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Unter Tieren Grauer Star

In der Mai-Ausgabe ihrer Kolumne „Unter Tieren“ berichtet Hilal Sezgin von ihrem Versuch, für Christopher eine Augen-OP zu bekommen.

Christopher war schon immer ein zierliches, um nicht zu sagen: besorgniserregend kleines und dünnes Schaf. Ein Kamerunschaf, vorne nussbraun, hinten weiß. Seit einem halben Jahr nun leidet der inzwischen elfjährige Christopher an Grauem Star und ist zwar nicht völlig, aber weitgehend erblindet.

Wie merkt man das?, fragen Sie sich eventuell. Nun, zum einen fiel mir auf, dass seine Linse sonderbar trüb wirkte. Zum zweiten lief Christopher immer mal wieder gegen einen Zaun, gegen ein Schaf, konnte den boxenden Ziegen nicht gut ausweichen und so fort. Er war immer der letzte, der sich hinlegte, wenn die Herde ruhte, und der erste, der aufsprang – stets auf der Hut. Zwar kann er sich per Gehör an anderen orientieren; aber sein Fell hat mehrere wunde Stellen, wo ihn die Hörner der anderen getroffen haben, und spätestens als er mit vollem Karacho in ein Gitter rannte, war klar, es muss etwas geschehen.

Bei Hunden, Katzen und Pferden kann Grauer Star bereits operiert und eine Kunstlinse eingesetzt werden; bei einem Schaf wurde dies europaweit und möglicherweise weltweit noch nie gemacht. Ich sprach mit fünf Tierärzten von insgesamt vier Tierkliniken. Zuerst wurden Christophers Augen ausgemessen. Eine auf Tierlinsen spezialisierte Firma sagte zu, diese innerhalb von zwei Monaten herzustellen – erstmals produzierten sie Linsen für ein Schaf. In der Schafklinik der Tiho Hannover würden Vor- und Nachbehandlung stattfinden, und in der Kleintierklinik der Tiho würde er operiert.

Die vielen Konjunktive deuten es bereits an: Die Sache wurde kompliziert. Christophers Augen mussten abermals vermessen werden. In der Linsenfirma wurde eine entscheidende Person krank. Als Christopher zur Vorbehandlung in Hannover eintraf, stellte sich heraus, dass die notwendigen Augentropfen zwar für die Behandlung von Hunden, Katzen und Pferden zugelassen waren, nicht aber für ein Schaf. Es folgten Telefonate mit den Veterinärämtern in Hannover und in Lüneburg.

Das Problem war, dass jedes Schaf offiziell als Tier gilt, das „der Lebensmittelgewinnung dient“. Das passte mit den Augentropfen nicht zusammen. „Es glaubt aber doch niemand, dass ich ein Schaf, das ich wegen Grauem Star operieren lasse, nachher aufessen will?“ fragte ich den Veterinär. Das nicht, aber die Bestimmungen seien nun einmal so. Wir mussten allerlei Dokumente unterschreiben, erhielten eine Ausnahmegenehmigung, und Christopher eine spezielle leuchtende pinke Ohrmarke sowie seine Augentropfen. Per Kurier wollte die Linsenfirma die Linsen exakt zum OP-Termin in die Klinik schicken…. Da verschob der operierende Arzt einfach mal so den seit Monaten vereinbarten Termin!

Was ich in dem Moment über diesen Arzt dachte, möchte ich lieber nicht zu Papier bringen. Jedenfalls kam der arme Christopher wieder genauso (halb)blind aus der Klinik zurück. OP-Termin in zwei Monaten und alles von vorne. Augenuntersuchung. Transport nach Hannover. „Weltpremiere!“, sagte der Schafsarzt dort. Voruntersuchung. Doch dieses Mal… hatte Christopher eine beginnende Lungenentzündung! Die musste zunächst behandelt werden; der zierliche Christopher war und ist inzwischen dünn wie ein Frühstücksbrett. Vermutlich waren es die eisigen Nächte im Februar und März, die ihn viel Kraft gekostet haben; sein Allgemeinzustand sei nicht gut, sagten die Ärzte, und wegen des dadurch erhöhten Narkoserisikos rieten sie von einem dritten Anlauf zur Augen-OP ab.

All dieser vergebliche Stress für das fast blinde Tier! Wege, Fahrten, Untersuchungen, Tropfen. So viele Menschen haben für diese OP zusammengearbeitet, und dennoch wird Christopher wohl nie wieder richtig sehen…

Ich wollte über diese Geschichte nicht schreiben, weil sie mich wirklich sehr frustriert.

Aber dann war ich vor wenigen Minuten auf der Weide. Hatte bemerkt, dass die Schafe spielen; die Ziegen meckern ein wenig, die anderen – Senioren allesamt – blöken, und wie ein Haufen Lämmer jagen sie einander und hüpfen völlig sinn- und zweckfrei und nur zum Quatschmachen irgendwie herum.

Mittendrin Christopher. Auch er hüpfte auf allen vieren. Horchte, wohin die anderen liefen, sprang hierhin und dorthin, war übermütig wie ein kleines Lamm. Man sagt, dass er mit elf Jahren ein „altes Schaf“ ist. Er war schwerkrank, er kann kaum sehen. Aber der Lebenswille, die Fähigkeit zum Spaß, die Freude, mit den Kumpels zusammenzusein… Man vergesse nie, dass sie in uns allen stecken, auch den Alten und Beschwerten, ob Mensch oder Tier.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“. Zuletzt ist ihr neues Buch „Nichtstun ist keine Lösung. Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs“ im DuMont Buchverlag erschienen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Unter Tieren

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