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"Ungarns Oskar Schindler" Ein Buch als spätes Denkmal

Ladislaus Löb erzählt die tragische Geschichte des Rudolf Kasztner, der mehr durch Verhandlungen mit den Nazis Juden rettete als jeder andere. Jetzt ehrt ihn eine Biographie.

09.09.2010 21:44
Stephen Tree
Rudolf Kasztner beim Nürnberger Prozess. Foto: bpk-images

Dies ist die tragische Geschichte eines Einzelnen vor dem Hintergrund eines Geschehens, für das der gemeinhin verwendete Begriff „Katastrophe“, dem etwas Schicksalhaftes innewohnt, nur bedingt zutrifft: die mit kalter Ingenuität und viel Organisationsgeschick betriebene Ermordung einer halben Million Menschen. Die Geschichte von Rudolf (Rezs?) Kasztner (1906–1957) und der Vernichtung des ungarischen Judentums in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs.

Ungarn war im Zweiten Weltkrieg mit Deutschland verbündet gewesen, und die ungarischen Juden wurden schon seit 1920 unterdrückt und wirtschaftlich eingeengt. Vor der organisierten, industriell betriebenen Vernichtung blieben sie aber bewahrt. Bis am 19. März 1944 deutsche Truppen einmarschierten.

Während die offizielle jüdische Führung sich der Illusion hingab, die Juden des Landes durch Kooperation schützen zu können, versuchte ein kleines zionistisches Hilfskomitee in Budapest, das illegalen polnisch-jüdischen Flüchtlingen geholfen hatte und mit dem Vorgehen der Nazis vertraut war, dem bevorstehenden Massenmord Einhalt zu gebieten. Einer der Leiter war Rudolf Kasztner, ein junger Zionist aus dem rumänisch-ungarischen Cluj, Sohn frommer Eltern, hochbegabt, durchsetzungsfähig, der sich wegen seines Ehrgeizes und seiner Ungeduld mit dem, was er als Zögerlichkeit und Langsamkeit anderer empfand, nicht nur Freunde gemacht hatte.

Von der – richtigen – Annahme ausgehend, dass die SS-Führung angesichts des offensichtlich verlorenen Krieges auf einen „Separatfrieden“ mit den Westalliierten hoffte, versuchte er, den Vernichtungsprozess durch Aufnahme von Verhandlungen mit den Deutschen bis zum absehbaren Kriegsende hinauszuzögern – was zu Eichmanns Angebot von „Blut gegen Ware“ führte, dem vorgeblichen Austausch von jüdischem Leben gegen Lastwagen und Dollars, zuletzt gegen Kaffee.

Von jüdischen Organisationen der freien Welt halbherzig unterstützt, trieb Kasztner die entsprechenden Verhandlungen voran und bereiste (manchmal in Nazi-Uniform) gemeinsam mit hohen SS-Chargen (denen daran gelegen war, sich für die bevorstehende Nachkriegszeit eine gute Ausgangsposition zu verschaffen) Konzentrationslager wie z.B. Bergen-Belsen. Kasztner war daran beteiligt, dass zumindest einige Lager den Alliierten „intakt“, das heißt ohne vorherige Abschlachtung der Insassen übergeben wurden. Mit großer Mühe und sehr viel Geld brachte er einen Zug mit über 1600 Menschen aus Ungarn in die Schweiz. Er gilt als der Jude, der während der Nazi-Zeit die meisten Juden gerettet hat.

Doch tat er dies, während eine halbe Million Juden in Ungarn der deutschen Mordmaschinerie zum Opfer fielen. Man hat ihm später den Vorwurf gemacht, dass er, der doch genau Bescheid wusste, die Juden Ungarns nicht laut und eindringlich genug gewarnt und, jedenfalls in Cluj, eine organisierte Massenflucht verhindert habe. Doch der entschlossene Widerstand, den man sich im Nachhinein so sehr ersehnt, erschien aus der Situation der Betroffenen unmöglich und sinnlos. Er konnte nur da gelingen, wo die Juden, wie in Dänemark und dem Kernland Bulgariens, von der Mehrheitsbevölkerung und deren Institutionen unterstützt wurden. Was auf Ungarn nicht zutraf.

Nach dem Krieg zog Kasztner ins neu gegründete Israel, bekam einen Regierungsposten und einen Listenplatz für die Parlamentswahlen zugeteilt. Daraufhin wurde er von einem zweiundsiebzigjährigen Ungarn in einem Flugblatt angegriffen, der fünfzig Angehörige im Holocaust und einen Sohn im israelischen Unabhängigkeitskrieg verloren hatte.

Man hätte den in wenigen hundert Exemplaren verbreiteten Aufruf auf sich beruhen lassen können. Doch die Staatsanwaltschaft meinte dem Ansehen des jungen Staates einen Beleidigungsprozess schuldig zu sein. In den Kasztner einwilligte – und den er verlor. Die Wut über das Geschehene und die Verzweiflung über die eigene Ohnmacht, hatten ein konkretes Ziel gefunden. Den günstigen Ausgang des Revisionsprozesses hat Rudolf Kasztner nicht mehr erlebt: Am 15. März 1957 wurde er vor seiner Wohnung in Tel Aviv von jungen Extremisten als „Verräter seines Volkes“ niedergeschossen.

Einer der Insassen des Kasztner-Zuges, Ladislaus Löb, damals ein verängstigter Elfjähriger, heute ein emeritierter Deutsch-Professor in Brighton, hat nun seinem Retter ein Denkmal in Buchform gesetzt. Die um Objektivität bemühte, durch zahlreiche Quellen und eigene wie fremde Erinnerungen gestützte Darstellung erlaubt dem Leser, sich ein umfassendes Bild von Kasztner und dem Kasztner-Prozess zu machen, der ersten öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Israel.

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