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UNTER TIEREN Makaken im Ferienflieger

In der September-Ausgabe von Hilal Sezgins Kolumne "Unter Tieren": Wieso halten wir in so vielen Fällen an Tierversuchen fest, wenn sie doch gar nichts bringen?

01.09.2014 16:51
Unter Tieren

Seit Jahren gehen Freunde von mir an manchen Wochenenden zum Hamburger Flughafen, um gegen Tierversuche zu protestieren. Ehrlich gesagt, habe ich nie ganz verstanden, warum gerade dort. Andere Freunde gießen sich derzeit Kübel voll Eiswasser übern Kopf. Wieder habe ich zunächst nicht verstanden, warum. Aber dann hat ausgerechnet Pamela Anderson – ja, die aus Baywatch! – etwas getan, das mir geholfen hat zu verstehen, wie beides zusammenhängt. Und zwar wie folgt:

ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) ist eine noch wenig bekannte Krankheit, bei der die Nerven absterben und die Erkrankten somit die Kontrolle über die Muskeln verlieren. Die Patienten werden im Verlauf also immer weniger mobil und können schlimmstenfalls nicht mehr selbstständig atmen. Um auf diese Krankheit aufmerksam zu machen und Gelder für ihre Erforschung zu sammeln, hat man den „Ice Bucket Challenge“ ergedacht: Menschen machen eine Mutprobe mit Eiswasser und spenden Geld für einen Verein zur Hilfe gegen ALS. Allen voran Prominente in aller Welt, die einander zu dieser „Challenge“ nominieren; nur Pamela Anderson hat jetzt nicht mitgemacht. Und zwar, weil für die Erforschung von ALS Tierversuche gemacht werden und sie diese aus Tierschutzgründen ablehnt.

Versuche an Mäusen brachten nichts

Ist so etwas gefühllos gegenüber den Erkrankten, die doch so sehr auf eine Therapiemöglichkeit hoffen? Keineswegs. Denn gegen Tierversuche zu sein, heißt nicht, dass einem die Kranken egal sind. Man glaubt nur nicht, dass es der richtige Weg ist, kranken Menschen zu helfen, indem man zunächst einmal Tiere krank macht. Man darf es nicht, aus ethischen Gründen, und es ist sinnlos – aus medizinischen.

ALS zum Beispiel wurde bisher vor allem an Mäusen getestet: an Mäusen, die man gentechnisch variierte, oder an Mäusen, die man mit bestimmten Viren injizierte, damit sie die entsprechenden Symptome zeigten. Seit Jahrzehnten unterwarf man ungezählte Millionen von Mäusen diesen sehr qualvollen Versuchen, und gebracht hat es – gar nichts. Es gelang nicht, auch nur eine einzige Maus an ALS erkranken zu lassen; und was bei derart malträtierten Mäusen „hilft“, hilft den ALS-Patienten nicht.

Jetzt arbeiten Forscher an neuen „Modellen“, wie es in der Tierversuchssprache heißt. Und zwar haben sie etwas hervorrufen können, was ALS zumindest ähnlicher sein könnte: an Langschwanzmakaken (Javaneraffen). Sie zählen zu den in Labors am häufigsten verwendeten Affen, man verwendet sie für die Arbeit zu Infektionen und für neurologische Forschung. Oft rühmen sich Forscher, dass es ja keine Menschenaffen sind – na und? Schmerzempfindliche, bewegungsfreudige, neugierige und soziale Lebewesen sind sie ja trotzdem. Natürliche Populationen leben vor allem in China, Mauritius und Indonesien.

Sie werden in Kisten transportiert

Und hier kommen meine Freunde vom Hamburger Flughafen ins Spiel. Aus Kostengründen und weil der Genpool nicht zu stark schrumpfen darf, werden solche Laboraffen meist in den Ländern ihrer biologischen Herkunft gezüchtet. Als Ausgangsmaterial nehmen die dortigen Firmen immer wieder Affenkinder von ihren wild lebenden Müttern. Filmmaterial zeigt, dass auch danach nicht eben zimperlich mit den Tieren umgegangen wird; „überschüssige“ Männchen werden „entsorgt“. Tiere werden herumgeschubst und geschleudert. Der Transport nach Europa und Amerika erfolgt in niedrigen Kisten, die Passagierflugzeugen als Fracht mitgegeben werden. Es kann also sein, dass Sie in den Urlaub fliegen, und unten im Frachtraum sitzen kleine Affen ohne Wasser, Futter und Licht in einer Kiste; viele überleben bereits den Transportweg nicht.

Doch zum Glück ist das schon seltener geworden, weil Tierschützer weltweit seit Jahren gegen den internationalen Lufttransport von Affen (und anderen Versuchstieren) protestieren. Derzeit gibt es nur noch eine einzige Passagierfluglinie, die Affen mitnimmt – die Air France-KLM. Auf sie richten sich derzeit die Aktivitäten von Tierschützern, die unter anderem in Hamburg und demnächst auch in Frankfurt bei einer Großdemonstration protestieren. Dort wird wohl auch ALS ein Thema sein: Für deren Erforschung fordern Ärzte gegen Tierversuche e.V. Versuche mit menschlichen Zellen, Computersimulationen und Biochips.

Ist das etwa blauäugig? Nein, es ist zukunftsweisend. Eine tierversuchsfreie Medizin ist möglich und nötig.

Hilal Sezgin, Jg. 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Beginn eines Monats schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“. Zuletzt erschien bei C.H. Beck „Tierleben. Von Schweinen und anderen Zeitgenossen“.

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