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Times Mager Pius XII. und die Shoa

Die ARD hat Zweifel in einem TV-Epos geschürt, indem es die fatale Verantwortung von Pius’ Papstdiplomatie relativierte, vor allem aber ein moralisches Märtyrertum des Nachfolgers Christi soapartig bebilderte.

Christian Thomas ist Ressortleiter des Feuilletons der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Zum Menschenrecht des Glaubens gehört der Zweifel. Dieser Gedanke ist nicht von den Institutionen dieser Welt aufgebracht worden, gewiss nicht von der Kirche – oder vom Außenministerium, wie zuletzt deutlich wurde. Weil der Zweifel zur existentiellen Natur des Menschen gehört, wurde er institutionell stets nachdrücklich bekämpft, außerordentlich aufmerksam von der Kirche auch von dem Tag an, als der Dramatiker Rolf Hochhuth sein faktengesättigtes Stück „Der Stellvertreter“ auf die Bühne brachte, seine dramatische Anklage der Politik von Papst Pius XII. Denn zu dessen Lebensbilanz gehörte das Schweigen über die tausendfache Deportation römischer Juden im Jahre 1943.

Auch Hochhuths Stück hat den Blick auf die Shoa gelenkt. Doch nicht allein darin besteht, bei allen ästhetischen Besonderheiten, das historische Verdienst dieses Schauspiels. Nein, waren doch die Reaktionen des Vatikans auf dieses Trauerspiel gewiss eine Offenbarung – an Selbstherrlichkeiten, an Zynismus einer Institution angesichts von Zweifeln.

Zweifel wiederum an diesen Gewissheiten hat jetzt die ARD in einem TV-Epos geschürt, indem es die fatale Verantwortung von Pius’ Papstdiplomatie relativierte, vor allem aber ein moralisches Märtyrertum des Nachfolgers Christi soapartig bebilderte. Sind Skrupel angebracht gegenüber Erkenntnissen, die mit einem Trauerspiel mühsam eingebürgert wurden? Im Gegensatz zu der Aufregung, die das soeben veröffentlichte Buch über die Verbrechen des Außenministeriums ausgelöst hat, scheint die Republik die TV-Seligsprechung von Pius XII. eher gleichgültig zu lassen. Oder sollte es so sein, dass sich die Mehrheitsgesellschaft von einem Beitrag im Parallelprogramm von Arte nicht beirren ließ?

Dort wurde noch einmal Costa- Gavras „Stellvertreter“-Verfilmung gezeigt, als Veto und mit einer der grauenerregendsten Filmszenen über die Shoa – aus der Perspektive der SS. Denn während die Mörder durch einen Türspion hindurch ihren Zyklon-B-Mord an Juden begutachten, beginnt die Gaskammertür zu beben. Wäre da nicht der Zweifel, so ließe sich glauben, es atme die Gaskammer selbst.

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