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Times Mager Wühler

Ist es nicht sehr verdächtig, dass an einer Stelle des Landes ein Feldhamster spurlos verschwindet, an einer anderen einer auftaucht?

Feldhamster
Richtige Wühler sind die Feldhamster. Denn sie arbeiten untertage. Foto: imago

Aufatmen in Kissenbrück, Abwarten in Euerbach. Aber eins nach dem anderen. Fangen wir im Norden an. Kissenbrück liegt im Osten Niedersachsens, 1700 Einwohner, steinalt, aber mit neuem Baugebiet, auf dem natürlich gebaut werden soll, was sonst. War auch genau so vorgesehen, bis jemand, der am Baugebiet vorbei lief, einen Feldhamster sah. Feldhamster, der Fachmann sagt Cricetus cricetus, gehören in die Familie der Wühler, was bedeutet, sie arbeiten untertage. Außerdem sind sie selten und deshalb streng geschützt und bewacht, ungefähr so wie Frank-Walter Steinmeier, der Bundespräsident, nur als Beispiel.

Ohne dass das Tier etwas ahnt oder auch nur will, führt dennoch die Sichtung eines Feldhamsters in Mitteleuropa oft dazu, dass sich menschliches Planen im selben Augenblick erledigt hat. So eben auch in Kissenbrück. Kaum tauchte Cricetus cricetus im August auf, verhängte ein Mitarbeiter des Landkreises einen Baustopp, der bis zum Frühjahr 2018 gedauert hätte, also bis zum Ende des Winterschlafes und einer anschließenden Umsiedlung des Tieres. Erst danach wäre es weitergegangen, vorausgesetzt, es hätten sich nicht heimlich weitere Hamster niedergelassen. Aber etwas Unvorhergesehenes ist eingetreten: Der Feldhamster von Kissenbrück ist weg. Er hat sich aus dem Staub gemacht. Oder ist verstorben. Man weiß es nicht. In seiner Höhle ist er nicht, man hat nachgeschaut. Der Landkreis hat sofort die Baugenehmigung neu erteilt und deshalb nun das laute Aufatmen in Kissenbrück.

Nun kommt’s: 265 Kilometer südlich liegt die fränkische Gemeinde Euerbach, 3000 Einwohner, alt und hübsch. Und genau dort ist dieser Tage auf einem Feld, wo der Bürgermeister gerne eine Umgehungsstraße nebst Kreisel gehabt hätte, haargenau ein einziger Hamster aufgetaucht. Er hat sich in den Boden eingearbeitet und dort eine Wohnung angelegt. Ob es der aus Kissenbrück ist, kann natürlich niemand sagen. Man will auch nicht unnötig spekulieren in Euerbach oder mit dem Finger nach Norden zeigen.

In Euerbach hat man nachgesehen, und es kam, wie es kam: Der Feldhamster ist wohl in seiner Höhle und richtet sich für die Advents- und Winterzeit ein. In Euerbach atmet man deshalb nicht tief durch, sondern wartet ab bis Mai. Der Franke ist geduldig und tolerant, er lässt Hamster ausschlafen. Im Frühjahr kommt dann ein Spezialunternehmen aus Würzburg, angeblich führend bei Hamsterumzügen. Es hat bereits Ruhm erworben, als es gelang, 180 Hamster zum Umzug zu bewegen, die den Plänen eines Möbelhausbetreibers im Weg standen. Also: Im Mai wird gegraben, der Wühler packt seine Körner und Sachen zusammen, und dann geht es ab in eine Gegend, wo der Mensch noch nicht wühlt.

Seit 21 Jahren ist Arthur Arnold Bürgermeister von Euerbach. Früher hätten Kinder noch 50 Pfennig für jeden gefangenen Hamster bekommen, weil die als Schädlinge galten, sagte er. Er will nicht jammern. Was soll’s auch. Früher war sowieso alles anders, nicht nur in Hamsterangelegenheiten.

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