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Türkei Medien Pinguine statt Demonstranten

Die Proteste der türkischen Bürger für mehr Demokratie finden in den Medien fast nicht statt. Viele Menschen empfinden das angesichts der sonstigen Sendevielfalt als Zensur.

Die Proteste der türkischen Bürger für mehr Demokratie finden in den Medien fast nicht statt. Viele Menschen empfinden das angesichts der sonstigen Sendevielfalt als Zensur.

"Medien lügen" hat jemand auf einen zerstörten gelben Kleinbus gesprüht, der zum Symbol geworden ist für das Versagen des türkischen Fernsehens in der Taksim-Krise. Der über und über besprühte Kleinbus gehört dem TV-Nachrichtenkanal NTV, einem der vier großen türkischen News-Provider. Er wurde am Samstag bei den Protesten auf dem Taksim-Platz demoliert und dient jetzt als Barrikade an der Mündung der Inönü-Straße in den Platz dort, wo die Protestler jederzeit die Attacke der Tränengas-Polizei erwarten.

Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen, sie wird getwittert, steht an einer Hauswand. Als die Revolte am Wochenende ihren ersten Siedepunkt erreichte, fand sie im türkischen Fernsehen praktisch nicht statt. Nicht nur das staatliche TRT, auch die privaten Sender NTV, CNN Türk und Habertürk ignorierten, was sich zutrug. Sie sendeten Dokumentationen, etwa über Pinguine. Wer sich informieren wollte, war auf den Oppositionssender Halk TV angewiesen oder auf die Tageszeitungen.

"Als ob wir gar nicht existieren"

Nun starren die Protestler auf die kleinen Mattscheiben ihrer Smartphones, um die aktuellen Twitter- und Facebook-Nachrichten, die vielen Kurzvideos zu studieren. Nicht das Fernsehen, sondern die sozialen Netzwerke machten den Hashtag #womaninred mit Bildern des türkischen Fotografen Osman Orsal zu einem Symbolbild der Proteste. Sie zeigen, wie ein Polizist eine junge Frau im roten Sommerkleid mit Tränengas attackiert.

Aus dem Fernseh-Blackout zogen die Protestierenden den Schluss, dass der Staat ihnen nicht einmal zugesteht, eine abweichende Meinung öffentlich zu vertreten. Es war, als ob wir gar nicht existieren, sagt Yanki Bicakci. Für den 21-jährigen Studenten war das ein Schlüsselerlebnis. Sonst wird bei uns alles und jedes live übertragen und dann in den Talkshows stundenlang hin- und hergewendet, sagt er. Aber hier gehen hunderttausende Menschen auf die Straße, protestieren gegen die Polizeigewalt und für eine bessere Umwelt und was machen die Medien? Sie schweigen. Als die großen Nachrichtensender dann am Sonntag vereinzelt Bilder von den Massenprotesten brachten, zeigten sie zerstörte Autos und gewalttätige Randalierer, die es auch gibt, die aber nur eine Minderheit der Protestler stellen.

Es folgte eine Premiere: Tausende demonstrierten am Montag in Istanbul vor der Zentrale des NTV-Betreibers Dogus, eines riesigen Mischkonzerns. Sie forderten Live-Übertragungen von den Protesten. Abgesehen von der staatlichen TRT gehören auch die übrigen Nachrichtensender großen Wirtschaftsholdings, die eng mit der Regierung Erdogan verflochten sind. Dann griffen die Taksim-Aktivisten Dogus an seiner verwundbarsten Stelle an. Sie riefen dazu auf, Bankguthaben der zum Konzern gehörenden Garanti-Bank abzuziehen und Konten aufzulösen.

Die Fernsehzuschauer erfahren nichts

Inzwischen haben die Fernsehanstalten ihre Lektion gelernt, äußerlich. Ein Reporter des Boulevardsenders Star TV, der wie NTV zur Dogus-Gruppe gehört, erzählt auf dem Taksim-Platz, dass die Arbeit viel leichter geworden sei. Wir kriegen wegen der Beschwerden viel mehr Sendezeit. Doch im türkischen Fernsehen sind Zensur und Selbstzensur der Medien so selbstverständliche Praxis wie Propagandasendungen für die Regierung.

Wo waren NTV, CNN Türk, Habertürk, als am Mittwoch auf dem Taksim-Platz Unfassbares geschah? Dort kamen am frühen Abend Kurden, zehntausende meist junge Männer und Frauen, die auch Fahnen mit dem Porträt Abdullah Öcalans, Chef der verbotenen Kurdenguerilla PKK, mitführten. Es ist eine Straftat, das Porträt des Terroristenchefs öffentlich zu zeigen. Doch Jubel brandete auf, als Sprecher der Kurdenpartei sagten, man schließe sich den Protesten für mehr Demokratie an. Das muss die Regierung in Ankara, die Friedensgespräche mit der PKK führt, als Provokation verstehen. Eine dramatische Wende doch die türkischen Fernsehzuschauer erfahren bisher nichts. Auf Facebook wird eine Frage so heiß diskutiert wie kaum eine andere: Sind wir all die Jahre auch über die Kurdenfrage belogen worden?

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