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Unter Tieren Aber was will der Kater?

In der März-Ausgabe ihrer Kolumne „Unter Tieren“ findet Hilal Sezgin einen unglücklichen kleinen Kater in ihrer Waschküche. Was nun?

Katze
Nicht ganz leicht, den Gesichtsausdruck einer Katze zu interpretieren. Foto: afp

I n meiner Waschküche saß zehn Tage lang ein unglücklicher kleiner Kater. Dafür, dass er schon ausgewachsen war, war er recht zierlich, ihm fehlten ein paar Vorderzähne und das letzte Stück Schwanz. Allerdings war das nicht der Grund für sein Unglücklichsein, sondern: Er war noch nie eingesperrt, sondern lebt wohl seit ein oder zwei Jahren bereits wild im Wald. Dass er in meiner Waschküche (genau genommen in dem Spalt zwischen Wand und Waschmaschine) zu sitzen kam, kam so:

Irgendwann im Dezember beobachtete ich eine sonderbare Erscheinung an den Vogelhäuschen. Ein pelziges Etwas hangelte sich mühsam an den Pfosten hoch, um Sonnenblumenöl von den Haferflocken zu lecken. Ich begann, besagter Erscheinung Katzenfutter unters Vogelhaus zu stellen und mit der Wildkamera ihr Kommen und Gehen zu fotografieren. Zweimal jede Nacht kam diese Katze (die auf jedem Foto mit zwei lokomotivscheinwerfergroßen Augen in die Wildkamera starrte) und aß alles auf bis zum letzten Krümel. Ich telefonierte herum und verteilte im Dorf Zettel. Niemand kannte diese Katze. Ich lieh eine Falle aus, fing die Katze (den Kater, wie sich kurz darauf herausstellte) ein und brachte sie/ihn zum Tierarzt. Dort wurde Moritz, wie er nun heißt, untersucht, gechippt, kastriert, entfloht und entwurmt. All das fiel mitten in die kältesten Februarnächte. Ich räumte die Waschküche aus und setzte Moritz hinein, aber sobald die Narkose abflaute, versuchte er mit waghalsigen Manövern Wände und Fenster hochzuklettern. Er aß und trank, und stubenrein war er auch. Aber jedes Mal, wenn ich mich seinem Versteck hinter der Waschmaschine näherte, schaute er mich mit einem von zwei steinerweichenden Blicken an. Blick 1: „Wenn ich nicht so klein wäre, würde ich dich töten.“ Blick 2: „Ich bin noch so klein, bitte nicht töten!“

Der Kater war unglücklich, und ich war es auch. Denn auch wenn ich mir zig Mal vorsagte, wie viel besser es für den Moritz war, mit Futter im Warmen zu sitzen, so wusste ich doch, dass er das nicht wusste. Beziehungsweise, dass er es nicht so sah. Ich sprach mit zwei erfahrenen Frauen vom Katzenschutz, die mir empfohlen, den Kater drinnen zu behalten und täglich, eventuell durch Streicheleinheiten, an mich zu gewöhnen. Das Knurren beim Anblick der menschlichen Hand würde irgendwann in Schnurren übergehen; das sei DIE Chance für ein Streunerkaterchen, denn draußen wären seine Überlebenschancen nun mal nicht groß.

Andere Freunde sagten, ich solle nur noch die Frostnächte abwarten und ihn dann rauslassen. Wieder andere meinten, der Frost mache ihm weniger aus als die Gefangenschaft. Die meisten waren ratlos. Ich rief pausenlos und im Kreis sämtliche meiner tierschutzaffinen Freundinnen und Freunde an und quälte und nervte sie und mich mit dem Dilemma.

Die Moralphilosophin in mir warf den Denkapparat an: Wir haben es hier mit einem Fall von Paternalismus zu tun – ich tue, was ich für den Kater für das Beste halte, und zwinge ihn sogar dazu. Aber ist es wirklich das Beste – zählt etwa gar nicht, was er denkt und will? Ethisch gesehen, müssen wir ja erstens berücksichtigen, wie sich ein Tier (oder Mensch) aktuell fühlt. Zweitens, was auf Dauer gut für es (ihn/sie) ist. Schon beim Menschen fällt das nicht immer zusammen: Die Chips schmecken jetzt so gut, dass ich die ganze Tüte wegmampfen könnte. Aber tun sie mir auch wirklich gut?

Drittens ist der Wille zu berücksichtigen, also wonach es das betreffende Wesen drängt; was seine Entscheidung wäre, ob wir sie nun klug finden oder nicht. Eltern können sich bequemerweise oft auf den zwar nicht jetzigen, aber zukünftigen Willen ihrer Kinder berufen, wenn sie ihnen etwas verbieten oder befehlen: „Später wirst du mir dankbar sein!“ – Würde Moritz mir dankbar sein? Oder wenigstens zufrieden?

Durch einen total dusseligen Fehler – Hallo, Freud! Ja, ich habe tatsächlich das Fenster nicht richtig geschlossen – ist Moritz eines Nachts dann entkommen. Es tat mir Leid, weil es immer noch eiskalt war; gleichzeitig machte sich Erleichterung breit. Allerdings bangte ich, ob Moritz wieder an die Futterstelle kommen würde … Eine Nacht lang mied er meinen Garten, doch schon seit der zweiten kommt er wieder regelmäßig. Er richtet seine Lokomotivscheinwerfer kurz auf die Kamera, dann haut er zwei Teller Futter weg. Hoffentlich bleibt es ganz lange so.

Hilal Sezgin , Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“. Ihr jüngstes Buch heißt „Nichtstun ist keine Lösung. Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs“, erschienen im DuMont Buchverlag.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Unter Tieren

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