Lade Inhalte...

"Unter Tieren" Kann man Tiere respektvoll essen?

In der Märzausgabe ihrer Kolumne "Unter Tieren" ist die Veganerin Hilal Sezgin von Fleischessern ziemlich genervt.

Was folgt daraus, wenn man Tiere achtet oder liebt? Hilal Sezgin wundert sich gelegentlich über die Antworten. Foto: dpa

Ich habe zwei riesige neue Aufkleber auf meinem Auto.

Vielleicht sollte ich zuerst erklären, dass ich überhaupt ein neues Auto habe, nämlich einen weißen Kastenwagen, der als Schafskrankentransporter dient. Auch meine 35 Schafe und zwei Ziegen werden nämlich allmählich älter. Dabei sprachen Tierärzte schon vor Jahren neckend von meiner „geriatrischen“ Abteilung, weil Schafe anderswo ja leider früh aufgegessen werden und ein Alter über sechs Jahren eher ungewöhnlich ist.

Jetzt, wo etliche meiner kleinen Leute immerhin schon zwölf sind, entwickeln sie diverse Beschwerden, die nicht immer vor Ort behandelt werden können. Dann muss ich sie nach Hannover in die Tierärztliche Hochschule fahren, wo es eine „Klinik für kleine Klauentiere“ gibt. (Tolle Alliteration, oder? Heißt wirklich so!)

Drei Schafen musste ich dort zum Beispiel die Kaufläche der Backenzähne abschleifen lassen. Denn mit den Jahren können überstehende Zahnspitzen entstehen, die das Wiederkäuen behindern. Zur Behandlung müssen die Patienten sediert werden, also ab in die KlfklKl mit dem Transporter, dessen Innenraum an allen Wänden entsprechend gepolstert und schafsgerecht verkleiner- oder vergrößerbar ist.

Die Krankentransporterin in mir entschied sich beim Kauf für einen Wagen mit Klimaanlage und weißem Kasten, weil das bei sommerlichen Staus auf der Autobahn am besten ist. Der Autobesitzerin in mir war, nach dem Kauf, das viele Weiß optisch unerträglich. Ich entwickelte mehrere Ideen, wie man dem farblich beikommen könnte – mit aufgemalten Tatzen, Vogelspuren und Schweineklauenabdrücken oder mit gesprayten politischen Parolen pro freie Migration.

Leider fand keine dieser Ideen die Billigung meiner Umgebung (möglicherweise, weil diese meine bisherigen Mal- und Sprühversuche an anderen Objekten bereits kennt). Also entwarf ich mit einem Grafikprogramm Aufkleber. Ihr Durchmesser beträgt jeweils 50 cm, sie sind lila, und in weißer Schrift steht auf dem einen: „Wer Tiere achtet, isst keine“ und auf dem anderen „Wer Tiere liebt, lebt vegan“.

Eigentlich wollte ich auf beide schreiben: „Wer Tiere liebt, isst keine“, aber ich weiß ja, wie das dann läuft: „Nö, ich liebe Tiere gar nicht, ich lieb die nur auf meinem Teller!“, würden viele Leute sagen. Aber dass die meisten Menschen Tiere wenigstens achten, ist ja wohl nicht zu viel vorausgesetzt. Das Stichwort „vegan“ könnte auch nicht schaden, dachte ich, und zusätzlich kam in die Mitte des einen Aufklebers eine rosafarbene Katzenpfote und in die andere ein roter Stern.

Ich werde nie wieder Aufkleber entwerfen, man handelt sich nur Probleme damit ein. Erste Person: „Was bedeutet denn der rote Stern – ist das Sozialismus?“ – „Na ja, irgendwie schon, aber nicht im Sinne von DDR und so. Ich meine halt, dass es keine Ungerechtigkeit geben soll.“

Zweite Begegnung: „Was steht denn da auf deinem Auto?“ Buchstabier, buchstabier... „Hey, aber ich achte Tiere schon! Essen tu ich sie trotzdem gern.“

„Dann achtest du sie wohl nicht doll genug. Wenn man jemanden achtet, tötet man ihn ja nicht, oder? Man sperrt ihn nicht ein, man nimmt ihm nicht die Kinder weg, man bringt ihn nicht um.“

„Hhm.“ Nachdenken, gefolgt von Grinsen. „Aber sie sind halt sehr lecker.“

Eine ähnliche Diskussion hatte ich kürzlich nach einem Vortrag, als mich eine Zuhörerin fragte, ob es nicht okay sei, wenn man Tiere zwar halte und esse, aber eben RESPEKTVOLL. Ich wies sie darauf hin, dass Respekt im Allgemeinen zur Konsequenz hat, dass man jemanden nicht gewaltsam tötet.

Ich weiß, Fleischesser finden uns Veganer oft nervig, aber an dem Punkt finde ich Fleischesser ebenfalls ziemlich nervig. Denn, liebe Leute, mal ehrlich: Wenn Achtung und Respekt bedeuten, dass man jemandem die Faust ins Gesicht schlagen respektive das Fleischermesser in die Schlagader rammen darf, können wir diese Wörter gleich wegschmeißen. Die kommen dann in die Kiste mit dem „post-faktisch“.

Jetzt bin ich mal gespannt, was ich erlebe, wenn ich nächstes Mal bei der hiesigen Kleintierklinik Tabletten abhole. Was ich im Wartezimmer so mitkriege, mampfen die Herrchen und Frauchen Fleisch, als hätten sie nicht den geringsten Schimmer, dass auch Tiere liebenswerte Individuen sind. „Wer Tiere achtet/liebt...“ Hätte echt nicht gedacht, dass das so schwierig ist.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Unter Tieren

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum