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Times mager Zarafa

Heute sind es Panda-Bären, einst versuchte man, sich mit einer Giraffe beim französischen König einzuschmeicheln.

Giraffe
Wenn es die Antilopen nicht bringen, muss eben die Giraffe her. Foto: imago

„Jetzt guck doch mal, wo wir schon mal da sind“, sagen die Eltern, der Junge aber will nicht gucken. Oder eigentlich interessiert ihn nur das nicht, was sich ein paar Meter weiter abspielt, er ist auf das konzentriert, was er vor seiner Nase hat. „Ja“, sagt er, „gleich“, sagt er. Aber die Antilopen und Zebras im Zoo bringen es halt irgendwie nicht, schon gar nicht bei deutschem Schmuddelwetter. Die Eltern wenden sich wieder den Infotafeln zu und geben vor, sie aufmerksam zu lesen.

Zarafa brachte es nach Meinung von Hunderttausenden, sie war ein Star, als sie vor knapp 200 Jahren nach Frankreich kam als Erste ihrer Art. Ein Ölgemälde von Jacques Raymond Brascassat zeigt sie beherzt ausschreitend auf einem Höhenweg, im Hintergrund liegt ihr ein Land zu Füßen. Zwischen einem Militär auf weißem Pferd, einem Afrikaner in rotem Kaftan, einem weiteren Afrikaner in weißen Pluderhosen und zwei Kühen, die einzig zu ihrem leiblichen Wohl mitgeführt wurden, schwingt Zarafa ihre langen schlanken Beine. Von Marseille aus, wo sie das Schiff verließ – man hatte ihr ein Loch ins Deck geschnitten, damit sie es bequem hat – schlenderte sie rund 900 Kilometer weit, bis sie Rosenblätter bekam aus der Hand des französischen Königs Charles X. (Aber wo nahm dieser die Rosen her, es war Winter in Frankreich, für diese Zarafa hatte man doch auch einen Mantel maßgeschneidert? Handelt es sich hier um Fake News?)

An Huldigungen war sie da schon gewöhnt; in Lyon sollen 30 000 geströmt sein, um die Ankunft des „schönen Afrikaners“ in der Stadt zu sehen (man hielt sie für ein Männchen, was sich letztendlich als Irrtum erwies, als man sie nach ihrem Tod ausstopfte – vermutlich hätte man nur ihre afrikanischen Pfleger zu fragen brauchen). In Paris, wo sie im Jardin des Plantes residierte, kamen in den ersten sechs Monaten bereits 600 000 Besucher. Manche von ihnen sicher frisch eingekleidet in „Giraffengelb“, der Modefarbe der Saison, manche der Damen mit hornartigem Haaraufbau und gelb-braun geflecktem Kleid. Zarafas Fellmuster gab es auch als Tapete. Außerdem Accessoires im Giraffendesign wie Kämme und Fächer, aber, so ist überliefert, auch Seife (Seife?) und diverse Porzellangegenstände. Heute würde man Zarafa eine Marke nennen und irgendwer hätte das Copyright. Erst um 1830 rum soll das Giraffenfieber wieder abgeklungen sein.

Die Giraffe war ein Geschenk, ordentlich teuer und aus Ägypten geschickt, um die politische Lage zu entspannen. Heute nimmt man zu diesem Zweck Pandas, die hat man dem Aussterben schon näher gebracht, was sie kostbarer macht. Möglicherweise schlägt auch Knuffigkeit heutzutage Eleganz, das Runde das Eckige. Für 2250 Euro verkauft im Internet ein Tierpräparator das Fell einer Zarafa, er weist darauf hin, dass es nicht ganz glatt am Boden liegt. Bei „Dinner for One“ wird es trotzdem wohl beim Tiger bleiben.

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