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Unter Tieren Für Halla, Django und Lumpi

In der Juni-Ausgabe ihrer Kolumne „Unter Tieren“ blickt Hilal Sezgin auf die Londoner, die Anfang des 20. Jahrhunderts Vivisektionen verhindern wollten. Und auf die Menschen, die 2016 gegen Tierversuche in Tübingen protestieren.

06.06.2016 16:09
Hilal Sezgin
Unter Tieren

London, November/Dezember 1907. In den Straßen im Londoner Stadtteil Battersea ereignen sich die erstaunlichsten Tumulte. Auf der einen Seite kämpfen bis zu 1000 Medizinstudenten und 400 Polizisten, auf der anderen eine denkbar unwahrscheinliche Allianz aus Arbeitern, Frauenrechtlerinnen und Gegnerinnen der Vivisektion. Im Mittelpunkt dieser so genannten Brown Dog Riots steht die Bronzestatue eines namenlosen braunen Terriers.

Tübingen, Mai/Juni 2016. Vielerorts werden Besucher der Stadt mit gelben Bannern empfangen: „Tierversuchsstadt Tübingen“. In der Innenstadt spielen als Ärzte und Affen verkleidete Menschen grausame Szenen nach.

Auf dem Neckar zieht ein Tretboot das Banner: „Respekt vor allen Lebewesen!“ Vor dem Campus der Max-Planck-Institute zelten Protestler, bei Dunkelheit zünden sie Kerzen an. Tübinger Bürger haben Patenschaften für einzelne Affen des MPI übernommen; während einer Demonstration halten sie Schilder in die Höhe und fordern Freiheit unter anderem für Halla, Django und Lumpi.

London. Der namenlose braune Terrier war 1903, also vier Jahre zuvor, in den Laboren des University College of London mehrfach seziert und schließlich zu Tode operiert worden. Dass die Öffentlichkeit von ihm erfuhr und ihn in Erinnerung behielt, ist der britischen Antivivisektionsbewegung zu verdanken – und zwei Frauen aus Schweden. Jahre zuvor hatten Louise Lind-af-Hageby und Leisa Schartau am Pariser Pasteur-Institut Vivisektionen miterlebt und daraufhin in Schweden einen Verein gegen die Vivisektion gegründet. An der London School of Medicine for Women schrieben sie sich mit dem Ziel ein, Vivisektionen an Londoner Einrichtungen öffentlich zu machen.

Die offenbar sehr charismatische Anna Kingsford wählte eher spiritualistische Protestformen. In Paris hatte sie ihren Abschluss in Medizin gemacht und dabei durchgesetzt – keiner weiß wie – dass in ihrer Gegenwart kein einziges Tier seziert wurde. Ihre Doktorarbeit beschäftigte sich mit dem Vegetarismus.

Tübingen. Im September 2014 veröffentlichte die Organisation „Soko Tierschutz“ Aufnahmen, die in den Laboren des MPI für biologische Kybernetik gemacht worden waren – von einem Pfleger, der sich zu diesem Zweck dort hatte anstellen lassen. Er beschuldigte das MPI rechtswidriger Forschung und mehrerer Verstöße gegen das Tierschutzgesetz; Untersuchungen konnten dies bisher nicht bestätigen. Umgekehrt erlitt das MPI Anfeindungen und, wie eine Mitarbeiterin angab, Körperverletzung, Drohmails und sogar Morddrohungen. Mitte des vergangenen Jahres wurde die Mitarbeiterin des MPI wegen Vortäuschung einer Straftat zu einer Geldstrafe verurteilt; offenbar hatte sie sich am Telefon – das zum Schutz vor Morddrohungen abgehört wurde – verplappert, dass diese nur erfunden waren.

London. Der Kampf um die Vivisektion wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht nur auf den Straßen ausgetragen, sondern auch die Intellektuellen jener Zeit bezogen Stellung: Charles Darwin und G.K. Chesterton für und Robert Browning, Charles Dickens, Thomas Hardy und George Bernard Shaw gegen die Vivisektion. Eine Fülle von Romanen behandelte das Thema, unter anderem von Wilkie Collins und H.G. Wells.

In einem phänomenalen, leider vergriffenen Buch argumentiert Coral Lansbury, dass die Allianz aus Arbeitern, Frauenrechtlerinnen und Antivivisektionisten am Brown Dog Memorial dennoch fragil gewesen sei. Lange Jahre hatten Angehörige der Unterschicht und Frauen entsetzliche Operationen und Zur-Schau-Stellungen ihrer selbst während medizinischer Eingriffe erdulden müssen; dann wurden Anästhetika erfunden, und die Patienten hörten auf, sich mit den gefolterten Hunden zu identifizieren. Die Chirurgen mutierten zu „Göttern in Weiß“, denen – zumindest gegenüber den Tieren – alles erlaubt war.

Tübingen. Im vergangenen Jahr hat das MPI angekündigt, die Affenversuche (an diesem Standort) einzustellen. „Soko Tierschutz“ kämpft gegen die Fortführung anderswo und für die Herausgabe der Tiere an geeignete Gnadenhöfe. Ab und zu rufen die Paten beim MPI an, wie es ihren Schützlingen geht – vergeblich. Für Halla wird ein Obstkorb vor dem MPI abgestellt. Ein Informant berichtet den unglücklichen Paten von Django, dass der Affe „nach schweren Komplikationen“ gestorben ist. Lumpi lebt – noch.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Unter Tieren
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