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Umweltschutz und Demokratie In einer Demokratie muss Naturschutz populär sein

Joachim Radkau im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über kritische Stimmen, die sagen, mit Ökologie allein lasse sich der Umweltschutz nicht begründen und warum es sich unbedingt lohnt, den Menschen als Bewohner von Biosphärenreservaten anzuerkennen.

22.02.2011 15:41
In Goi-Bodo im Niger-Delta brennt Öl, das aus einer lecken Pipeline austritt. Dass dadurch die Natur zerstört wird ist für Flora, Fauna und die Menschen gleichermaßen schlimm. Foto: rtr

Joachim Radkau im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über kritische Stimmen, die sagen, mit Ökologie allein lasse sich der Umweltschutz nicht begründen und warum es sich unbedingt lohnt, den Menschen als Bewohner von Biosphärenreservaten anzuerkennen.

Herr Radkau, im Eröffnungsvortrag des Rachel Carson Centers for Environment and Society hat der Münchner Umwelthistoriker Christof Mauch die Disziplin Umweltgeschichte so charakterisiert: Sie sei trotz der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit eine Art Orchidee im Gewächshaus der Wissenschaften, „faszinierend und blühwillig, haltbar und exotisch, aber ohne Nutzen, so scheint es, und rar obendrein.“ Wo sehen Sie das Potenzial der Disziplin?

Keine Frage, die Umweltgeschichte als solche hat keine stoffliche Einheit. Verbunden wird sie lediglich über unseren fragenden Zugang – und ich lege großen Wert darauf, dass sie für mich auch die Natur des Menschen einbeziehen sollte. Auf welche Weise das geschehen könnte, habe ich in meiner Max-Weber-Biographie zu demonstrieren versucht. Daher sage ich ganz offen: Ich selbst möchte Umweltgeschichte zur big history machen, nicht zu einer neuen Spezial-, sondern zu einer integrativen Disziplin. In meiner aktuellen Studie „Die Ära der Ökologie“ geht es mir nicht zuletzt auch darum, das integrative Potenzial ökologischer Denkansätze herauszuarbeiten.

Wo sehen Sie denn gesellschaftliche Relevanzfelder der historischen Umweltforschung?

Da gibt es eine ganze Reihe. Auch im Naturschutzbereich werden kritische Stimmen lauter, die sagen, mit Ökologie allein lasse sich der Umweltschutz nicht begründen. Wenn wir Natur immer nur in begrenzten Reservaten getreu unseres Wildnis-Ideals Natur sein lassen wollen, laufen wir langfristig in eine Falle. Wir müssen vielmehr die gesamte Landschaft als Kulturlandschaft im Blick haben, einen kulturhistorischen Ansatz verfolgen. Allerdings finden Historiker gegenwärtig noch kaum Gehör: Die ganze Szene wird eben doch von Naturwissenschaftlern, Biologen und Ökologen beherrscht – und mit dieser Einschätzung stehe ich nicht allein.

Was ist daran so problematisch?

Oft herrscht dort ein zu rigides Denken. Wenn wir immer nur sagen, dieses Schutzgebiet ist absolut notwendig, weil nur hier allein diese spezielle Fledermausart anzutreffen ist und dergleichen mehr, dann machen wir uns die Bauern und Grundbesitzer etc. zu Feinden. Meistens hat jeder seinen speziellen Tick, seine spezielle zu schützende Art, die auch manchmal auf Kosten anderer Arten geschützt werden muss. Doch damit laufen wir sehenden Auges in eine Sackgasse. Ich denke, es müssen mehr Human- und Kulturwissenschaftler an den Entscheidungsprozessen beteiligt werden, die sich über den Konstruktionscharakter von Natur bewusster sind. Natur gibt es ja wirklich, aber wenn wir von Natur reden, dann meinen wir zumeist ein Konstrukt, das wir im Kopf haben – was durchaus auch seinen praktischen Wert hat: Man geht sensibler mit ihr um.

Könnten Sie das an einem konkreten Beispiel verdeutlichen?

Es gibt zum Beispiel den Nationalpark Wattenmeer, der zu heftigsten Kontroversen mit den dortigen Anwohnern geführt hat. Die politischen Entscheidungsträger aus Schleswig-Holstein sahen sich mit zahlreichen Widerständen konfrontiert. Die alten Kulturlandschaften mit den schönen Dithmarscher Bauernhöfen, auf die die Bauern dort so stolz sind, waren aber überhaupt kein Thema. Für die Initiatoren existierte ausschließlich das Biosphärenreservat, Wattvögel wie Austernfischer, Seeschwalben und Federhäubchen sowie wirbellose Lebewesen – die Deiche dagegen wurden als Naturzerstörung angesehen. Dabei pflegen die Dithmarscher ihre 500-jährige Tradition im Deichbau ganz bewusst. Ich bin der Überzeugung: Auf diese Weise manövriert man den Naturschutz in eine Sackgasse. Denn gerade in einer Demokratie muss Naturschutz auf lange Sicht populär sein.

Worin sehen Sie die Ursachen für diese Stagnation innerhalb des ökologischen Meinungsaustauschs?

Das ist es ja gerade! Über einen längeren Zeitraum betrachtet ist der ökologische Diskurs an sich nicht starr – es hat schon viele Themenwechsel gegeben. Gerade deshalb ist es so wichtig, die Umwelt-Diskurse über lange Zeiträume zu verfolgen. International gesehen ist von Starrheit ohnehin gar keine Rede, dafür gibt es viel zu viele völlig unterschiedliche nationale Profile.

Wie sieht denn das Profil Deutschlands aus?

Betrachten wir einmal die Entwicklung seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre: Damals standen die Kernenergie und die Diskurse über Endlager absolut im Vordergrund, dann kam 1981 der große Waldsterben-Alarm auf die Agenda, der die Fronten durcheinander gewirbelt hat: Plötzlich waren die Kernkraftwerke – sehr zur Freude ihrer Betreiber – aus der Schusslinie heraus. Es folgte dann 1986 der erste große Klimaalarm, alle Wut richtete sich auf CO2, ehe die aufkommende Gentechnik ins Visier rückte; wieder ein ganz anderes Thema, auf das jedoch lange etablierte Kampfmuster aus der Auseinandersetzung mit der Kernenergie übertragen wurden.

Ihr Durchlauf wirkt wie eine sprunghafte Fokussierung auf Einzelphänomene…

Durchaus. In den einzelnen Etappen wirken diese Ökodiskurse oft recht starr und in sich geschlossen, aber genau da sehe ich auch einen Vorteil der historischen Perspektive, denn auf die Länge der Zeit erschließen sich erst die Themenwechsel. Auch der ökologische Diskurs folgt eben nicht einer reinen Diskurslogik. Stattdessen brechen auch immer wieder neue Erfahrungen ein, neue Szenen, andere Mentalitäten.

Doch scheint es, als bestünde das gesellschaftliche Interesse nicht kontinuierlich: Wie Sturmfluten brechen neue Themen über die Gesellschaft herein und weichen ebenso schnell wieder zurück. Woran liegt das?

Wissensgeschichte ist auch immer eine Vergessensgeschichte. Mit dem Erwerb neuen Wissens wird immer auch altes Wissen auf irgendeine Art und Weise entwertet, verdrängt oder vergessen. Nur: Dieses Vergessen muss erst aufgespürt werden. Ich glaube, das ist ein Aspekt, der viel stärker beachtet werden muss, wenn man sich von der ewig gleichen Abfolge aus Argument und Gegenargument lösen möchte.

Der Wirtschaftswissenschaftler Sajay Samuel hat in einem BBC-Radiogespräch mit David Caley folgendes moniert: Früher sei es schwierig gewesen, Verständnis für das Phänomen des Klimawandels zu gewinnen; mittlerweile sei dieser jedoch als „wissenschaftliche“ Realität anerkannt, ergo gingen wir davon aus, dass auch die Lösung dieses wissenschaftlichen Problems eine wissenschaftliche sein werde. Das Bewusstsein dafür, dass wir als handelnde Objekte selbst Teil dieses Prozesses sind, sei nicht mehr Common sense.

Es gehört zweifellos zur political und ecological correctness, den Klimawandel ernst zu nehmen. Aber nimmt man ihn wirklich ernst? Ich hege da meine Zweifel. In skandinavischen Ländern sagt man hinter vorgehaltener Hand: „Global warming? Wunderschön, endlich auch einmal in Kopenhagen so ein Hauch von italienischer Piazza-Atmosphäre.“ Auch in Russland hofft man eher darauf, zu den Gewinnern zu gehören als zu den Verlierern. Das gleiche gilt für Kanada. Es ist merkwürdig, denn auf internationaler Ebene sind es vor allem die nördlichen Länder, besonders die EU-Länder, die Druck erzeugen, doch gerade diese Länder haben eigentlich am wenigsten Grund, vor dem Klimawandel Angst zu haben. In China dagegen sieht es ganz anders aus: Nordchina trocknet immer mehr aus, das Grundwasser sinkt ab, Peking ist durch Staubstürme bedroht. Ich habe den Eindruck, die chinesischen Eliten nehmen das Problem schon ernst, aber wie es gegenwärtig aussieht, ist China noch so Kohle abhängig, dass es nicht bereit ist, sich auf große Verpflichtungen in Sachen CO2-Emmissionen einzulassen. Aber glauben die Leute wirklich, die Wissenschaft könne das lösen? Im Prinzip weiß jeder, dass auch Politik und Wirtschaft und unser ganz persönliches Alltagsverhalten gefordert sind.

Naturkatastrophen könnten ein eindrucksvolles Beispiel für unsere begrenzte Wahrnehmung in Sachen Umweltbewusstsein sein. Das ganze Ausmaß der Katastrophe des Untergangs der Deepwater Horizon schien aber erst dann wirklich präsent zu werden, als erste Fotografien von ölverklebten Vögeln publiziert wurden.

Das ist bei Ölkatastrophen jedes Mal so!

Werden Umweltkatastrophen erst dann zu solchen, wenn es diese Vogelbilder gibt?

Geht man durch die Geschichte vergleichbarer Ölkatastrophen, so gibt es – und das ist wirklich interessant – durchaus auch Katastrophen, die hinsichtlich der Menge des ausgeströmten Öls sehr schlimm waren, zu denen aber die entsprechenden Bilder fehlen, da sie sich nicht in Küstennähe ereigneten. Exxon Valdez 1989 vor Alaska hat damals wie eine Bombe eingeschlagen, obwohl weit weniger Öl ausgeflossen ist als bei einer Ölhavarie zehn Jahre zuvor. Aber: 1989 gingen die entsprechenden Bilder durch die Medien. Daneben spielen auch bestimmte Zeitkonjunkturen eine Rolle. Ich meine, es gibt bestimmte Zeitfenster, in denen das Bewusstsein generell geschärft ist – beispielsweise die Zeit von Tschernobyl bis Rio, 1986 bis 1992. Das war eindeutig eine Zeit, in der die Weltöffentlichkeit auf viele Vorfälle sehr heftig reagiert hat. Die Art der Visualisierung durch die Medien ist von eminenter Bedeutung – darin liegt auch so ein neuartiger Zug dieser Bewegung.

Woran denken Sie dabei?

Was wäre Greenpeace ohne die Fotos dieser klassischen David-gegen-Goliath-Szenerien: die Regenbogenkämpfer auf Schlauchbooten gegenüber einem großen Walfänger? Vor 100 Jahren hätten solche Fotos noch gar nicht geschossen werden können.

Das heißt ja auch immer, dass ein zweites Boot sich in unmittelbarer Nähe aufgehalten hat, um die Aktivisten bei ihrer Arbeit fotografieren.

Ja. Ein anderes interessantes Feld der Visualisierung ist die Naturfotografie. Sie hat sich in den letzten 50 Jahren ungeheuer weiterentwickelt. Ohne sie wäre unsere Begeisterung für die Wildnis wohl kaum zu erklären. Das Schützenswerte vieler Naturschutzgebiete lässt sich eigentlich nur durch die Medien visualisieren. Wenn man die Gebiete in natura sieht, erscheinen sie oft gar nicht so eindrucksvoll, und die Gefährdung der Arten sieht man sowieso nicht. Wer sieht schon einmal einen Biber? Oder eine bestimmte Fledermaus? Ohne die heutigen Medien könnten deren Schicksale gar nicht ins Bewusstsein dringen.

Sie sprachen die Wildnis an. Unberührte Natur gibt es ja schon lange nicht mehr – von den höchsten Berggipfeln bis hin zu tiefsten Punkten der Ozeane gibt es kaum einen Punkt, der nicht mit dem Wirken der Menschen konfrontiert wäre. Wie kommt es, dass sich die Vorstellung von einer unberührten Natur so etabliert hat?

Weil der Mensch diesen Mythos liebt, vielleicht sogar braucht? Ich würde aber auch sagen, dass, wenngleich die meisten Teile der bekannten Welt in irgendeiner Weise direkt oder indirekt vom Menschen beeinflusst sind, dies überhaupt nicht ausschließt, dass die Natur trotzdem eine starke Eigenmacht entfalten kann. Es können auch sehr vielfältige Naturen neu entstehen! Heutige Großstädte können viel artenreicher sein als das platte Land. Weil es in Großstädten so viele tote Winkel gibt, in denen kleine Halbwildnisse entstehen. Den Ökopessimismus, dass überall nur Naturzerstörung sei, kann ich nicht teilen. Man muss sich vom Virginitätsideal der unberührten Wildnis lösen, eher die Begegnung mit der Eigenmacht und Vielfalt der Natur in den Vordergrund stellen.

Interview: Alexander Kraus

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