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Times mager Wie geht’s?

Das lässt sich nicht so eins, zwei, drei sagen. Jedenfalls nicht ohne Risiko.

Begrüßung im Restaurant
Alle regelmäßigen Kunden werden neuerdings danach gefragt, wie es ihnen geht. Foto: imago stock&people

Ein Nachteil des modernen und unspießigen Lebens ist es, dass man täglich mehrmals gefragt wird, wie es einem geht. Schon in der Englischstunde war es ein Rätsel, wie aus einer so komplexen Frage ein nonchalant zu vollziehendes Begrüßungsritual werden sollte. Denn es kommt ja, erklärten die Lehrer, absolut nicht darauf an, wie es einem gehe. Seither hat sich aber gezeigt, dass alle anderen das reizend und chic finden und sich jetzt allenthalben bei regelmäßigen Kunden (türkischer Schnellimbiss, Taxiservice) und flüchtigen Bekannten (Pressesprecher, Nachbar aus dem sechsten Stock) am Anfang des (damit auch fast schon wieder beendeten) Gesprächs danach erkundigen. Nun ist es offensichtlich so, dass man darauf antworten muss, wie der Fragende auch gefragt hat: beiläufig, rasch. Zwei Faktoren aber stemmen sich dagegen. Erstens das schlechte Gewissen, mit einer flotten, vergnügten Antwort über das Leid der Welt hinwegzugehen („der Optimismus ist eine absurde, ja ruchlose Denkungsart und ein bitterer Hohn auf die Leiden der Menschheit“). Zweitens die Angst davor, aus magischer Perspektive einen Fehler zu begehen („ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“). Der Wunsch, mit dem eigenen Befinden diskret umzugehen, um das Schicksal nicht herauszufordern, sitzt tief, auch fehlen Gegenargumente. Wohingegen das Sicher-ist-Sicher schwer wiegt.

Magisches Denken ist unter Fußballern verbreitet, aber auch unter Redakteuren, die ihren ersten Satz nicht vorlesen dürfen / vorlesen müssen und das Lesebändchen auf eine bestimmte Weise in das zu rezensierende Buch legen. Vor Sonntagsdiensten werden sie nur unkonzentriert, überrumpelt oder heillos leichtfertig behaupten, dass ja glücklicherweise nichts los sei.

Die Frage bleibt, was damit gewonnen ist, letztlich auf keinen Fall zu erfahren, wie es jemandem tatsächlich geht. Zugleich aber mit einfachen Antworten ein Risiko einzugehen. Eine einfache Antwort ist zum Beispiel: alles gut, die aus magischer Perspektive ein Unglück herbeiredet. Man wird darum vielleicht bevorzugen: alles paletti, in der Hoffnung, dass das Schicksal alberne Italianismen, die nicht aus dem Italienischen kommen, nicht versteht. Oder nicht ernst nimmt. Oder davon ausgeht, dass der Sprechende sie nicht ernst nimmt.

Wie auch immer. Ehe man sich versieht – so war es beim „How do you do“ auch –, wird man selbst zu der Person, die die bewusste Frage stellt. Das ist keine Flucht nach vorne, sondern eine Taktik, die sich vielfach bewährt hat. Verlegene Gesichter, aber auch freudestrahlende (hochriskante) Antworten sind der Lohn. Bin ich der Hüter meines Herrn?

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