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Unter Tieren Die Angst vor dem Wolf

Aber warum ist es schlimmer, wenn ein Wolf ein Schaf tötet, als wenn ein Jäger einen Fuchs tötet?

Wolf
Wieso sollten Wölfe denn Angst vor dem Menschen haben? Foto: imago stock&people (imago stock&people)

Bei uns in der Nähe hat ein Wolf zwei Schafe gerissen, eine gewisse Angst ist zu spüren, und ich kann diese Angst vor dem Wolf verstehen. Überhaupt muss ich gestehen, dass auch ich ein ziemlich ängstlicher Mensch bin; dabei ist mir durchaus bewusst, dass sich Ängste nun mal gern an etwas festmachen, das tatsächlich nicht sonderlich bedrohlich ist. Ich zum Beispiel habe immer wieder größte Bedenken, wenn ich einen (Soja-)Joghurt öffne, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum schon abgelaufen ist. Natürlich ist mir klar, dass die Bakterien oder Schimmelsporen (oder wer auch immer für das Verderben eines Sojajoghurts als Schuldiger in Frage kommt) den Aufdruck auf dem Deckel nicht lesen können und somit keineswegs auf den Startschuss lauern wie Läufer bei den Olympischen Spielen. Trotzdem, das ungute Gefühl bleibt.

Und mit „dem“ Wolf ist es halt ähnlich. Theoretisch besteht wohl die Gefahr, einer würde auch einmal versuchen, sich einem Menschen aggressiv zu nähern. Wieso sollten Wölfe denn Angst vor dem Menschen haben? Immerhin werden sie (noch) nicht bejagt. Ich halte es für eine naturschützerische Notlüge zu sagen, wir Menschen hätten garantiert nichts von einem Wolf zu befürchten. Garantien gibt es nicht.

Aber angesichts der minimalen Anzahl von Wölfen und dem minimalen Risiko eines solchen Verhaltens ist es extrem unwahrscheinlich, dass ein Mensch auf einem Spaziergang von einem Wolf angefallen wird. Dass wir uns den Knöchel brechen, ist viel wahrscheinlicher. Dass wir von einem Menschen angefallen werden, leider ebenfalls. Sogar dass wir Ziel des Irrläufers aus einem Jagdgewehr werden, kommt häufiger vor, nämlich jedes Jahr in Deutschland ein paar Mal.

Dennoch haben viele Menschen Angst vor einer Bache mit Frischlingen, weil die angeblich sehr aggressiv sind. Allerdings sind Bachen nicht blöd. Aus der Erfahrung im Freundeskreis: Wenn ein Mensch ihren Frischlingen mal zu nahe kommt, beobachtet die Mama das Ganze höchst wachsam; aber wenn man die Kleinen nicht angreift, ruft sie einfach zum Abmarsch.

Jedenfalls: Dass ein Mensch von einem Wildschwein verletzt wird, geschieht deutlich seltener, als dass jemand von einem Wildschweinjäger angeschossen wird. Womit ich nicht gesagt haben will, dass alle Jäger blöd sind. Aber manche sind betrunken, manche können nicht (mehr) richtig gucken, und mit so einem Gewehr kann natürlich auch immer was schief gehen.

Anscheinend sind unsere Ängste, was von der „Natur“ (und übrigens auch „dem Fremden“) droht, verzerrt; wir überschätzen sie, setzen sie nicht ins rechte Verhältnis zu den Gefahren in der Nähe. Wenn wir alle Risiken vermeiden wollten, müssten wir wohl zu Hause bleiben; doch bekanntermaßen geschehen die meisten Unfälle im eigenen Heim.

Draußen ist Gewalt bedrohlich, drinnen unsichtbar. Das gilt eben auch für den Wolf: Wenn ein Wolf einige Schafe reißt, sind die Überreste nicht schön anzusehen; es löst Betroffenheit aus. Dabei liegen drinnen, in den Kühlschränken vieler Menschen, auch Teile toter Tiere, die länger gelitten haben und vor denen niemand Angst hat.

Viele Wolfsbeauftragte sind zudem Jäger. Ich nehme an, dass sie keine Probleme mit dem Anblicke von toten Körpern und Eingeweiden haben, schließlich nehmen sie ihre Erschossenen ja selber aus. Aber warum ist es denn schlimmer, wenn ein Wolf ein Schaf tötet, als wenn ein Jäger einen Fuchs, ein Reh oder ein Schwein tötet?

An alle, die die Jagd verabscheuen, aber selber Wurst essen: Und warum ist es schlimmer, Selbsterschossenes zu essen als Fremdgemeucheltes?

Bei Kaufland gab es neulich ein Angebot: Man konnte dort ein halbes Schwein kaufen, „grob zerlegt“, in zwei praktischen Tragetaschen! Das Kilo nicht mal zwei Euro. Die Taschen waren GRATIS, stand in Großbuchstaben dabei. Anlässlich des Reformationsjahres habe ich anderswo gesehen, dass „Bibeln“ aus Schinken angeboten wurden. Falls Sie jetzt mehr darüber wissen wollen, wie die gemacht wurden: Ich hab’s nicht kapiert, habe nur die Werbung gesehen. Da sah das Ganze aus wie ein Quader, dessen Oberfläche ungefähr wie der Einband einer alten Bibel farbig bedruckt war.

Zum Sonntagsfrühstück könnte man sich dann schön Spiegelei aus den Popos verzüchteter Fließbandhennen zubereiten, und dazu ein paar Streifen lecker Bibel.
Das sind die Sachen, die mir richtig Angst machen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Unter Tieren

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