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WM 2018 Sportsgeist

Der Fernseher bleibt in diesen Tagen schwarz. Mit gutem Grund. Die Kolumne „Times mager“ über die Probleme des Fußballfans mit der WM in Russland.

1966 World Cup Final
1966 war's, das erste Endspiel, das der Fußballfan geguckt hat. Und diesmal? Schaut er in die Röhre. Foto: Imago

Was ist jetzt wieder passiert? Im Zimmer herrscht eine Enge, seit Tagen schon ein Druck, der kaum noch auszuhalten ist. Schwarz, wie der Fernseher in diesen Tagen bleibt, scheint er sich erst recht breitzumachen im Raum. Auch wenn die Fußball-WM vom Fernsehschirm verbannt ist, so ist er im Fernsehzimmer nur noch mehr präsent. Das Resultat sieht so aus, dass die Enge im Raum kein Mangel an Raum ist, sie ist ein Zuviel an hohen Erwartungen. Kein Bild, kein Ton, während in den anderen Fernsehzimmern der Nachbarschaft ganz offensichtlich WM-Hochbetrieb herrscht. Unfassbare Schreie, unfassbares Aufstöhnen, unfassbarer Jubel, und das kann doch wohl nur ein Torjubel sein, der aus den offenen Fenstern all der Fernsehzimmer hinauswogt, zu dem einen offenen Fernsehzimmer hinein. Was ist jetzt wohl passiert?

Wie oft schon musste der Fußballfan mit dem Druck leben. Kaum ein WM-Spiel einer deutschen Fußballnationalmannschaft hat er seit seinem ersten WM-Endspiel verpasst, dem von 1966, in Londons Wembleystadion. Es kann also gut sein, dass dieser eine Fußballfan nicht der größte WM-Zuschauer aller Zeiten ist, aber vielleicht doch Deutschlands WM-Rekordzuschauer der letzten 52 Jahre. Das wäre doch was - aber das weiß natürlich niemand, und das liegt nun mal daran, dass es auf diesem Gebiet (Feld!) bis heute keine Datenbank gibt, unfassbar auch das.

So denkt der Fußballfan bei sich, während der Fernseher vor seinen Augen schwarz bleibt, weil der Fan über die Verhältnisse in Putins Russland einfach nicht hinwegsehen kann, was natürlich auch zur Folge hat, dass die WM-Fernsehserie des Fans abreißt, was allemal bitter ist, auch in diesem Moment wieder, in dem in den Fernsehzimmern der Nachbarhäuser ein Schreien stockt, doch ein Schreien nicht etwa in höchsten Tönen ausklingt, sondern vielmehr dumpf abstirbt. Kein schönes Ach, bloß ein Uff, wie bei einem Ball, aus dem die Luft entweicht. Was ist jetzt wohl wieder passiert?

Wie oft konnte der Fan schon mit dem größten Druck leben – wäre er sonst dreimal Fußballweltmeister geworden, 1974, 1990, 2014. Doch jetzt, wo es um die historische Titelmission geht, und die ist, wie der Bundestrainer prophezeite, „das Allerschwierigste überhaupt“, müssen Mannschaft und Bundestrainer ohne den Fan leben. Natürlich ist das kaum zu kompensieren. Allein die WM-Erfahrung des TV-Zuschauers.

Sicher, er ist nicht mehr der Schnellste, aber er wüsste schon, wie man so ein Turnier bestreitet in Putinland. Einmal vom Scheitel bis zur Sohle nicht bloß passiv sein. Einmal nicht Zuschauer sein, kein Mitläufer. Deshalb will der Fan, ganz aktiver Sportsmann, ein Zeichen setzen. Kein Bild, kein Ton. Abwesenheit, Ächtung.

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