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Unter Tieren Paradies mit ein paar Schrammen

In der Oktober-Ausgabe ihrer Kolumne „Unter Tieren“ geht Hilal Sezgin auf die Felder vom Biobauern und lernt knubbelige Rote Bete und windschiefe Salatköpfe schätzen.

03.10.2016 17:21
Von Hilal Sezgin
Unter Tieren

Erntezeit. In all den Jahren, die ich bereits auf dem Land lebe, ist es mir nie gelungen, mehr als ein paar Küchenkräuter anzupflanzen. Immer war etwas bei den Tieren zu tun: Schafe scheren, Klauen schneiden, Tränken schrubben. Doch in diesem Sommer bot mir ein befreundeter Biobauer an nachzuernten, was und wie viel ich wollte: zu große Möhren, zu kleinen Brokkoli und etliches mehr.

Im Grunde verdanke ich das den drei Kaninchen, die ich letzten Winter aufgenommen habe, um sie vorm Schlachten zu bewahren, und dem vierten, das aus schlechter Haltung beschlagnahmt wurde, und dem fünften, das irgendwer im Wald aussetzte. Ich liebe alle fünf, aber sie kosten mich fast ein Vermögen. Kaninchen sind wahnsinnig empfindlich, erkranken an bakteriellem Schnupfen und Lungenentzündungen, haben heikle Mägen, neigen zu Koliken, prügeln und beißen sich, reißen einander Fellbüschel aus und Augenlider ein; so normale Dinge wie Gebärmutterentzündung und Zahnprobleme kriegen sie natürlich auch.

Man kann Glück haben und ein paar robuste Kerlchen erwischen, aber die meisten sind eher nicht robust, dann versteht man, warum die Natur diese Spezies mit solch legendärer Fortpflanzungsrate gesegnet hat: Irgendwer muss übrig bleiben! Bis dahin verursachen Kaninchen, als Heimtier gehalten, horrende Tierarztkosten und verschlingen Unmengen an Frischfutter.

Hier kommt der Biobauer Benni ins Spiel. Ich hatte ihn gefragt, ob ich das Möhrenkraut zum Verfüttern abholen dürfe, und er schenkte mir alles Weitere dazu. Auf seinen Feldern finde ich aussortierte Möhren mit zwei oder mehr Rüben, die einander quasi umschlungen halten. Die übrig gelassenen Salate wirken etwas windschief, niemand würde sie kaufen. Die Rosenkohlröschen nah am Erdboden haben sich schon zu weit geöffnet, will keiner. Was an jener Riesenzwiebel oder der knubbeligen Rote Bete falsch sein soll, verstehe ich nicht, ich nehme alles mit. Da drüben stehen Radicchio und Spitzkohl in Reihen. Ich übertreibe nicht, wenn ich schreibe, dass mir alles wunderschön vorkommt, jeder einzelne Salat, jeder Kohl wie eine individuelle Blüte.

Hier auf dem Acker zumindest – im Laden, ich ahne es, würde auch ich sie naserümpfend liegen lassen. In Ermangelung sinnvoller Kriterien, ja vermutlich auch in Ermangelung eines Gespürs dafür, dass es lebendige, gewachsene Organismen sind, beurteilen wir die Feldfrüchte im Supermarkt nach Symmetrie und Perfektion. Hier draußen lebt alles, es sind paradiesische Zustände, ich mittendrin.

Zugegeben, wenn man genauer hinguckt, hat auch dieses Paradies ein paar Schrammen. Ein Frosch springt davon, immer mal wieder kommt einer unter den Traktor. Raupen verbergen sich in manchem Chinakohl, werden zerschnitten, weggeschmissen. Unter den Netzen, die den Brokkoli abdecken, hat sich eine Schafstelze verfangen; gestern konnten wir eine hinausscheuchen, doch viel öfter gelingt das nicht. Überall, wo sich der Mensch bewegt, wo er Erde gestaltet, ist Zerstörung im Spiel. Andere Tiere müssen sterben oder zumindest weichen.

Auch die Erntehelfer und -helferinnen, allesamt im Studentenalter, sehen das mit den paradiesischen Zuständen womöglich etwas anders. Was ich hier schlendernd genieße, ist schließlich das Ergebnis ihrer harten Arbeit. Und dennoch...

Vorher beim Hühnerfänger

Einmal war ich, bevor ich auf Bennis Felder ging, bei einem anderen Bekannten gewesen; er mästet Hühner. Just an diesem Tag kamen die Hühnerfänger. Es war Morgen, alle Luken geschlossen, weil sich die Hühner im Dunkeln leichter ergreifen lassen. In den Hallen herrschte wildes Gegacker und Gezeter, ein intensiver Gestank von Kot und Ammoniak, überall wirbelten Federn, in den niedrigen Transportkisten saßen die dicht gedrängten Vögel.

Und direkt von dort ging ich zum Acker. Bennis Leute hatten schon viel geerntet und wuschen es mit starkem Strahl ab, die Salate glänzten, die Kürbisse leuchteten satt-orange. Auf den Kohlrabiblättern saßen Wassertropfen und sogar -kugeln. Sonnenstrahlen brachen sich in ihnen, alles war Wasser, Erde, Nahrung, Licht. Ein Fröschlein fiel ins Wasserbecken, wir halfen ihm raus. Mein Gott, wie schön Deine Welt, in der wir so viele Pflanzen und Früchte essen dürfen! Wer wollte da mutwillig mehr Leben vernichten?

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Unter Tieren
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