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Unter Tieren So geht man mit Gänsen um

In der Dezember-Ausgabe ihrer Kolumne „Unter Tieren“ erzählt Hilal Sezgin von der Vogelgrippe, aber auch von glücklichen, schnäubischen Gänsen.

05.12.2016 15:43
Hilal Sezgin
Unter Tieren

Und es wird wieder gekeult. Keime, die in der Massentierhaltung entstanden, finden ihren Weg zu wild lebenden Enten, Schwänen, Gänsen. Und zurück in andere Mastställe, dort wird „vorbeugend“ getötet – was für eine absurde Formulierung!

Die „Schuldigen“ sind vermutlich nicht infizierte Zugvögel (wie bei jedem Ausbruch erneut behauptet). Denn wie der Zoologe Josef H. Reichholf überzeugend argumentiert, ist es höchst unwahrscheinlich, dass infizierte Zugvögel noch tausende Kilometer fliegen können, bevor sie infektiösen Kot niederfallen lassen. Außerdem: Wieso sterben dann nicht mehr freilaufende Hühner in Hobbyhaltung, während die Verdachtsfälle aus (ohnehin überdachten) Mastställen stammen? Wahrscheinlicher ist die Übertragung über Futter, Gülledüngung und Menschen.

Doch es ist Advent, und ich möchte etwas Schönes erzählen. Von meinen beiden Gänsen zum Beispiel, Keks und Gwenny. Wussten Sie, dass Gänse bis zu 50 Jahre alt werden können? Keks und Gwenny sind allerdings erst elf und acht. Zwar ist Keks der Ganter und somit traditionsgemäß etwas aggressiv, aber letzteres ist nicht zu ihm vorgedrungen. Zumeist ist er gutmütig, er faucht höchstens. Nur im Notfall beißt er. Einmal musste ich ihm in der Nähe des Nests ein Medikament verabreichen, da nahm er meinen Daumen so in den Schraubstock, dass er aussah wie eine Geleehimbeere, die man in Wasser gelegt hat.

Apropos Wasser: Hygiene ist ihre große Leidenschaft, bei jedem Wetter. Selbst beim ärgsten Tauwetter ziehen sie als blendend weiße Tupfer durch die matschige Landschaft. Bei der Gefiederpflege nehmen sie jede einzelne Feder in den Schnabel und durchkämmen sie auf schmutzige Partikel; täglich mehrmals baden sie in großen Schalen.

Notausgang zu eurer Linken!

Nur dem Teich des Nachbarn stehen sie skeptisch gegenüber. Dabei ist es ein großer und schöner Teich – finde ich. Keks und Gwenny finden ihn besorgniserregend, verwerflich, abscheulich. Nichts zieht sie dorthin. Außerdem liegt der Wasserspiegel ein wenig tiefer als der Uferrand, der behäbige, schwere Keks kann ihn nicht erklimmen, wenn er doch mal im Teich gelandet ist.

Also haben T. und ich ihnen einen Steg gebaut. Mit watschelkompatiblen Sprossen, sanft geneigt und stabil. Wir führten Keks und Gwenny dorthin und drängten sie, es noch einmal zu versuchen. Wie zur Demonstration ihrer Wasservogel-Künste paddelten sie einmal hin und her. Dabei funkelten ihre Gänseaugen vor Empörung. „Erwähnten wir’s schon? Dieses Gewässer ist besorgniserregend, verwerflich, abscheulich. Ihr wolltet unbedingt, dass wir in diesen stinkenden Tümpel steigen – und jetzt?“

T. und ich standen am Ufer und gaben Landesignale. Hier ist der Steg! Notausgang zu eurer Linken!

Doch der Notausgang wurde nicht akzeptiert. Als es dämmerte, markierten wir den Weg zum Steg mit Bröckchen von Toastbrot. Das Toastbrot wurde verzehrt und der Steg verschmäht. Die Gänse zog es in den heimischen Stall, vor Aufregung fingen sie an, leicht zu zischen. Gegen 18 Uhr war es stockdunkel, und wir leuchteten den Steg mit Taschenlampen an. Die Gänse verweilten weiterhin zischend im Uferbereich.

Es war November, Lufttemperatur 8 Grad, Wassertemperatur will ich gar nicht wissen. T. zog Schuhe, Jeans und Sweater aus. „Das kannst du nicht machen“, sagte ich. Im Schein der Taschenlampe warf sie mir einen Und-ob-ich-das-kann-Blick zu. „Dann nimm wenigstens ein Paar Gummistiefel.“ Das tat sie. Und kletterte in den morastigen, seit Jahrzehnten von keinem Menschen freiwillig mehr betretenen Teich. Etwas gluckerte, vermutlich waren das die Gummistiefel, als sie sich mit Wasser füllten. Das Wasser reichte T. bis zur Hüfte. Langsam kreiste sie die Gänse ein und schnappte sich Keks.

Wenig später schoben sich ein paar blubbernde Gummistiefel, ein Mensch, der vorher rosa gewesen und jetzt schlammfarben war, sowie ein erstaunlicherweise immer noch schneeweißer Riesenvogel die Böschung herauf. Wir setzten den Riesenvogel in einen großen Käfig, richteten die Taschenlampen auf ihn und versteckten uns. Einige Minuten später flatterte Gwenny, die leichter gebaut ist, aus dem Teich herauf und setzte sich daneben. Dann begleiteten wir sie zurück zu ihrem Stall, noch während des Watschelns hörten wir sie empört schnattern.

T. öffnete den beiden den Stall und reichte ihnen eine Schale mit gequetschtem Hafer. So geht man mit Gänsen um. So und nicht anders.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Unter Tieren
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