Lade Inhalte...

„Unter Tieren“ Sechs Monate im Salami-Brötchen

„Unter Tieren“ im Januar: Von Schweinezüchtern, die Angst haben, dass die Schweinepest schneller ist als der Schlachter. Die Kolumne „Unter Tieren“.

Noch während bei uns in Niedersachsen die Güllelager überzulaufen und das Grundwasser zu belasten drohen, diskutiert man bereits das nächste Katastrophenszenario: Die Afrikanische Schweinepest (ASP) naht. Diese für befallene Schweine meist tödliche Krankheit existiert bereits in Tschechien und Polen. Nun sind zwar die niedersächsischen Schweine ohnehin dem Tode geweiht, sie werden gemästet und geschlachtet. Dennoch bereitet die ASP vielen Leuten Sorge, und diese Sorge ist, genau genommen, dass die ASP schneller sein könnte als sie. Man hat nicht eigentlich Angst um die Schweine, sondern dass die ASP den Landwirten die Schweine raubt, bevor sie sie zum Schlachter bringen können.

Die Krankheit selbst brauchen die Menschen nicht zu fürchten, denn sie ist keine Zoonose. Nicht einmal, wenn man ein infiziertes Schwein essen würde, könnte man erkranken; und tatsächlich haben wohl schon viele Menschen infiziertes Schwein gegessen, denn das ist anscheinend der Weg, auf dem sich die ASP ausbreitet. Nicht vornehmlich über Wildschweine, wie man zunächst vermuten würde, sondern vor allem dank menschlicher Fahrzeuge, Geräte, Kleidung – und belegter Brote.

Man vermag es sich kaum vorzustellen, aber nahezu einhellig sind Forscherinnen und Forscher derzeit der Meinung, dass die ASP nicht auf dem Wildschweinweg westwärts wandert, sondern über Autobahnraststätten, auf denen Reisende Reste von Schinken- und Salamibroten unsachgemäß entsorgen. Sie werfen sie weg, und dann kommen Wildschweine und laben sich an dem Verschmähten. In einem Salami- oder Schinkenstück kann der ASP-Virus bis zu sechs Monate überleben, und so überspringt er viele Kilometer, die er per Wildschwein alleine nie geschafft hätte, weil das Wildschwein recht standorttreu ist und sich das Virus vor allem über Blut und Kadaver überträgt. Tröpfcheninfektionen spielen kaum eine Rolle.

Wie erwähnt, ist die ASP 2007 im Kaukasus aufgetaucht. Man könnte meinen, dass die dazwischen liegenden zehn Jahre ausgereicht hätten, um mehr Mülleimer aufzustellen und den Autofahrern beizubringen, sie zu benutzen. Aber nein, was macht der Mensch? In Vorbeugung ist er nicht so gut, er wartet lieber, bis sich das Problem ausgeweitet hat und ergreift dann panikartige Maßnahmen, die den Ärger auf andere abwälzen. Es steht viel auf dem Spiel, wirtschaftliche Schäden werden befürchtet. Seit die ASP in der EU auftauchte, stoppte Russland seine Schweinefleisch-Importe. Deutschlands größter Kunde ist derzeit China; es ist nicht anzunehmen, dass sich die Chinesen, die ebenfalls viele Schweine mästen, ASP ins Land holen wollen. Schon ein einziges Auftreten von ASP in Deutschland könnte die Chinesen verschrecken – ein wichtiger Grund für die ansonsten schwer verständliche Panik.

Auftritt Agrar-Politiker. Der Agrarminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus (SPD), will die Jäger animieren, mehr Wildschweine zu erschießen, und stellt für Sofort-Maßnahmen zwei Millionen Euro in Aussicht. Seine niedersächsische Kollegin Barbara Otte-Kinast (CDU) plant eine „intensive Schwarzwildbejagung“, erwägt den Einsatz von Wildschweinfallen und meint, das könnte das Land 3,5 Millionen Euro kosten. Wie die Wildschweine, die sich künftig infizieren könnten, deutsche Mastschweine anstecken würden, erklärt einem keiner. Bekannterweise werden ja deutsche Mastschweine in einer Art Betonknast gehalten, und wenn die Gefängniswärter nicht selbst auf Wildschweinjagd gehen, Wildschweinblut an der Kleidung tragen oder Stullen mit Wildschweinwurst in den Stall werfen, dürfte das Risiko eigentlich äußerst gering sein.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Unter Tieren

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum