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Unter Tieren Schnee überrascht uns Lebewesen

In der Februar-Ausgabe ihrer Kolumne „Unter Tieren“ staunt Hilal Sezgin über Hunde, Kühe und Pandabären, die im Schnee tollen.

Unter Tieren

Seit einigen Wochen schon liegt bei uns Schnee. Nachts sind es einige Grade unter Null, und man merkt, dass die Tiere ihr Verhalten ändern. Wie verrückt fliegen Amseln, Meisen und Kleiber meine Vogelhäuschen an. Auch ein Buntspecht kommt regelmäßig zu Besuch; er speist am liebsten in der Senkrechten, was sich mit der Konstruktion der Vogelhäuschen nicht recht verträgt. Neulich saß ich im Obergeschoss in meinem Erkerfenster und schrieb, da flog er die Fenstersprossen an; mal links, mal rechts, mehrfach hin und her. Es war etwas irritierend, wie er mich dabei ins Visier nahm; man sieht Spechte ja selten von Angesicht zu Angesicht. Und warum musste er sich unbedingt an meine Fenstersprossen klammern?

Als ich wenig später an den Vogelhäuschen vorbeikam, sah ich: Sie waren allesamt ratze-putze leer. Hatte er mir das sagen wollen?

Auch Rehen und Wildschweinen begegnet man jetzt viel häufiger, sie brauchen für die Nahrungssuche wohl länger als sonst. Die Schweine wühlen Wald und Wege auf; vor allem morgens sind sie noch unterwegs. Neulich schauten T. und ich aus dem Erker dem Sonnenaufgang zu; von der Schafsweide her zog eine große Wildschweinfamilie zurück in Richtung Wald. Sechs Erwachsene, darunter eine Mutter, gefolgt von zehn minikleinen Frischlingen. Wie eine dunkle Perlenkette zogen sie hinter der großen Sau durch den frisch gefallenen Schnee.

Sie mussten gegen Neujahr geboren worden sein – viel zu früh eigentlich. Die Mutter würde es schwer haben, sie warmzuhalten. Die Kälte ist der Hauptfeind der kleinen Schweine. In unser Entzücken mischte sich Traurigkeit.

Ich wusste genau, was T. dachte. „Wir können aber leider nicht alle füttern.“, sagte ich.

Schweigen.

T.: „Ich höre nur ,füttern‘.“

Nachher gingen wir ihre Spuren suchen und fanden tatsächlich die großen Stapfen der Mama und etliche Spuren ihrer Frischlinge. Es sah aus, als wären sie Schlitten gefahren – sie waren so klein, ihre Füßchen zogen zwei durchgehende Linien durch den Schnee. Sicher sind ihre Bäuche dabei kalt geworden... Zuerst hatten wir uns gefreut, diese Schlittenspuren zu finden; aber dann stellten wir etwas betreten fest, wie weit sich die Schweinchen hatten durchkämpfen müssen. Obwohl ich behauptet hatte, dass das nicht ginge, legten wir am Abend unter einem nahen Baum trockene Brotstücke sowie Möhren und Sonnenblumenkerne aus.

Meine Kaninchen, in ihrem großen Stall vorm Wetter geschützt und jeden Tag zwei Mal mit frischem Gemüse gefüttert, haben an dem Schnee im Außengehege hingegen ihre reine Freude. Lasse, ein so genannter Deutscher Riese mit den charakteristischen schwarzen Flecken, schmeißt den Körper hin und her und flitzt und bremst, dass die Flocken nur so stieben. Woher kommt es nur, dass so viele Tiere den Schnee zum Spielen lieben? Hunde toben in ihm, von Kühen kenne ich es auch, und sogar von Pandabären in Zoos gibt es etliche Videos: Der eine kullert auf und mit einem Schneemann herum, ein anderer macht einen „Engel“ im Schnee mit seinen Armen.

Ganz wie wir Menschen. Ich glaube, das dies auch tatsächlich dasselbe Körpergefühl ist: Die Lust daran, viel Masse vor sich zu haben (scheinbar), die dennoch nichts wiegt und die man in die Luft schmeißen kann. Die Verblüffung, dass da etwas kalt und irgendwie nass ist, ohne dass es einen zu sehr friert oder wirklich nass macht. Schnee überrascht uns, er beschert uns ungewohnte körperliche Empfindungen, verhält sich anders, als wir es von Erde oder Wasser gewöhnt sind. Eigentlich ist die Freude am Schnee dem Humor eng verwandt, denn auch ein Witz bezieht seine Pointe oft dadurch, dass etwas in einem leicht ver-rückten Kontext auftaucht. Schnee ist irgendwie ver-rückt und lustig, ich denke, das empfinden diese spielenden Tiere genau wie wir.

Neben unseren Wildschweinimbiss hatten wir übrigens eine Wildkamera gehängt. Sämtliches Brot fehlte am nächsten Morgen, wir waren aufgeregt: die kleinen Schweine? Doch die Bilder zeigten, dass bloß ein Steinmarder vorbeigekommen war – und zwar nicht ein Mal, nicht zwei Mal, sondern etwa drei Dutzend Mal. Er kam für jedes Brotstück einzeln. Mehrere Stunden war er damit beschäftigt. Ich kann bloß hoffen, dass Steinmarder Brot gut vertragen, und habe jetzt etwa zweihundert Schwarzweißfotos von einem Steinmarder in sämtlichen Posen. Falls jemand will?

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