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Unter Tieren Auf Taubenstreife in den Straßen der Stadt

Unsere Autorin Hilal Sezgin trifft zwei Studentinnen der Veterinärmedizin, die sich um Stadttauben in Hannover kümmern.

Tauben
Geliebt und gehasst: Tauben in Großstädten. Foto: Rolf Oeser (Rolf Oeser )

Wir treffen Eleonora und Lena hinter dem Hannoveraner Hauptbahnhof. Beide sind Anfang zwanzig und studieren Veterinärmedizin. Ich hätte vermutet, dass sie mehr Ausrüstung mitbringen würden – einen großen Kescher etwa und einen Käfig, Aber alles ist zusammengefaltet und in Beuteln dezent verpackt. Wenn sie nachher Spuren von Körnern auslegt, wird Leonora dies ganz unauffällig, fast unsichtbar tun. Ihre Vorsicht dient auch dem eigenen Schutz – manche Passanten machen lauthals Ärger und erschweren die ehrenamtliche Arbeit zusätzlich.

Hinter einer Reihe abgestellter Fahrräder fangen sie an. Sie streuen Weizenkörner und warten, bis sich eine Gruppe von Tauben von einer Balustrade herunterschwingt. Mit geübten Blicken kommentieren die beiden, was sie sehen: Bei dem Tier dort hinten könnten sich Schnüre um den Fuß gewickelt haben; diese Taube hier hat verschmutztes Gefieder; da oben sitzt einer, der hinkt ganz schlimm. Ehrlich gesagt: Ich sehe gar nichts. Für mich sieht eine Taube aus wie die andere. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Tauben auf Fotos, die hunderte von Menschen zeigen, einzelne Gesichter erkennen können. Eleonora und Lena würden diesen Test wohl auch umgekehrt bestehen.

Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, Tauben zu „entschnüren“. Und zwar können sich Schnüre und Fäden, die auf der Straße und im Müll herumliegen, den Stadttauben um die Füße wickeln; sie müssen entfernt werden. Ich warte immer noch auf den Einsatz eines großen Keschers, aber Eleonora streut noch etwas Futter und stellt sich stockstill, ungefähr in der Körperhaltung einer Skifahrerin, daneben. Ihre rechte Hand ist leicht nach vorn gestreckt. Sie hat diejenige Taube, deren Fuß umwickelt ist, genau im Visier. Das Tier trippelt näher. Dann wieder weg. Dann noch mal näher... Schon vom Zusehen wird man ganz hibbelig, aber plötzlich macht Eleonora eine ruckartige Bewegung, richtet sich auf – und hält tatsächlich eine Taube in der Hand.

„Wie hast du das jetzt gemacht?“, fragen wir. Wir haben ja daneben gestanden, aber diese Bewegung war einfach zu schnell. Die Taube liegt jetzt seitlich, mit geschlossenen Flügeln, in Eleonoras Hand. Lena packt ein Nagelset aus und schneidet Faden für Faden ab, dann ist das Tierchen wieder frei. Wenn das nicht geschieht, kann sich der Zeh entzünden; schlimmstenfalls sterben Zehen oder Füße ab. In der Soundso-Straße lebe eine Taube, die laufe nur noch auf zwei Stumpen, sagt Eleonora.

Mehrmals die Woche gehen diese beiden jungen Frauen sozusagen auf Streife. Anscheinend wissen sie von jeder Baumgruppe und jedem Vordach, welche Tauben dort leben, nisten, humpeln. Wir kommen an einem Schild vorbei, auf dem steht: „Wer Tauben füttert, bringt sie damit in Gefahr.“ Eleonora hält dieses Fütterungsverbot für wenig durchdacht. In einer Großstadt fänden sich ohnehin überall Essensreste, die seien als Nahrung für Tauben natürlich nicht ideal. „Es müsste heißen: Wer Tauben falsch füttert, bringt sie damit in Gefahr“, meint Eleonora. Sie selbst hat eine Genehmigung der Stadt, Tauben anzulocken und zu behandeln.

Aber warum sollten sich Menschen überhaupt um Stadttauben kümmern? Mit derselben Engelsgeduld, mit der Eleonora die Vögel anlockt und entschnürt, beantwortet sie auch meine Fragen, die sie sicher schon tausend Mal von anderen gehört hat: Stadttauben sind nur zum Teil noch Nachkommen von Felsentauben; längst haben sie sich mit domestizierten Tauben vermischt: mit Brieftauben etwa, die ihre unfreiwilligen, tierquälerischen Langstreckenflüge vor Erschöpfung abbrechen müssen, oder mit Ziertauben. Wenn eine Taube weiße Flächen im Gefieder aufweist, ist dies keine Mutation, sondern ein Rest „Hochzeitstaube“.

Auch dass Tauben fünf bis acht Mal im Jahr brüten, hat der Mensch ihnen angezüchtet. In manchen Städten werden künstliche Nester angelegt und die Eier gegen Gipseier ausgetauscht. So etwas auch in Hannover zu etablieren, ist Eleonoras Ziel. Wieder schleicht sie mit Körnern einen Bürgersteig entlang. Die ersten Tauben schöpfen Vertrauen... „Scheißviecher“, ruft ein Mann und stürmt mitten hindurch. Großes Geflatter. Unter den Davonfliegenden haben Eleonora und Lena einen verschnürten Fuß gesichtet, sie kommen später noch mal vorbei.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Unter Tieren

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