Lade Inhalte...

Udo Kier zu Lars von Trier „Quatsch, er ist kein Nazi“

So viel Wut, Genie und Wahnsinn: Der deutsche Schauspieler Udo Kier ist seit mehr als 20 Jahren mit Lars von Trier befreundet. Er sagt im Exklusiv-Interview mit der Frankfurter Rundschau, dass der Regisseur provozieren wollte.

19.05.2011 17:54
Udo Kier: „Die Sache wird ihm leider sehr lange anhängen.“ Foto: dpa

Herr Kier, seit der Premiere Ihres neuen Films „Melancholia“ spricht kaum jemand über den Film, sondern nur noch über die Aussagen von Lars von Trier bei der Pressekonferenz. Sie saßen dort auch auf dem Podium. Was haben Sie in dem Moment gedacht?

Ein bisschen geschockt war ich schon. Aber gleichzeitig weiß ich ja, dass man bei Lars immer mit allem rechnen muss. Allerdings habe ich ihm sofort einen warnenden Blick zugeworfen, damit er bloß nicht auf Idee kommt, mich womöglich als den noch größeren Nazi zu bezeichnen. Da hätte ich als Deutscher nämlich keine Lust drauf gehabt, selbst wenn ich dann einfach von meiner Rolle in dem neuen Film „Iron Sky“ erzählt hätte, wo ich einen Nazi-Anführer auf dem Mond spiele.

Haben Sie ihn in dem Moment ernst genommen?

Quatsch, er ist kein Nazi, das kann ich Ihnen mit Bestimmtheit sagen. Genauso wenig wie er ein Jude ist. Das kann ich bezeugen, denn ich bin sein Freund, seit wir vor 22 Jahren das erste Mal zusammen gearbeitet haben. Ich bin sogar der Patenonkel seiner ersten Tochter. Wir alle wissen doch, wie gerne Lars provoziert. Denken Sie nur daran, wie er damals zu seinem Film „Manderlay“ über George W. Bush gesprochen hat.

Einige Ihrer Kollegen wirkten auf dem Podium jedenfalls reichlich konsterniert...

Klar, diese Kommentare von Lars kamen ja auch überraschend. Aber wir alle wussten, dass es ein Spaß war, denn wäre er ein Nazi, würde ich nicht mit ihm arbeiten. Kirsten Dunst und die anderen genauso wenig, von den vielen jüdischen Schauspielern, mit denen er bei „Melancholia“ und auch früher schon zusammengearbeitet hat, ganz zu schweigen.

Aber warum sagt er so etwas?

Wissen Sie, Lars ist da meinem guten Freund Fassbinder ziemlich ähnlich. Nur dass der bei einer Pressekonferenz gesagt, er sei Anarchist. Das war er genauso wenig wie von Trier ein Nazi. Aber wenn man so viel Wut, so viel Genie und Wahnsinn in sich hat wie diese beiden, dann brechen solche Provokationen wohl einfach immer mal wieder aus einem heraus. Zumindest gilt das für Europäer. In Amerika ist man zu sehr auf politische Korrektheit getrimmt.

Haben Sie mit ihm anschließend darüber gesprochen?

Als wir den Saal der Pressekonferenz verließen, habe ich ihn nur viel sagend angeguckt und ihm damit bedeutet: Die Goldene Palme kannst Du jetzt wohl vergessen. Selbst wenn das eigentlich dumm ist, schließlich sollte es der Jury um den besten Film gehen, nicht um Aussagen des Regisseurs.

Glauben Sie denn, er hätte gute Chancen auf einen Preis gehabt?

Sicherlich, schließlich ist „Melancholia“ ein beeindruckender Film. Ich war selbst richtig mitgenommen, als ich ihn abends zum ersten Mal komplett sah. Andererseits kenne ich natürlich die anderen Filme nicht, von Kaurismäki oder Terrence Malick. Und den Geschmack von Robert de Niro und seinen Jury-Mitstreitern kann ich auch nicht einschätzen. Es wäre fantastisch, wenn sie in dieser Sache objektiv bleiben würden und realisieren, dass die ganze Diskussion etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Aber das wird wohl nicht passieren, und Lars weiß das natürlich auch.

Aber die übliche Feier nach der Premiere wurde abgesagt, nicht wahr?

Es stimmt, dass die jüdische Familie, in deren Anwesen ein großes Dinner mit anschließender Party stattfinden sollte, die Veranstaltung kurzfristig abgesagt hat. Aber wir haben sie dann einfach an einen anderen Ort verlegt, unweit vom Festivalpalast an der Croisette.

Denken Sie, dass dieser Skandal seiner Karriere schaden und er nie wieder nach Cannes eingeladen wird?

Ach Unsinn, natürlich nicht! Meiner Meinung nach ist da in ein paar Tagen wieder Gras drüber gewachsen. Lars ist, genau wie Fassbinder, immer schon einer dieser Regisseure gewesen, die man entweder liebt oder hasst. Nur die, die ihn hassen – nicht zuletzt in den USA –, werden sich nun leider sehr lange an dieser einen Sache aufhängen.

Interview: Patrick Heidmann

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen