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Unter Tieren Viel blutendes Fell

Unsere Autorin hat sich ein deutsches Jagdmagazin mal genauer angesehen. Und hat einige Anmerkungen dazu. Die Kolumne „Unter Tieren“.

Vielleicht gehören auch Sie zu den Leuten, die während eines erzwungenen Aufenthalts in einem von Deutschlands lieblichen Bahnhöfen Zuflucht in der Bahnhofsbuchhandlung suchen. Man wendet sich dann üblicherweise den Regalen mit Unterhaltungs- oder Spannungsliteratur zu, liest hier den Klappentext und blättert dort ein wenig, nur um sich zu erinnern, dass man eigentlich bereits genügend halb-gelesene Bücher dieses Genres besitzt, und das Exemplar wieder zurück ins Regal stellt.

Falls Sie also auch so jemand sind, habe ich hier eine Alternative: Suchen Sie nächstes Mal doch zwischen den Rubriken Motorsport und Stricken. Da findet sich ein eigenes Zeitschriftengenre, von dessen Existenz Sie bisher vielleicht gar nichts wussten: Jagdmagazine. Die gibt es allgemein oder auch speziell für die Jagd auf Sauen oder Rehe oder Fische (in letzterem Fall heißt es Angeln). Sie werden erstaunt sein, für wie viele unterschiedliche Magazine dieser Markt groß genug ist, aber für noch mehr Erkenntnisgewinn und hilfreiche Praxistipps überwinden Sie bitte endlich Ihre zimperliche Abneigung gegen Fotos von blutenden Tieren, denn Blut und Eingeweide gehören nun mal dazu.

Auf der Juni-Ausgabe der „Deutschen Jagdzeitung“ zum Beispiel hat sich ein ansonsten kerngesund wirkender junger Mann ein großes Wildschwein über die Schultern gelegt, dem Blut und Zunge aus dem Maul hängen. Während sich jeder andere vor so einem Fototermin ein bisschen sauber machen würde, hat sich dieser Herr anscheinend noch eine Extraportion Blut über den Handrücken geschmiert, und er grinst fröhlich. Das aus dem Maul blutende Schwein ist ein wiederkehrendes Bildmotiv: Weiter hinten im Heft erblicken wir einen etwas älteren Herrn mit ähnlichem Gesichtsausdruck (grinsend der Mensch, blutend das Schwein), doch der Ort der Handlung ist diesmal Australien. Auch da macht das Schießen gute Laune, oder, wie die Bildunterschrift sagt: „Auch das Weidwerk auf ,Aussie-Sauen‘ kann Freude bereiten.“

Überhaupt gibt es in diesem Magazin viel zu lernen. Brauchen Sie vielleicht Hilfe beim Abziehen eines bereits erkalteten Fuchses? Das geht leichter, wenn man den Kadaver vorher mit einer Druckluftpistole aufpumpt, der Balg lässt sich dann besser lösen. Stockenten lassen sich nach einer Kombibehandlung von Mikrowelle und Gefrierschrank leichter rupfen. Wenn Sie einen Schädel abkochen wollen, um ihn später schmückend an die Wand zu hängen, geben Sie etwas Geschirrspüler mit ins Wasser: „Das hilft enorm, Fettpartikel vom Knochen zu lösen.“ Es gibt nichts, was so ein Jagdmagazinsredakteur nicht weiß. Auch Sex-Tipps hat er: „Wer andern in die Muschi beißt, ist böse meist.“

Allerdings zeigt das Foto zum Artikel keine nackte Haut, sondern wiederum viel Fell, nämlich einen Jagdhund mit toter Katze im Maul. Und so habe ich mich, trotz mäßigen Interesses an Sex-Tipps, doch überwunden, den Artikel zu lesen. Er handelt grob gesagt davon, dass ein Jagdhund, der eine Katze tötet, rechtlich diskriminiert wird, während eine Katze ja ebenfalls Raubtier ist. Deren Mordlust sollen Fotos von Katzen mit toten Vögel und Hasen beweisen. Obwohl Katzen also im Grunde viel böser sind als Hunde, genießen sie laut diesem Artikel vor Gericht „Narrenfreiheit, egal was sie anstellen“.

Den winzigen Unterschied, dass Jagdhunde ja vom Menschen zur Jagd abgerichtet und extra dazu eingesetzt werden, bemerkt man hier anscheinend nicht. Dabei widmet sich im selben Heft ein längerer Artikel der Frage, wie man einen wasserscheuen Hund dazu abrichten kann, auf Befehl in ein Gewässer zu springen und zu schwimmen, damit er bei der Jagd zum Beispiel auf Enten mitarbeiten kann. 

Der arme Hund wird dazu mit dem Halsband (kein Geschirr!) an einer Leine hängend von zwei Menschen über ein Gewässer gezogen. Anscheinend ist es für manchen Besitzer schwer anzusehen, wie sich das Tier „in Panik abstrampelt“. Doch hier muss man hart bleiben! „Je nach Ausdauer des Hundes dauert es, bis die Anstrengung des panischen Plantschens ihren Tribut fordert und die Bewegungen langsamer werden.“ Man merkt, der Jäger liebt nicht nur die tote Sau, die Ente und den Bock zärtlich, sondern auch seinen Hund.

Ein paar Seiten weiter sehen wir ein Foto, wo ein Jagdhund ein Reh attackiert. So gehört sich das! Ein Jagdhund soll beißen, nur halt nicht in die Muschi. Ich hoffe, Sie schreiben sich das hinter die Ohren, pardon, die Lauscher.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Unter Tieren

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