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Unter Tieren Und Toffee riss die Augen auf

In der Dezember-Ausgabe ihrer Kolumne „Unter Tieren“ hält Hilal Sezgin eine Grabrede auf ein Lamm.

Im arabisch-islamischen Kulturraum des Mittelalters gab es ein heute vergessenes Genre: die Grabrede auf ein Tier. Also keine Lobrede auf die Gazelle, den Hund oder den Papagei im Allgemeinen, sondern die Würdigung eines Tieres, das man als Individuum kennengelernt hatte. Ich selbst konnte solch eine Grabrede nie lesen, weil keine ins Deutsche oder Englische übertragen sind; aber mein Vater, der Arabist war und viel mit mittelalterlichen Quellen arbeitete, berichtete mir davon. Nun, wo ich meinen Vater nicht mehr fragen kann, weil auch an seinem Grab bereits eine Rede verlesen wurde, überlege ich bisweilen, wie diese Texte wohl angelegt waren. Vielleicht so:

Toffee hatte einen schlechten Start ins Leben. Als ich ihn das erste Mal traf, lag er wie ein nasses Handtuch im Pferch eines Schlachters (s. meine Kolumne vom 1. August). Viel zu früh war er von seiner Mutter entfernt worden, hatte mit drei Monaten noch die Maße eines viel Jüngeren; dazu Läuse, Darmparasiten und eine Luftröhrenentzündung. Doch Toffee war, wie man so gern sagt, ein Kämpfer. Der tapfere Kleine ließ unzählige Spritzen, Waschungen und Fleece-Pullover über sich ergehen, bis er endlich fit war, an Höhe und Breite zunahm und ihm ein neues, gesundes Fell wuchs.

Und was für ein Fell! Wenn eine Kuscheltierfirma das ideale Lamm designen wollte, könnte sie es nicht anders designen als Toffee. Mama und Papa stammten wohl aus der Ecke Schwarzkopf, und so war auch Toffee eine äußerst geglückte Mischung aus cremefarben und dunkel. Die Öhrchen standen dreieckig und schwarz vom Köpfchen ab; beide Knie hatten dunkle Tupfen. Wenn Toffee sich konzentrierte – und so ein kleines Schaf muss sich bei ganz vielen Gelegenheiten doll konzentrieren, man ist ja noch jung und möchte viel lernen – riss Toffee ein wenig die Augen auf, so dass das Weiße sichtbar wurde und seine Augen der Umgebung förmlich entgegenkullerten; dieser weiße Rand um die Augen gab ihm ein gleichzeitig kindliches und ernsthaftes Aussehen.

Aber noch wichtiger als das Äußere sind ja die inneren Werte, und von denen hatte Toffee so viele! Er war ein äußerst soziales Schaf – sogar gemessen an der Spezies allgemein, die ja ohnehin unter dem Stichwort „Herdentiere“ bekannt ist. So klein er auch war, so entschieden und talentiert stellte er, der früh Verwaiste, sich seine Familie zusammen. In dem wenige Monate alten Lukas fand er einen Bruder, und das schwarze Schaf Marta erkor er sich zur Mutter. Beim Schlafen kuschelte er sich eng an sie, was sie gerne duldete, und dem Lukas sprang er immer hinterher, egal was dieser auch anstellte.

Und der unternehmungslustige Lukas stellte viel an. Wo immer eine Tür offen stand, er sprang hindurch. Toffee beobachtete das zwei Sekunden lang, dann musste er dem größeren Bruder natürlich folgen. Wenn Lukas über die Wiese tollte, tollte Toffee hinterher. Wenn Lukas einen Futtersack erforschte, erforschte auch Toffee. Für den die Schafherde versorgenden Menschen bedeutete das, dass man praktisch überall zwei eifrige kleine Schafnasen dabei oder auch drin hatte, wo man sie nicht so gut gebrauchen konnte.

Toffees größte Probleme rührten daher, dass Lukas und Marta ihn zwar jeweils auf ihre Weise als Verwandten akzeptierten, aber einander nicht ebenfalls als solche erkannten und sich daher oft weiter voneinander entfernten, als dies in einer Schaffamilie statthaft ist. Wenn Lukas auf der Weide und Marta im Stall war, brachten sie Toffee damit in arge Nöte. Er stellte sich ungefähr mittig zwischen beiden auf und mähte so laut und herzzerreißend, bis sich einer von beiden – meist Lukas – erbarmte. Dann flitzten die beiden in den Stall zu Marta, und in Toffees Welt war alles wieder an seinem Platze. Auf diese Weise hielt Toffee, dieser Kleinste der Kleinen, oftmals die gesamte Herde zusammen.

Leider waren Toffee, den ich im Alter von drei Monaten kennenlernen durfte, insgesamt nur wenig mehr sechs Monate beschieden. Er verstarb eines Mittages ganz plötzlich, vermutlich an einem Organversagen, weil sein Körper die Defizite der ersten Monate doch nicht hatte aufholen können. Toffee, du hast eine Lücke in dieser Herde hinterlassen, die sich nicht schließen will, und die ich nicht einmal schließen möchte. Ich vertraue auf ein Wiedersehen. Mögest du bis dahin viele neue Brüderchen und Mütter finden und mit ihnen übers Grüne sausen, wo auch immer du jetzt bist.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“. Zuletzt erschien ihr Buch „Nichtstun ist keine Lösung. Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs“ im DuMont Buchverlag.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Unter Tieren

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