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Türkei „Hexenjagd nach McCarthy-Art“

In der Türkei wird energisch gegen die Verhaftung zwei bekannter Intellektueller protestiert. Ahmet und Mehmet Altan sollen der Gülen-Bewegung nahe stehen.

Ankara, Ende August 2016, während der Atatürk-Feierlichkeiten. Die Sicherheitskräfte tragen schwarz oder weiß. Dem entspricht auch die Weltsicht des türkischen Präsidenten. Foto: rtr

Es ist, als wären in Deutschland Heribert Prantl und Peter Sloterdijk verhaftet worden. Die Festnahme der Brüder Ahmet und Mehmet Altan, zweier der bekanntesten türkischen Intellektuellen und Zeitungskolumnisten, hat in der Türkei einen Sturm der Empörung in den sozialen Medien hervorgerufen. Inzwischen haben auch 54 prominente internationale Autoren dagegen protestiert, darunter Orhan Pamuk, Elena Ferrante, Roberto Saviano, J.M. Coetzee. Mit einem offenen Brief haben sie sich an die Regierung der Türkei und die Öffentlichkeit gewendet, um zu stoppen, was sie als „Vendetta gegen die klügsten Denker und Autoren des Landes“ bezeichnen.

Im Aufruf der türkischen Journalistenplattform P24 schreiben die Unterzeichner, dass der gescheiterte Putsch vom 15. Juli gegen die Regierung in Ankara nicht als Anlass für eine „Hexenjagd nach McCarthy-Art“ missbraucht werden dürfe.

Besonders beunruhigend sei die Festnahme der 66 und 63 Jahre alten Altan-Brüder, denen die Staatsanwaltschaft den grotesken Vorwurf macht, sie hätten in einer Fernsehtalkshow vor dem versuchten Staatstreich „versteckte Botschaften“ über die bevorstehende Aktion an deren Unterstützer übermittelt. Ihnen wird eine Nähe zur Bewegung des in den USA lebenden Islam-Predigers Fethullah Gülen unterstellt, welche die Regierung für den Putschversuch verantwortlich macht.

„Wir als Schriftsteller, Akademiker und Verteidiger der Meinungsfreiheit sind besonders darüber beunruhigt, dass Kollegen, die wir kennen und respektieren, unter Notstandsgesetzen inhaftiert wurden“, heißt es in dem Offenen Brief. „Deshalb appellieren wir an die türkische Regierung, ihre Verfolgung prominenter Autoren zu stoppen und die Freilassung von Ahmet und Mehmet Altan und so vieler ihrer Kollegen, die fälschlicherweise beschuldigt werden, zu beschleunigen.“

Die Brüder sind nicht unumstritten

Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk wurde in einem Artikel für die italienische Zeitung „La Republicca“ noch deutlicher. Dort schrieb er über die Türkei: „Die Gedankenfreiheit existiert nicht mehr. Wir bewegen uns mit großer Geschwindigkeit von einem Rechtsstaat zu einem Terrorregime.“ Nach dem Putschversuch wurden mehr als 50 Journalisten und Schriftsteller verhaftet. Insgesamt sitzen über hundert Journalisten in türkischen Gefängnissen – so viele wie in keinem anderen Land der Erde.

Die Altan-Brüder, Sprosse einer berühmten Journalistenfamilie, sind das bekannteste Geschwisterpaar der türkischen Intellektuellenszene. Sie sind nicht unumstritten, denn beide haben den jetzigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und dessen islamisch-konservative Regierungspartei AKP jahrelang unterstützt und als liberale Aushängeschilder für sie fungiert, bis sie sich vor einigen Jahren gegen sie stellten.

Ahmet Altan gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller der Türkei. Seine Bücher wie „Der Duft des Paradieses“ (2003) sind in viele Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft worden. Er arbeitete jahrelang als Kolumnist für Zeitungen wie „Hürriyet“ und „Milliyet“, wo er sich besonders für die ethnischen Minderheiten einsetzte. 2007 gründete er seine eigene Zeitung „Taraf“, deren Chefredakteur er bis 2012 blieb. Taraf wollte erklärtermaßen die größten Tabus der Türkei wie den Genozid an den Armeniern und die Unterdrückung der Kurden thematisieren. Ende Juli wurde das Blatt per Regierungsdekret geschlossen.

Tatsächlich spielte „Taraf“ eine unrühmliche Rolle bei der Veröffentlichung gefälschter Dokumente in der sogenannten Balyoz-Affäre, mit der Gülenisten in der Justiz 2010 die Militärführung angriffen.

Kritiker werfen Ahmet Altan vor, dass er mit „Taraf“ damals auch gegen linke Gülen-Kritiker wie Ahmet Sik zu Felde zog und die kurzzeitige Verhaftung der krebskranken Autorin Türkan Seylan verteidigte. Nach seinem Abschied von Taraf schrieb er scharfe Kolumnen gegen die zunehmend autoritäre AKP-Regierung. „Ihn deswegen als Putschisten zu bezeichnen, ist absurd“, sagt ein türkischer Journalist, der ihn gut kennt.

Wie Ahmet Altan war sein jüngerer Bruder Mehmet Dauergast in politischen Fernsehtalkshows und galt als eine der letzten liberalen regierungskritischen Stimmen, die auch die großen Privatsender noch einzuladen wagten. Der bekannte Volkswirtschaftler und vehemente Befürworter der türkischen EU-Mitgliedschaft publizierte mehr als 25 Bücher und unzählige Zeitungskolumnen, in denen er sich dafür einsetzte, die türkische Identität nicht wie bisher auf Rasse und Religion, sondern vielmehr auf dem Respekt für die Menschenrechte zu gründen.

Kurz vor seiner Festnahme geriet er ins Visier des Erdogan-Propagandisten Hilal Kaplan, der den Behörden vorwarf, dass sie Mehmet Altan während der allgemeinen „Säuberungen“ auf seinem Universitätslehrstuhl beließen. „Wie bei seinem Bruder und anderen Inhaftierte ist sein Verbrechen nicht die Unterstützung eines Putsches, sondern die Effektivität seiner Kritik an der gegenwärtigen Regierung“, heißt es im Protestbrief der Schriftsteller.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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