „Meinung“ anzeigt – sollen Journalistinnen möglichst ausgewogen berichten. Bei Kontroversen sollen sie beide Seiten zu Wort kommen lassen und nicht etwa der eigenen Meinung unhinterfragt folgen. Was aber, wenn jemandem gar nicht bewusst ist, dass er eine bestimmte Meinung hat, die unbemerkt einfließen könnte? Wenn sich Journalisten für neutral halten – es aber nicht sind? Das führt direkt in eine journalistische Katastrophe.

Vielleicht sind das harte Worte, aber genau dies war mein Eindruck, als neulich im WDR 30 Tage lang das Projekt „Superkühe“ lief. Aufwändig wurden dafür Fernsehreportagen, Livestream und Chatbot verknüpft, damit sich der Zuschauer sein eigenes Urteil bilden könne. „Alles soll offen und so wie es auf den Betrieben ist gezeigt werden, es wird nichts geschönt“, schrieb der WDR. Und: „,Ist meine Milch okay?‘, fragt sich der Verbraucher. ,Frag doch mal die Kuh‘, sagt der WDR.“

Doch wenn einer selbst nicht sprechen kann, spricht jemand anders für ihn oder sie. Also erhielten drei ausgewählte Kühe von der Facebook-Gemeinde Namen, und mehrmals täglich wurden „Tagebucheinträge“ aus „ihrem“ Munde online gestellt. Die klangen so locker und launig, als hätte sie ein Karamellbonbonwerbetexter verfasst: „Das Gemeine ist ja: Die Brunst sieht von außen nicht bei allen Kühen gleich aus. Ziemlich eindeutig ist es an einer schwächeren Blutung zu erkennen ... Nur bei den Kühen, bei denen es wirklich passt, setzt der Besamer die Pipette an. Soll ja kein Tropfen Sperma verschwendet werden, kostet alles Geld.“ – Sehr wahrscheinlich, dass eine Kuh so empfindet, über die eigene Besamung.

„Ein sehr guter Mäster kann ein Kalb auf etwa 160 Kilogramm bringen, siebeneinhalb Monate hat er dafür. Er bekommt das Kalb im Alter von zwei Wochen und darf das Fleisch nur bis zu einem Alter von acht Monaten als Kalbfleisch verkaufen. Er bekommt dann zwischen drei und vier Euro pro Kilo.“ – Über das eigene Kalb. „Gestern habe ich 31.6 Kilogramm Milch gegeben. Unter uns drei Superkühen liege ich damit grad in Führung. Was ich heute wohl schaffe?“ – Über die eigene Milch.

Schlimmer noch als die Karamellbonbonwerbetexte waren allerdings die Passagen, die die Macht des interpretierenden Wortes von seiner gefährlichsten Seite zeigen: Eine grausame Praxis kann schöngeredet werden, einfach indem sich jemand danebenstellt und behauptet, alles sei okay. Bei „Connis“ Kalb wird die Enthornung gezeigt. Dafür wird das Kalb sediert (eine Betäubung wäre zu teuer, das darf nämlich nur der Tierarzt) und bekommt die Hornansätze weggebrannt. Trotz der Sedierung zappelt das Kalb und versucht sich zu wehren, während der Arbeiter es niederdrückt – und ein dabeistehender Tierarzt erklärt das Problem für nichtig: Nur „vereinzelt gebe es leichte Schmerzreaktionen“ bei den Kälbern. Als „Emmas“ Kalb die Ohrmarken verpasst werden – dazu wird ein Durchmesser von ca 3 mm ausgestanzt – sieht man, wie das Kalb zuckt und Blut fließt. In ihrem Tagebucheintrag „schreibt“ die Mutter, es werde „wohl nicht lange weh getan“ haben. – So einfach ist das, wenn Menschen für Tiere sprechen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Unter Tieren

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