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Times mager Woodstock

Noch keine 50 Jahre her und schon von Archäologen ausgegraben: das legendäre Festival von Woodstock.

Woodstock
Ach, nur eine Franse. Wie schön das wäre! Foto: imago

Den Weg aller Musikkassetten – plötzlich Bandsalat, Aufwickelversuch, Eiern, Quietschen, erneut Bandsalat, Abfallbehälter, seufz – ging vor vielen Jahren schon ein Woodstock-Tape, das natürlich bereits eine Raubkopie von einer Raubkopie und also voller Rauschen und Knistern war. Auf Klangqualität kam es freilich nicht an. Woodstock war in der Fantasie der Nachgeborenen Ekstase, Enthemmtheit auf Ursuppen-Untergrund (herrlich, sich mal im Dreck zu suhlen, jedenfalls theoretisch), war Rausch (zu dem nicht immer und ausschließlich die Musik führte, das wusste selbst die Nachgeborene schon), war Liebe und vor allem freie Liebe (der Unterschied war der N., zugegeben, nicht vollständig klar), war, kurz gesagt: Mythos. Großgeschrieben. Ganz groß.

Zwar hatte man fürs Fernbleiben eine gute Entschuldigung – ein Alter, in dem nur das mit dem Schlammbad nicht schwer illegal gewesen wäre –, doch war es bitter, Woodstock verpasst haben zu müssen.

Aber nun die gute Nachricht für alle Woodstock-Nachgeborenen und -Nachnachgeborenen: Archäologen graben derzeit auf der ehemaligen Kuhweide des Milchbauern Max Yasgur (die übrigens immer noch bzw. wieder aussieht wie eine Kuhweide, irgendwie unspektakulär), sie wollen dabei, heißt es, die genaue Lage der damaligen Bühne ermitteln.

Aber sicher hoffen sie zusätzlich auf eine Franse von Jimis weißer Jacke, auf einen Splitter der Bretter, die den Aufbruch bedeuteten, vielleicht sogar auf ein Pfeifchen, vielleicht ein paar Krümel darin, auf eine gerissene Gitarrensaite, ein heiliges Plektrum gar. Ein Höschen, in Ausübung freier Liebe in den Boden gestampft? Das wäre eine Sensation.

Bis August 2019, dem 50. Jahrestag des Festivals, will das Bethel Woods Center for the Arts das Gelände außerdem „mit Pfaden aufbereiten“, so dass Besucher dort flanieren und – äh, auf die grüne Wiese gucken können? Auf die Halme, deren Vorfahren einst von nackten Füßen geknickt wurden, deren Vorfahren einst den Schweiß der Verzückten und Entrückten aufsogen? Gewiss wispert dieses Gras, Legenden überliefernd, die den Weltschöpfungslegenden in nichts nachstehen: Auf deine Ururur(etc.)-Oma trat einst Janis drauf, deine Ururur(etc.)-Oma nahm es ihr aber nicht übel … und später rollte eine Perle von einer von Janis’ Halsketten zwischen unsere Familie, es ist die, die immer noch in unseren Wurzeln geborgen liegt. Pah, sagt da das Büschel von nebenan, auf unsere Ahnen hat sich Arlo gesetzt. Das ist noch gar nichts, sagen da die Nachbarn und lassen den Namen Roger fallen …

Legen Sie jedenfalls Ihr Ohr auf den Boden, sollten Sie das Gelände besuchen.

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