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Tübingen 1514 Der Deal Schulden gegen Freiheit

Staatsbankrott und demokratisches Aufbegehren: Die Ausstellung „1514“ über den Vertrag von Tübingen verharrt nicht nur in früher Neuzeit.

19.06.2014 18:21
Peter Iden
Albrecht Dürer: Das tanzende Bauernpaar, 1514. Foto: Kunsthalle Tübingen : Universitätsbibliothek Graz/ Bayerische Gemäldesammlungen / Kunstsammlungen der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg, Schloss Wolfegg/

Zu demokratischen Verfassungen führten historisch und führen noch immer die unterschiedlichsten Wege. Von einem auffällig besonderen Weg handelt derzeit eine Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen: Sie thematisiert den „Vertrag zu Tübingen“ von 1514, fünfhundert Jahre also, nachdem er unter Anleitung und Aufsicht von Kaiser Maximilian I. zwischen dem Herzog Ulrich von Württemberg und den als „Landstände“ firmierenden, bürgerlichen Kräften seines Herrschaftsbereichs abgeschlossen wurde. Der Vertrag sicherte der bürgerlichen Führungsschicht das Recht auf die Teilhabe an der Regierung des Herzogtums, ebenso den Anspruch auf gerechte Verhandlungen vor Gericht wie auf freizügige Bewegung, heute würde man sagen: auf Mobilität.

Schulden mit Zins und Zinseszins

Aber wie war es zu diesen Regelungen gekommen? Das Besondere an dem Abkommen mit im Ergebnis deutlich demokratischer Tendenz ist das geschäftliche Element, durch das es überhaupt möglich wurde. Der Herzog Ulrich war nämlich ein eigenmächtiger Verschwender, führte unsinnige Kriege, frönte zulasten der Landbevölkerung einer maßlosen Leidenschaft für die Jagd, leistete sich einen üppigen Hofstaat und teure Turniere. Dieser Lebensstil war einer auf Pump, obwohl die Bürger durch hohe Steuern belastet wurden, überstiegen die Kosten die Einnahmen bei weitem. Das führte zu Aufständen, die Bauern etwa rotteten sich zur rebellischen Bewegung des „Armen Konrad“ zusammen, die der Herzog blutig niederschlagen ließ.

Für ihn am bedrohlichsten aber war die finanzielle Schieflage, in die sein Hochstapler-Gebaren ihn gebracht hatte – Ulrich war schlicht pleite und sein Land dicht am Staatsbankrott. Um Letzteren abzuwenden, sah der Tübinger Vertrag von 1514 vor, dass die Bürger über mehrere Jahrzehnte hin die Schulden mit Zins und Zinseszins tilgen würden, im Gegenzug für die genannten Rechte der Mitbestimmung und der persönlichen Freiheiten. Die Demokratie wurde also erkauft, der Vertrag beschreibt nicht mehr und nicht weniger als: ein schwäbisches Geschäft.

Die Ausstellung jedoch, die dazu nun in Tübingen zu sehen ist, verfolgt noch andere Ziele als das der bloßen Dokumentation eines alten Vertragswerks, für welches die originalen Belege ohnehin im Zweiten Weltkrieg gänzlich zerstört oder nur noch fragmentarisch erhalten sind. Zwar hält sie als Attraktion ein einst am Hof Ulrichs gern vorgezeigtes, ausgestopftes, ziemlich mächtiges Wildschwein als Beleg bereit für die fatale Jagdlust des Herzogs, für den diese Viecher eigens ausgesetzt wurden mit Kollateralschäden für die Bauern, deren Felder sie verwüsteten – was dann die Aufstände mit veranlasst hat, die wiederum ein Motiv für den kaiserlichen Druck auf Ulrich waren, sich durch den Vertrag mit den rebellierenden Kräften zu versöhnen.

Wichtiger aber und ergiebiger ist die Anstrengung der beiden Verantwortlichen, Götz Adriani und Andreas Schmauder, den Vertragsabschluss aus dem künstlerischen, ästhetischen Umfeld der Epoche heraus zu erfassen. Durch mehr als 260 Gemälde, Zeichnungen, Objekte, die sie aus bedeutenden Sammlungen zusammengetragen haben, gerät die Unternehmung in viele, hochspannende Erzählungen darüber, woher wir kommen und was Menschen angetrieben hat und bewegt bis in unsere Tage.

Vor allem anderen erkennbar wird der Grundtrieb, sich ein Bild zu machen, ein Bild von sich selbst, von denen, mit denen gelebt wurde, Freunden wie Feinden, von den großen Begebenheiten, den tragischen wie den glücklichen, ein Bild aber auch von dem, was Alltag heißt, im engsten Lebensfeld.

Der Bildermacher als Chronist, als Erzähler; zugleich als Fantast, Visionär und Erfinder

Der Drang zu solcher Bildgebung hat, wie heute jedes Fotoalbum und jede „Tagesschau“, als Erinnerungsarbeit, Anstrengung der Fixierung des Flüchtigen, zu tun mit dem Bewusstsein der Vergänglichkeit von allen und allem, sehr präsent nicht nur in jener Epoche zahlloser Kriege aus nichtigen Anlässen, rücksichtsloser Unterdrückung und Gewaltanwendung.

Prominentester Bildgeber seiner Zeit, und darum mit vielen Arbeiten auch im Mittelpunkt der Ausstellung, ist Albrecht Dürer gewesen. Der Bildermacher als Chronist, als Erzähler; zugleich als Fantast, Visionär und Erfinder neuer Möglichkeiten der technischen Verfahren. Man kann ihn jetzt in Tübingen erleben in jeder dieser Rollen. Als Augenzeuge, auf dem Rückweg einer Reise nach Zürich durch Württemberg, skizziert er einen Moment des Krieges, den Herzog Ulrich gegen den Schwäbischen Bund führte, die Beschießung der Festung Hohenasperg durch die Bundestruppen, mit einer nachgerade fotografischen Genauigkeit im Detail.

Mit Hans Burgkmair d. Ä., Albrecht Altdorfer, Hans Schäuffelein und anderen Künstlern der Zeit beteiligte auch Dürer sich an der Darstellung des Großen Triumphwagens, mit und auf dem Maximilian I. sich für seine Zeitgenossen und das Gedächtnis der Nachwelt selbst verherrlichte.

Es ist Dürers Aufmerksamkeit für die Sachen der Welt, denen er sich in den Zeichnungen und der Druckgrafik wie in seinen Gemälden zuwendet, die auch in Tübingen wieder besticht, diese Hinwendung zu Einzelheiten, Kostümen, alltäglichen Requisiten, Sitten und Gebräuchen, die ein Zeitbild entstehen lassen.

Zugleich ist oft zugegen, was über diese Welt hinausweist, hinter einem Baum halb verborgen ist die Gestalt des Todes mit dem Stundenglas für das Liebespaar im Vordergrund mahnende Erinnerung an die Endlichkeit von allem, was lebt. Angesichts der die Epoche bestimmenden, allgegenwärtigen Gewalt war die Angst ein Merkmal der Grundstimmung der Zeit. Nicht nur von der Hand Dürers enthält die Ausstellung dafür viele Belege.

Gegen die Gewalt wollten die Bürger Württembergs im Tübinger Vertrag von 1514 um den Preis der Abgeltung der Schulden ihres Herrschers ihre Freiheiten garantiert wissen. Ganz so idyllisch beruhigt und friedfertig wie die Vertreter aller Schichten sich in der späteren Schilderung einer Ratssitzung durch einen anonymen Künstler in großer Runde um den Herrscher gruppieren, ist die Frühform der Mitbestimmung nicht gewesen. Weil die Herrschenden alsbald bemüht waren, die gerade gewonnenen Rechte der Bürger wieder einzuschränken.

Aber immerhin, bis 1805 blieb der Vertrag in Kraft, wie Götz Adriani im Katalog, der eine Schatzgrube ist, festhält, „ersatzlos aufgehoben“ durch den Staatsstreich eines späten Nachfolgers des Herzogs Ulrich, von dem die Bürger ihn einst erkauft hatten.

In der fabelhaft bestückten und sinnfällig aufbereiteten Ausstellung wird sichtbar, was dieses Geschäft zu seiner Zeit bedeutet hat. Das muss man gesehen haben.

Kunsthalle Tübingen, bis zum 31. August. Der Katalog (512 S., in der Ausstellung 29,80 Euro) ist unbedingt empfehlenswert, www. kunsthalle-tuebingen.de

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