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Unter Tieren Gewalt gegen schwache Wesen härtet wohl ab

Für die November-Ausgabe ihrer Kolumne „Unter Tieren“ hat Hilal Sezgin Material gesammelt: Hassmails, hate speech, verbale Gewalt.

31.10.2016 16:26
Hilal Sezgin
Unter Tieren

Als ich vor sechs Wochen begann, Material für diese Kolumne zu sammeln, konnte ich nicht ahnen, wie aktuell das Thema in der Zwischenzeit werden würde: Hassmails, hate speech, verbale Gewalt. Die Friedenspreisträgerin Carolin Emcke hat berichtet, welche Aggressionen ihr als lesbischer Publizistin entgegenschlagen; Renate Künast liest in einem Video „ausgewählte“ Hassbotschaften vor. Satirisch verarbeiten Publizisti*innen mit Migrationshintergrund die gegen sie gerichteten Hassmails in dem antirassistischen Bühnenprogramm „Hate Poetry“ bereits seit 2012.

Letzteres ist ein Hinweis darauf, dass das Problem leider nicht neu ist; und es erinnert daran, dass Hassrede dort besonders drastisch wird, wo sie nicht individuell bleibt, sondern auf gesellschaftlicher Diskriminierung oder Gewaltverhältnissen aufbaut. Es ist fies zu sagen, jemand sei hässlich; aber es war geradewegs rassistisch, als jemand sagte, Michelle Obama sehe aus wie ein Gorilla.

Meine Materialsammlung für diese Tierkolumne nun stammt aus einem nochmals anderen Gewalt-Zusammenhang, nämlich der Landwirtschaft mit Tieren. Von ihren Vertretern wird sie gern „Veredelungswirtschaft“ genannt, weil pflanzliche Kalorien auf dem Umweg der Fütterung an Schwein oder Geflügel dadurch angeblich aufgewertet, also veredelt werden. Aus dieser Veredelungswirtschaft erreichten uns in den vergangenen Wochen entsetzliche Bilder. Kamerateams hatten Ställe aufgesucht, die hochrangigen Vertretern landwirtschaftlicher Berufsverbände gehörten. Also denjenigen, die tönen, um Deutschlands Tierhaltung stehe alles bestens. Doch im Innern ihrer Ställe fand man von Artgenossen angefressene Schweine, stark verletzte Puten, Kadaver, Blut und Wunden.

Einige andere Landwirte reagierten mit Scham und Ablehnung; doch die Internetseiten werden wie üblich von anderen dominiert, und denen wird in den seltensten Fällen widersprochen. Einige Kostproben: „Erwischen muss man diese missratene Brut.“ „Wenn die ersten dämlichen sogenannten Tierschützer einem Besitzer vor die Flinte laufen und so verdroschen werden, dass der eine oder andere nicht wieder aufsteht, werden sich Nachahmer überlegen, ob sie das Risiko eingehen.“ „Waffe laden!“ „Nicht nur die Polizei rufen sondern zuerst die Hunde los machen und dann nach der Polizei so 10 min später nen Krankenwagen.“ „Bauern bewaffnet euch und handelt in Notwehr.“ Schließlich ist man selber Opfer: „Hitler hat die Juden gehetzt und die Bevölkerung, Grünen und NABU hetzen uns Bauern jetzt.“

Solche Beiträge stehen mit Klarnamen zum Beispiel auf der Facebook-Seite eines großen landwirtschaftlichen Fachverlags. Selbst nachdem vor zwei Wochen ein nordrhein-westfälischer Schweinemäster zwei Veterinäre, die seinen Betrieb kontrollierten, mit einer Eisenstange krankenhausreif schlug, fanden die Kollegen online mehrheitlich verständnisvolle Worte. „Das „Kesseltreiben“ auf die deutschen Bauern ist in vollem Gange, kein Wunder das da einige durchdrehen.“ „Der hätt normal an Verdienstorden verdient!!!!!“

Ich habe keine Ahnung, ob solche Gewaltbejahung auch durch den Berufsalltag der „Veredeler“, durch die Abhärtung gegen die ständig verübte Gewalt gegenüber schwächeren Wesen begünstigt wird. Und ehrlich gesagt: Worüber soll man noch staunen in einer Zeit, in der ein Verleumder und Wahrheitsverdreher für den Posten der mächtigsten Person der Welt kandidiert?

Doch es geht auch anders. Es mag kein Allheilmittel gegen hate speech sein, aber es gibt solche Experimente mit einander zunächst fremden Menschen: Vier Minuten lang sollen sie einander in die Augen schauen. Sprechen müssen sie dabei nicht, oft besitzen sie keine gemeinsame Sprache. Außer Blicken. Und Lachen. Und der Umarmung, mit der die vier Minuten oft enden.

In einem Video sieht man zwei etwa zwölfjährige Mädchen, eins arabisch, eines deutsch. Sie schauen. Lächeln. Die Zeit ist um. Was jetzt?

Kurz stehen sie da, dann stupst das eine Mädchen das andere an, läuft weg – sie spielen Fangen.

Diese auffordernde Geste, meist mit leicht gesenktem Kopf, läutet ein Spielverhalten ein, das an unzähligen Säugetierarten beobachtet wurde. Aggression und Spiel sind klar getrennt. Genetisch verankerte, beidseits verstandene Gesten zeigen klar: Ich will dir nichts Böses, ich will dich einfach nur kennenlernen. – Lasst uns mehr spielen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Unter Tieren
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