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Unter Tieren Unveräußerliche Rechte

In der November-Ausgabe ihrer Kolumne „Unter Tieren“ ist Hilal Sezgin es Leid, in Sachen Tierrechte für dogmatisch gehalten zu werden.

Die (Groß)Demonstration als Protestform hat dieses Jahr ein Revival erlebt, auch unter Linken. Es gingen nicht mehr nur die Fremdenfeinde massenhaft auf die Straße, sondern auch solidarische Menschen gegen Rechts, die Verteidiger des Hambacher Forsts und diejenigen, die es befürworten, Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten. Auch Veganer und Veganerinnen, Tierrechtler und Tierrechtlerinnen demonstrierten mit; und zusätzlich marschierten sie in vielen deutschen (und europäischen) Städten für die Schließung von Schlachthöfen und für die Rechte der Tiere.

Was aber sind eigentlich Tierrechte: moralische Rechte? Oder gesetzlich garantierte? Zum Teil verdankt sich die Verwirrung schlicht der Tatsache, dass es zwei Ebenen gibt, die sich auch im allgemeinen Sprachgebrauch widerspiegeln. Wenn man sagt: Tiere haben Rechte, ist eher gemeint: in moralischer Hinsicht. Auf der Ebene der Argumente. „Tiere brauchen Rechte“ weist darauf hin, dass diese Rechte erst noch gesetzlich verankert werden müssen.

Moralisch gesehen, besitzen Tiere das Recht auf ihr eigenes Leben. Um ihrer selbst willen. Der Wert ihres Leben erklärt sich nicht durch seinen „Nutzen“ für andere, insbesondere für menschliche Zwecke. Alle fühlenden Lebewesen haben ein eigenes Lebensrecht und leben, kantianisch ausgedrückt, ihren eigenen Zwecken.

Daraus folgt unter anderem, dass ein solches Lebewesen nicht per Gesetz zum Eigentum eines anderen erklärt werden darf. Denn wie könnte sich ein Individuum, das seinen eigenen Willen und sein eigenes Wohlergehen hat, im Besitz von jemand anderem befinden und seiner Verfügungsgewalt unterstehen?

Natürlich folgt daraus auch, dass man das Leben eines fühlenden Wesens nicht ohne Not beeinträchtigen oder gar beenden darf. Die Tierrechtsbewegung kämpft dafür, dass solche moralischen Rechte der Tiere anerkannt und als verfassungsmäßige Rechte verankert werden.

Und schon ist ein heikler Punkt berührt, erklingt die erste misstrauische Frage: Ja, wollt Ihr etwa das Fleischessen verbieten? Als Tierrechtler oder Tierrechtlerin weiß man oft nicht recht, was man darauf antworten soll. Wenn man bejaht, steht man als Spaßbremse und potentiell diktatorisch da; aber wenn man „Nein“ sagt, ist dies auch nicht ganz richtig. Auf falsch zugespitzte Fragen lässt sich nun mal manchmal nicht direkt antworten. Die aufrichtige Antwort wäre: Tierrechtler und Tierrechtlerinnen arbeiten auf eine Gesellschaft hin, in der das Töten von Tieren verboten ist, weil ohnehin die Mehrheit der Menschen in dieser Gesellschaft das Töten von Tieren ablehnt. Diese Überzeugung würde also gesetzlich fixiert und als „Verbot“ nur diejenigen treffen, die aus irgendwelchen sadistischen, egoistischen oder anderen fragwürdigen Motiven heraus dennoch töten wollen. Schließlich würde man auch nicht jammern, dass es unsere Gesetze verbieten, andere Menschen zu töten. Gewiss, Mord ist ungesetzlich; aber es kommt zum Glück doch nicht täglich vor, dass man das als großen Verlust erlebt.

Ehrlich gesagt bin ich es Leid, für solche Überzeugungen als „dogmatisch“ gescholten zu werden. Die Überzeugung, dass Menschen unveräußerliche Rechte haben ist schließlich auch kategorisch – selten aber schimpft man dies als „dogmatisch“. Bei Tieren hingegen meinen viele, noch ein bisschen ‚rumverhandeln zu dürfen – ein bisschen Krebsmaus hier, ein wenig „glückliches“ Grillgut da. Manchmal kommen nach meinen Vorträgen Menschen auf mich zu, die „bio“-Tiere halten und verwerten; sie fragen, ob wir uns nicht irgendwo „in der Mitte treffen“ könnten? Ob ich denn nicht zugestehen könne, dass sie es doch immerhin „besser“ machten als der Rest?

Diese Leute mögen sich doch bitte einmal die kategorische Bedeutung von Menschenrechten vor Augen führen. Wenn jemand zum Beispiel an Amnesty international heranträte und sagte, die eine Art von Folter lasse er weg, er benutze nur die andere; oder er baue den zum Tode Verurteilten eine größere Zelle… Dann würde die ai-Vertreterin sicher nicht sagen, dass sie unter diesen Umständen Folter oder Todesstrafe gutheißt! Was wäre sie denn dann für eine Menschenrechtlerin??

Ebenso wenig können sich Tierrechtlerinnen und Tierrechtler damit zufrieden geben, dass Kälber einige Wochen auf die Weide dürfen, bevor sie getötet werden. Denn: Die Rechte eines fühlenden Individuums auf Leib und Leben sind unveräußerlich. Die persönliche Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die essentiellen Rechte eines anderen berührt werden, und das gilt für Menschen und (andere) Tiere.

Hilal Sezgin , Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“. Zuletzt ist ihr Buch „Nichtstun ist keine Lösung. Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs“ im DuMont Buchverlag erschienen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Unter Tieren

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