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Türkei „Wir sollten aufhören, auf diese Maschen reinzufallen“

Die Autorin Hatice Akyün spricht im Interview über Erdogan, Wahlkampfauftritte, Machogehabe und den Wandel in der Türkei.

Erdogan
Anhänger des türkischen Präsidenten Reccep Tayip Erdogan in Oberhausen Foto: Wolfgang Rattay/Reuters

Hatice Akyün zeigt auf ihrem Handy ein Schwarz-Weiß-Foto, das sie zum Weltfrauentag auf ihrem Facebook-Account gepostet hat. Es zeigt eine Frau mit einem Kopftuch vor einer Steinmauer. Sie hat ein Kind an der Hand und ein Baby auf dem Arm. Es ist Hatice Akyüns Mutter, sie ist das Baby auf dem Bild. Es entstand 1969 in einem anatolischen Dorf. 1972 folgte die Familie dem Vater nach Duisburg. Wir wollen über das derzeitige Verhältnis von Deutschland und der Türkei sprechen. Hatice Akyün wartet keine Frage ab, sondern schießt los:

„Wir bewegen uns gerade in einer endlosen Empörungsschleife. Mit Trump, der AfD und immer wieder mit Erdogan. Ich frage mich, ob das nicht ein bewusst eingesetztes Werkzeug ist, das Erdogan und die anderen benutzen, und ob wir nicht langsam aufhören sollten, auf diese Masche reinzufallen. Mit der Inhaftierung des deutschen Journalisten Deniz Yücel weitet Erdogan diese Masche auf Deutschland aus.“

Und durch die Frage nach den Wahlkampfauftritten hier, den Nazi-Vorwürfen.
Die Wahlkampfauftritte von AKP-Politikern sind ein politischer Schachzug. In dem Moment, in dem Deutschland, das demokratische Vorzeigeland mit Meinungsfreiheit, mit Pressefreiheit, auf das wir seit der Verhaftung von Deniz Yücel pochen, diese Auftritte verbieten will, kann Erdogan den Spieß einfach umdrehen. Es geht gar nicht darum, die Deutschen zu ärgern. Es geht für ihn darum, Deutschland vorzuführen, um seinen Wählern in der Türkei zu sagen: Seht her, das ist die Doppelmoral dieses ach so demokratischen Deutschlands.

Aber er hat doch auch in Deutschland potenzielle Wähler?
Ja, aber AKP-Wähler sind keine Wechselwähler. Das sind knallharte Erdogan-Anhänger, genau wie es knallharte AfD-Anhänger und knallharte Trump-Anhänger gibt. Die ticken in ihren Überzeugungen ähnlich. Man kann tausendmal beweisen, dass gelogen wird, die Fakten verdreht werden, dass sich ihr Wahlprogramm gegen sie selbst richtet. Die Wahrheit interessiert sie nicht. In Deutschland versuchen wir Politiker zu entlarven, ihren Behauptungen Fakten gegenüberzustellen. Bloß, was haben wir davon, wenn die Adressaten an der Wahrheit gar nicht interessiert sind?

Wie soll man dann reagieren?
Ihn reden lassen. Erdogan kann sich im Grunde nur selbst bloßstellen. Aber wenn wir ihm verbieten, hier seine Reden zu halten, stellen wir uns bloß. Wir können ja nicht mal genau sagen, wovor wir Angst haben. Davor, dass er die 1,4 Millionen wahlberechtigten Türken in Deutschland beeinflusst? Die gucken den ganzen Tag türkisches Fernsehen, die wissen, was der redet. Natürlich habe auch ich den gleichen Reflex, wenn man einen Sinn für Gerechtigkeit hat und denke: Das kann doch nicht wahr sein, der hat einen unserer Journalisten eingesperrt, wirft ihm Spionage vor und kommt dann dreist hierher und will in unserem Land Wahlkampf machen. Aber wenn wir ihm das verbieten, geben wir ihm noch mehr Munition, gegen uns zu poltern. Wenn die Argumente ausgehen, wird doch immer die Nazi-Keule rausgeholt. Wir müssten uns zurücklehnen und sagen: Mein Gott, lasst ihn doch kommen.

Warum ist es ihm so wichtig, Deutschland in ein schlechtes Licht zu rücken?
Weil er schlau ist. Im April gibt es eine Wahl, die in der Türkei ein Präsidialsystem etablieren soll, in dem der Präsident absolute Macht erhält. Erdogan macht das, was Trump im Wahlkampf erfolgreich eingesetzt hat und was Höcke von der AfD auch immer wieder tut: die Grenzen des Sagbaren austesten. Die Türkei ist gespalten, die Wahl könnte knapp werden. Deshalb muss er sich als starker Führer darstellen, der sich von Deutschland nichts gefallen lässt. Ich habe zwar einen türkischen Hintergrund, aber ich bin unendlich froh, dass ich politisch in Deutschland sozialisiert wurde. Dieses Großmäulige kann ich ja schon bei einigen CSU-Politikern kaum ertragen. Frech zu sagen, ich komme, wann ich will und niemand kann mich aufhalten, ist Machogehabe. Halbstarke Jungs werden in der Türkei deli kanli genannt, „verrücktes Blut“. Türkische Politiker benehmen sich gerade wie pubertierende türkische Jugendliche in der U-Bahn, denen man sagt, sie sollen ihre dreckigen Schuhe vom Sitz nehmen, und die einem dann aggressiv antworten: Bist du Nazi, oder was? Ich bin in einem Land aufgewachsen, das eine gewisse Bescheidenheit kultiviert. Wir haben mit Angela Merkel jemanden, der besonnen ist und versucht, die Contenance zu wahren. Ich mag das. In diesen Zeiten schäme ich mich den ganzen Tag fremd. Aber was bei vielen von uns Fremdschämen auslöst, löst in der Türkei Stolz aus.

Der Wunsch nach einem starken Mann kommt oft aus einem Minderwertigkeitskomplex, aus Schwäche.
Aber für diese Erkenntnis muss man nicht in die Türkei schauen. Das kann man auf der ganzen Welt beobachten. Die Türkei ist von der EU nie richtig ernst genommen worden. In den 60er Jahren wurde der Türkei versprochen, Vollmitglied werden zu können. Seit 2005 gibt es offizielle Beitrittsgespräche. Aber viele Türken wollen gar nicht mehr in die EU, weil sie jahrzehntelang hingehalten wurden. Mit Erdogan können sie jetzt stolz sagen: Wir sind wer. Er besucht die Menschen in den hintersten anatolischen Dörfern, holt ein Taschenmesser hervor und schneidet einem Bauern einen Apfel auf.

Tolle Geste.
Ja, das lieben die Menschen an ihm. Er hat die Nahbarkeit des einfachen Mannes. Das gab es vorher in der Türkei nicht.

Aber vorher war die Türkei moderner, oder?
Sie war nicht modern. Die Kemalisten haben nur die andere Seite eingesperrt, haben alles verboten, was mit Religion zu tun hatte. Für uns in Deutschland war das kein Problem, weil uns das Kemalistische moderner vorkam. Istanbul war so schön, die Frauen waren so frei, so westlich gekleidet. Wo die Kemalisten regiert haben, sah es wunderschön aus, der Rest des Landes lebte im Slum. Sie verstanden sich als Elite, die unter sich blieb. Davon hatten die Leute irgendwann genug, deshalb wählten sie mit Erdogan einen von ihnen. Die politische Türkei hat uns in Deutschland vor Erdogan nicht wirklich interessiert. Jetzt, da Moscheen und das Kopftuch im Vordergrund stehen, erscheint uns die Türkei als Gefahr.

Sie kommen aus einem anatolischen Dorf, wie ist die Stimmung dort?
Niemand hat sich vor Erdogan um sie gekümmert. Heute sagen viele: Die kommen mit dem Bus und holen mich ab, bringen mich zum Arzt oder ins Krankenhaus. Es gibt ein neues Krankenversicherungssystem, ein neues Rentensystem. Von dem Rentensystem profitieren auch viele Türken aus Deutschland. Auf der anderen Seite steht die enorme Überschuldung der Türkei. Aber das bekommen sie nicht mit, es geht ihnen wirtschaftlich besser, als je zuvor. Diese einfachen Menschen sind nicht politisch. Das ist vergleichbar mit den Trump-Wählern oder den AfD-Wählern. Endlich jemand, der sich für den kleinen Mann einsetzt.

Werden Sie in der Türkei auch gebeten, Deutschland zu erklären?
Das ist schwierig. Wir sind eine neue Kategorie von Türken, entstanden in den 60er Jahren mit dem Anwerbeabkommen: die Deutschtürken, almanci, eine Arbeiter- und Bauernschicht, die nach Deutschland gekommen ist. Die Elite in der Türkei hat uns nie anerkannt. Über uns wurde die Nase gerümpft, und das ist im Grunde bis heute so. Auch diese Sicht auf almanci hat Erdogan positiv geändert.

In Deutschland gelten Sie als Expertin für das Leben in zwei Welten. Stört Sie das eigentlich?
Nein, ich empfinde es immer noch als etwas Besonderes, in zwei Kulturen zu leben. Erdogan ist ja nicht die türkische Kultur. Aber mir ist klar geworden, dass ich von außen auf die Türkei schaue, mit meiner deutschen Sozialisation, meinem Demokratieverständnis, meiner Vorstellung von Menschenrechten und Meinungsfreiheit. Mir als Deutschtürkin erscheint die Lage von hier aus betrachtet dramatischer, schlimmer, hoffnungsloser, als den Türken in der Türkei. Die haben diese Perspektive von außen gar nicht. Mein Heimatland ist Deutschland. Den Menschen in der Türkei wünsche ich, dass sie so leben können, wie ich es in Deutschland kann. Das wünsche ich allen Menschen, die in politisch unterdrückten Staaten leben. Jetzt werde ich pathetisch. Aber vielleicht ist jetzt die richtige Zeit dafür. Anatolisches Pathos statt Empörung.

Interview: Susanne Lenz

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